LWL-Museum für Archäologie Herne: Das Erbe der Drachenkönige

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Das goldene Drachensiegel von Kaiser Mingh Mang.
 
Glückliche Ausstellungsmacher: Annette Nünnerich-Asmus (Verlegerin),Josef Mühlenbrock (Museumsleiter), Mattias Löb (LWL) und Kurator Andreas Reinecke. Foto: LWL
 
Fabeltierchen aus Bronze.
Herne: LWL-Museum für Archäologie | Hernes Museums-Konzept überzeugte Hanoi – ein Jahrzehnt danach sind sie da: „Schätze Vietnams“ :

„Bei goldenen Drachen-Siegeln muss man auf die Krallen schauen! Hat der Drache fünf Krallen, dann ist es ein echt Kaiserliches Siegel.“. Nach 9 Jahren Vorbereitung führt in Hernes Archäologischem Museum Kurator Andreas Reinecke persönlich durch die wahrhaft sensationelle Vietnam-Ausstellung, aufgebaut wie ein Tempel. Fünf Kilo schwer ist das zierliche goldene Staatssiegel-Kleinod, mit dem einst Kaiser Mingh Mang und seine Beamten über Leben und Tod entschieden, Gesetze und Verordnungen besiegelten. Wie viele der 400 Kunstwerke ist es erstmals außerhalb Asiens bis Ende Februar hier im Herner Museum zu sehen.

Ein Schiffswrack mit einzigartigen Bronzegefäßen, Waffen und weiteren nützlichen Dingen für die Jenseits-Reise einer hochgestellten Persönlichkeit schickte Hanoi ins Revier: „Immer wieder finden wir auch Schleifsteine, zum Schärfen der Waffen im Jenseits.“, so Dr. Reinecke, seit 22 Jahren als Ausgräber in Vietnam tätig. Eine riesige Bronzetrommel begrüßt die Besucher am Eingang der „Schätze der Archäologie Vietnams“.

Es warten fein ziselierte Fabelwesen
Keramiken, Gold- und Stein-Schmuck, anmutige Tänzerinnen. Und im Zentrum der Sonder-Ausstellung, gleich nebenan von den westfälischen Dauer-Exponaten: Der begehbare Nachbau eines acht Meter hohen Ziegel-Tempels, so wie er im Dschungel Mittel-Vietnams entdeckt wurde. Sehr eindrucksvoll auch das steinerne Musikinstrument Lithophon, zu bespielen wie unser Xylophon. Unterschiedlich lange Klangsteine liegen auf einem Bambusgestell, das ihren Klang verstärkt. Oder man hört (und spürt) den beeindruckend sonoren Klang weiterer antiker Bronzetrommeln, die reich verziert auch als Totengefäße dienten.

Archäologische Welt-Sensationen
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kulturgeschichtlich chronologisch, zurückhaltend sanft und poetisch präsentiert mit dezenter Videounterstützung und geschmackvoll gestalteten Karten und Schaubildern. Man gleitet behutsam in die hier gezeigten zehn Jahrtausende dieses Landes, staunt und lächelt. Da der Bambus als dortiges Material der Steinzeit auch heute noch vielfältig genutzt wird, bildet er Gerüst und optischen Rahmen für die Exponate. Dass die Ladung Bambus, original aus Vietnam verschifft, erst drei Tage vor der Ausstellungs-Eröffnung angekommen ist, ließ den Tag der deutschen Einheit im Museum für die Macher ausfallen, sie zeigten sich so flexibel wie ihr Material! Die schier unglaublichen „Schätze Vietnams“ sind so jedenfalls ab Eröffnung hier sehr gut aufgehoben. Denn hier ist man spezialisiert auf „Geschichten in der Geschichte“.

Auch die Herner Dauerausstellung
führt ja eindringlich durch die westfälische Menschheits-Geschichte, zeigt Ausgrabungsfunde auch mal in den Kisten, in denen sie geborgen und transportiert wurden. Setzt winzige Miniaturen so in Szene, dass der Betrachter die dahinter verborgene Kultur-Leistung, das technische Wissen und Können unserer Vorfahren auch noch nach Jahrtausenden verstehen kann. Dieser so staunend präsentierte Stolz auf die Kreativität der Ahnen, typisch Herner Museum, gefiel in Hanoi:

Und so bekam Herne als erste Stadt den Zuschlag
für diese großartige Ausstellung: 2004 besuchte eine vietnamesische Delegation einige Museen im weiten Bonner Umkreis. Der Südostasien-Referent des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) Andreas Reinecke wollte seinen vietnamesischen Museums-Kollegen mal besonders gelungene Ausstellungs-Gestaltung zeigen: Das neue LWL-Museum für Archäologie in Herne. Die zuständige vietnamesische Kollegin war begeistert vom Herner Konzept und Vietnams Presse lobte Herne.

Doch sollte es dann aber fast ein Jahrzehnt dauern, bis die Behörden das Ausleihen so vieler einmaliger historischer Staatsschätze, teils ja Unesco-Weltkulturerbe, erlaubten. Die sorgsam ausgewählten Kunstwerke dieser Hochkultur von der Steinzeit über metallbestimmte Epochen wie Bronze- und Eisenzeit bis in die Katastrophe der Kolonialzeit und zum siegreichen Befreiungskampf unter „Onkel Hó“ (Chi Mingh) repräsentieren - bislang einmalig in Deutschland - die Vielfalt des Weltkulturerbes Vietnams.

Vietnam mit neuen Augen sehen
In der westlichen Welt ist das Land nur oberflächlich aus oft selbstmitleidigen Besatzer-Kriegsfilmen oder durch seine gesunde wie frische Küche im Bewusstsein. Seine weit in die Frühzeit der Menschheitsgeschichte reichende eigenständige Zivilisation, auch beeinflusst von den großen Nachbarn Indien und China, zeigt uns hier erstmals etwas von seiner Bandbreite. Bestens dokumentiert in einem mit 600 Seiten nicht einmal zu umfangreichen Mammut-Katalog, der ebenfalls erstmals die archäologischen Funde und deren Lehren aus den Jahrzehnten nach dem großen Krieg zusammenfasst.

Und so wünschen nicht nur die beiden hochkarätigen Schirmherren Bundes-Außenminister Frank Walter Steinmeier und Vietnams Kultusminister Nguyen Ngoc Thien dieser bedeutenden Exhibition ebenso reichen Erfolg. Wie die Unterstützer und Sponsoren, die mit ihrem Engagement erst so eine umfassende Schau ermöglicht haben. Und doch, allein hätte auch mit deren Hilfe der Landschaftsverband Westfalen und seine rührigen Herner Museumsleiter bis zum heutigen Chef Dr. Mühlenbrock dies nicht stemmen können: Im Verbund mit dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz und den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim gelang das anspruchsvolle Projekt. Große Ehre für Herne, dass es im Reigen der drei Ausstellungs-Städte den Anfang machen darf.

Oberbürgermeister Frank Dudda eröffnete gemeinsam mit Vietnams Vize-Kultusministerin Madame Liên die Ausstellung, beide waren hingerissen. Auch von unfassbaren Übereinstimmungen vorzeitlicher Funde aus Vietnam mit denen aus Westfalen: Jahrtausendalte dreizipfligen Tonhalterungen für Salzsiede-Gefäße grub man in Westfalen zwar etwas größer aus als in Vietnam – Aber: sogar der abschließende Finger-Abdruck des Töpfers bei den handgeformten Spitzen saß und sitzt an der gleichen Stelle wie bei denen von der anderen Seite der Welt aus Vietnam! Und der Hellweg führte sicher nicht bis dort…

Info:
Hernes überregional Aufsehen erregende Sonderausstellung „Schätze Vietnams“ ruft mit seinen Bronzetrommeln bis 26. Februar 2017 Zuschauer aus ganz Europa zum Karten-Preis von nur 5 Euro, unter 17jährige und Schüler generell: 2 Euro, Familienkarte: 11 Euro. Weitere Infos: Archäologisches Museum Herne, Tel. 02323/9462-80 oder –24, im Netz unter vietnam-ausstellung.de. Absolut sehenswert das Bootsgrab von Viet Khe aus der über 2000 Jahre alten Dong Son-Kultur, der Tempelnachbau aus der Dschungelstadt von My Son und Teile einer Palast-Anlage mit Terrakotta-Figuren. Und - die fünf goldenen Krallen! (cd)
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Jürgen Zarnke aus Hagen | 08.10.2016 | 22:22  
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