Fünf Kilo Äpfel für fünf Mark

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  Herten: Hausidee |

Die ehemalige Marktfrau Katharina Spreen feiert ihren 83. Geburtstag


83 Jahre alt wird die Hertenerin Katharina Spreen am 12. Dezember. Viele Hertener kennen die ehemalige Obst- und Gemüsehändlerin noch vom Hertener Wochenmarkt. Jetzt, an langen Winterabenden, gehen Katharina Spreens Gedanken oft zurück an ein langes und arbeitsreiches Leben.

Sie sitzt gern am Küchenfenster ihrer hellen, lichtdurchfluteten Wohnung. „Von hier aus kann ich so schön beobachten, was draußen alles vor sich geht“, lächelt sie. „Schauen Sie mal da, der große Baum, der das Haus hinter sich schon überragt – den hat mein Mann gepflanzt. Damals war das eine ganz kleine Konifere.“ Das ist lange her, Katharina Spreens Mann starb vor 23 Jahren. Die große Brachfläche vor dem hohen Baum, da hat mal Katharina Spreens Haus gestanden. „Ewaldstraße 115. Hier hatten wir in den Sechzigern unser Obst- und Gemüsegeschäft.“
Im Laden und auf dem Wochenmarkt haben sich damals viele Hertener bei Katharina Spreen mit frischen Vitaminen eingedeckt. Mit der Schwiegermutter stand sie im Laden, ihr Mann kümmerte sich um die 3000 Quadratmeter Grundstück. Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen – über 100 Obst-Bäume wollten hier bewirtschaftet werden. Katharina Spreen lacht: „Unsere eigenen Früchte haben wir aber nicht im Laden verkauft. Erst viel später, als ich alleine hier gelebt habe und mich selbst um die Bäume kümmern musste, habe ich Schilder an die Straße gestellt. Zum Beispiel: 5 Kilo Äpfel – 5 Mark.“ Manch ein Hertener wird sich erinnern: Das Gelände mit den Obstbäumen glich einige Jahre lang sogar eher einem Kleinbauernhof. „Ich habe bis zum Schluss großen Spaß an meinen Schafen, Gänsen, Hühnern und Enten. Viele der Schafe habe ich sogar selbst zur Welt gebracht und aufgezogen.“
Wir sitzen am Küchentisch ihrer 66-Quadratmeter-Wohnung in der Ewaldstr. 124. „Von meinem alten Haus aus konnte ich beobachten, wie sie das Haus hier 1999 gebaut haben und ich hatte auch vom Gemeinschaftskonzept der Hausidee gehört“, sagt die Seniorin. „Mein eigenes Haus wurde immer baufälliger, es war ja aus dem Jahr 1878. Als es dann wirklich abgerissen werden und ich das Grundstück verkaufen musste, hatte ich Glück, dass bei der Hausidee diese Wohnung frei wurde.“ Nicht alle, aber ihre liebsten Möbel konnte Katharina Spreen in dem gerade geschnittenen, offenen Wohn- und Essraum unterbringen. „Ich habe hier den ganzen Tag Sonne. Und die Entscheidung hier einzuziehen habe ich nie bereut.“
Ihr Blick schweift wieder zur Konifere. Teils kommt Wehmut, teils Erleichterung hoch. Denn leicht ist es meist nicht gewesen, das Leben als Obst- und Gemüsehändlerin und später in der Fabrik. „Meine kaputten Bandscheiben habe ich mir mit den schweren Obst- und Gemüsekisten eingehandelt.“ Mit frischen Lebensmitteln hat die rüstige Seniorin mehr als ihr halbes Leben zugebracht. „Nach dem Krieg habe ich Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft gelernt und danach mit 20 beim Großhändler gearbeitet.“ Früh um vier hieß es aufstehen, Verladeaufträge an die LKW-Fahrer verteilen und dann ab auf die Wochenmärkte nach Gladbeck, Bottrop und Brauck. Einen der Gemüsefahrer hat Katharina Spreen dann geheiratet. „Das war mein erster Mann. Leider war ich schon sieben Jahre später Witwe.“
Den zweiten Mann, nämlich den mit dem Obst- und Gemüsegeschäft in der Ewaldstraße, heiratete sie 1961. „Von da an war ich im Geschäft für alles zuständig. Die Markttage waren besonders hart. Ob Sturm oder Kälte – der Marktstand musste immer aufgebaut werden. Zuletzt, als mein Mann im Rollstuhl saß, bin ich allein früh morgens mit dem Taxi zum Großmarkt um Ware zu kaufen. Einen Führerschein – geschweige denn einen für unseren Dreivierteltonner – dafür hat mir immer die Zeit gefehlt“, schildert Katharina Spreen ihr Leben als Ladnerin. „Aber wir hatten auch unsere schönen Zeiten. Die Kundschaft damals hatte Vertrauen zu uns und es war viel Freundlichkeit und Herzlichkeit mit im Spiel.“
Als der Laden nichts mehr einbrachte und die Spreens schließen mussten, gab die pflichtbewusste Frau nicht auf und ging als Fabrikarbeiterin zu Eurovia. „In Resse. Die haben Strümpfe und Pullover hergestellt. Genau zehn Jahre und einen Monat lang habe ich dort gearbeitet“, sagt Katharina Spreen. „Erst im Akkord und dann als Kontrolleurin. Es war nicht das eigene Geschäft, aber ich bin immer gern arbeiten gegangen.“
Es folgten die Jahre, in denen endlich auch einmal Urlaub gemacht werden durfte. „Meine sieben Kreuzfahrten gehören außer meiner Kindheit zu meinen glücklichsten Erinnerungen.“ Heute ist Katharina Spreen keineswegs in Untätigkeit gefallen. Neben ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Schreiben und Dichten – „Es wurde schon oft etwas von mir in der Hertener Zeitung abgedruckt“, freut sich die Hobbyschriftstellerin – hat die agile Frau eigentlich an jedem Tag der Woche etwas vor. „Montags machen wir Hausbewohner alle zusammen Gymnastik in unserem Gemeinschaftsraum, dienstags gehe ich zum Seniorensport im Bürgerhaus Süd, freitags halten wir Ladies aus unserer Hausgemeinschaft Kaffeeklatsch und dafür bereite ich immer alles vor.“
Die fußläufige Nähe des Hauses zum Süder Markt mit allem, was man täglich benötigt, genießt Katharina Spreen sehr. „Ich finde es toll, dass ich in meinem Viertel bleiben konnte. Hier kenne ich alles und kann mich so auch noch selbst versorgen.“ Ein nettes Schmankerl gönnt sich Katharina Spreen alle 14 Tage mittwochs wenn die Putzfrau kommt: „Dann findet man mich immer in der Eisdiele am Süder Markt.“

Text: Karin Bruns

Info zur Hausidee:

Bei der "Hausidee" wird schon seit 1999 - da entstand das barrierefreie Haus - ein integratives Konzept gelebt, das andere gerade erst andenken. Wer hier einzieht, setzt sich aktiv für seine Mitbewohner ein. Die Hausbewohner zwischen 50 und 90 Jahren helfen sich gegenseitig bei alltäglichen Dingen wie Einkaufen, Behördengängen und Arztbesuchen. Ob im Rollstuhl, mit Gehhilfe oder körperlich noch fit - jeder setzt sich dort ein, wo es am besten geht, je nach eigener Verfassung. Ziel ist, die Eigenständigkeit jedes Bewohners so lange wie möglich, eventuell auch unter Einsatz von Pflegediensten, zu erhalten. Dabei kommt die Geselligkeit nicht zu kurz, im Gemeinschaftsraum werden sowohl Geburtstage, Silvester oder Karneval gefeiert, als auch Gymnastik gemacht, jetzt im Advent Geschichten vorgelesen, Skat gekloppt oder einfach nur gemütlich beim Kaffeeklasch beisammen gesessen. Infos über die Hausidee und freie Wohnungen unter Telefon: 02366-95850.
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