Die Computer eroberten langsam die Redaktion

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Redaktionsalltag Anfang der 90er-Jahre: Einen Computer gab es nicht, dafür Papier, Bleistift, Schere und Klebstoff. Fotos wurden in der Regel mit einer Kleinbildkamera aufgenommen, für brilliante Farbfotos kam die Mittelformatkamera zum Einsatz. Übrigens: Haben Sie ihn erkannt? Auf diesem Bild ist unser Fotograf Ulrich Bangert zu sehen.Fotos: Archiv/Bangert
 
Redaktionsbesuch beim Stadtanzeiger: Schlagersängerin Angie van Burg, Tochter des in den 60er-Jahren sehr beliebten Showmasters Lou van Burg, die sich als erste Sängerin für den „Playboy“ auszog, gab auf ihrer Promotiontour den Lesern einen kleinen Einblick auf ihre Spitzenunterwäsche...

Ein Redaktionsalltag ohne Computer? Was heute unvorstellbar ist, war vor rund zwanzig Jahren selbstverständlich.

Natürlich hatte die elektronische Datenverarbeitung längst die Zeitungsherstellung erreicht, aber noch nicht die Redaktion des Stadtanzeigers.
In den 80er-Jahren tippten die Redakteure und redaktionellen Mitarbeiter ihre Texte mit einer mechanischen Schreibmaschine auf Papier. Die Manuskripte wurden handschriftlich mit Satzbefehlen versehen. Die Fotos waren auf richtigem, silberhaltigem Fotopapier, die ebenfalls mit entsprechenden Hinweisen versehen wurden. Anschließend kam alles in eine große Tüte, die mehrmals täglich von einem Boten ins Druckhaus der Essener WAZ gebracht wurde.

Schreibkräfte tippten fleißig die Artikel

Dort gab es einen großen Saal, in dem viele Frauen mit flinken Fingern die geistigen Ergüsse der Provinzschreiber in die Computer des Satzsystems eintippten.
Einen Tag vor dem Erscheinen des Anzeigers kam der verantwortliche Redakteur ins Druckhaus und erstellte anhand der ausbelichteten Satzfahnen einen Satzspiegel. Zusammen mit den Metteuren, die das Schriftsetzen in Blei nach Gutenbergs Art gelernt hatten, wurde mit Skalpell und Lineal Spalte für Spalte die Zeitungsseite zusammengeklebt. Die fertige Seite wurde abschließend an einer Reprokamera auf Film gebannt, von dem letztendlich der Druckzylinder gefertigt wurde, der in die Rotationsmaschine gehängt wurde.

Ab 1990 wurde der Satz des Stadtanzeigers von der Druckerei Flothmann erledigt, ausgerechnet jener Firma, die einst die Velberter Zeitung verlegte. Das Erscheinen des Stadtanzeiger war sicherlich ein Grund, warum das traditionsreiche niederbergische Lokalblatt an den Essener Zeitungskonzern verkauft wurde. Animositäten gegenüber dem einstigen Konkurrenten gab es nicht. Im Gegenteil: Durch die räumliche Nähe zwischen der Geschäftsstelle des Anzeigers, damals an der Friedrichstraße 142, und Flothmann sowie gute persönliche Kontakte gab es eine intensive und sehr flexible Zusammenarbeit.

Zunehmend hielt die neue Computertechnik Einzug, die von einigen Flothmann-Mitarbeitern souverän beherrscht wurde und eine deutliche Qualitätssteigerung mit sich brachte. Veränderungen auf Seiten der Firma Flothmann sowie der Westdeutschen Verlags- und Werbegesellschaft führten nach der Jahrtausendwende dazu, dass der Satz vorübergehend bei einem Essener Grafikstudio erledigt wurde, bis die Redaktion die Gestaltung der Seiten selbst am Computer durchführen konnte.
Wichtigstes Element einer Zeitungsseite ist das Foto - lange Zeit eine Domäne der Pressefotografen. Die wissen, wie sich ein Ereignis eindrucksvoll auf ein Bild reduzieren lässt, das kaum größer als eine Postkarte ist, dazu noch schwarz-weiß und aufgerastert. Mit der Aufnahme war der Job noch lange nicht erledigt, in der Dunkelkammer wurde der belichtete Film in verschiedenen Chemikalien gebadet, das dabei entstandene Negativ getrocknet, bevor es in eine Art Diaprojektor eingespannt auf lichtempfindliches Papier belichtet wurde, das ebenfalls entwickelt, fixiert und nach einer kurzen Wässerung getrocknet wurde.

Neue Technik für die Fotografen

Für das tägliche schwarz-weiße Pressefoto reichte die Kleinbildspiegelreflexkamera aus. Kam Farbe ins Spiel wurde gerne mal zur größeren Mittelformatkamera gegriffen, die brilliante Farbdias lieferte, die sich besonders gut als Druckvorlage eigneten.
Ende der 90er zogen die ersten Digitalkameras in die Pressefotografie ein, allerdings waren deren Eigenschaften nicht überzeugend. Die ersten digitalen Spiegelreflexkameras mit einer einigermaßen akzeptablen Qualität kosteten so viel wie ein Mittelklassewagen, aber mit einem rasanten Wertverlust: Jeder in der Fotobranche wusste, dass im nächsten Jahr ein neues Modell rauskommt, dass die doppelte Leistung bringt und nur fast halb so viel kostet.

Beim Anzeiger wurde 2001 die erste digitale Kamera angeschafft: ein grauenhaftes Amateurmodell. Die Bildqualität war durchaus brauchbar, die Handhabung aber eine Katastrophe. Nach dem Druck auf den Auslöser passierte erstmal nichts, die Auslöseverzögerung von über einer Sekunde brachte den Profi ebenso zur Verzweiflung wie die fehlende manuelle Eingriffsmöglichkeit. Also wurde meistens weiterhin auf dem klassischen Film fotografiert, um anschließend die Negative über einen Scanner zu digitalisieren.
2004 zog die digitale Fotografie beim Anzeiger ein. Es gab inzwischen digitale Spiegelreflexkameras zu vernünftigen Preisen, die professionellen Ansprüchen genügten und die heute noch brauchbare Ergebnisse liefern.
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