Redensart: LEHRJAHRE sind keine HERRENJAHRE Der Erlebnisbericht eines Schriftsetzerlehrlings

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So sah der Arbeitsplatz eines Anzeigenmetteurs in der sogenannten „Bleizeit“ aus.
 
Schriftsetzer einer Tageszeitung bei der Arbeit. Ohne die Computer von heute war früher viel Handarbeit gefragt.
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Ich zählte 14 Lenze, und mein Vater, ein gelernter Buchbinder, hatte für mich den Beruf des Buchdruckers „ausgekuckt“. Da jedoch der Ausbildungsplatz schon vergeben war, „genoss“ ich halt die Schriftsetzer-Lehre. Und sollte es - trotz eines beschwerlichen Anfangs -
nicht bereuen.

Wie sich später herausstellte, wäre die Buchdrucker-Lehre für mich zu einem grandiosen Fiasko geworden, denn ich bin, was derzeit noch unbekannt war, farbschwach. Meine dreijährige Ausbildung in der Wittener „Märkischen Druckerei und Verlangsan-stalt August Pott“ begann am 1. April 1956 - also in der historischen „Bleizeit“ -, als noch die Sechs-Tage-Woche mit langen 48 Arbeitsstunden angesagt war, für mich wenig erfreulich.

Statt die Grundbegriffe der edlen Handwerkskunst von Johannes Gensfleisch Gutenberg gelehrt zu bekommen, musste ich erst einmal ein halbes Jahr den Laufburschen spielen, weil der Lehrling, dem ich folgen sollte, seine Gehilfenprüfung gründlich versemmelt hatte. „Augen zu und durch“, sagte ich zu mir, als ich von meinem „Glück“ erfuhr.

Wenn mir keine anderen „lehrreichen“ Tätigkeiten aufgetragen wurden, wie beispielsweise Zur-Post-Gehen, angelieferte Papierstapel vom LKW abladen, Drucksachen mit dem „Dienstrad“ abliefern oder Brotzeit für die Gehilfen vom Bäcker und Metzger zu besorgen, saß ich im geräuschintensiven Druckersaal an der Ösmaschine und musste Löcher in kleine Karton-Anhänger stanzen. Und das alles für schlappe 60 D-Mark monatlich. Doch das eigentlich Kuriose während dieser sechs verschenkten Ausbildungs-Monate war, dass ich die Berufsschule in Bochum besuchen musste, obwohl ich null Ahnung von typographischen Maßsystemen wie Konkordanz, Cicero und sonstigen fachlichen Dingen hatte.

Als der Verlagsbesitzer, seines Zeichens Drucker-Meister, nach einer für mich quälend langen Zeit zu mir sagte: „Morgen, beginnt deine Ausbildung“, empfand ich das wie eine Erlösung. „Endlich keine niedrigen Fronarbeiten mehr“, dachte ich voller Vorfreude auf meinen ersten Ausbildungstag. Und an dem stand ich dann zum ersten Mal vor einem Setzkasten, prägte mir die insgesamt 125 Buchstaben-Fächer ein, um danach noch ein wenig unbeholfen die ersten Buchstaben zu einer Zeile in einen sogenannten „Winkelhaken“ aneinanderzureihen. Trotz meiner Unfertigkeit ein unglaublich gutes Gefühl. Denn endlich ging sie für mich los, die spannende Geschichte mit den beweglichen Lettern, durch die Johannes Gutenberg im Jahre 1445 die Welt bewegte - und revolutionierte.

Doch meine Freude über den Beginn meiner Ausbildung, sollte sich noch eintrüben. Denn: Nicht nur, dass ich die eigentlich dreijährige Lehrzeit nun in zweieinhalb Jahren „packen“ musste, dar-über hinaus wurde mir eine pädagogisch-methodisch angelegte Ausbildung - rückblickend gesehen - in keinster Weise zuteil. Wie auch, wenn mein Lehrherr Drucker-Meister war, also von Satztechnik und typografischen Feinheiten null Ahnung hatte, die drei Gehilfen sich nur sporadisch und oberflächlich um mich kümmerten und Botengänge sowie andere ausbildungsfremde Arbeiten bei den damals üblichen täglichen 8,5 Arbeitsstunden weiterhin für mich zum ganz normalen Alltag gehörten.

Und wäre da nicht ein mir wohlgesonnener erfahrener Maschinensetzer gewesen, der im letzten Jahr meiner Ausbildung von der Verlagsanstalt eingestellt wurde und mich dann unter seine „Fittiche“ nahm, hätte ich wohl bei der abschließenden Gehilfenprüfung ganz schön alt ausgesehen. Doch dank seiner fachkundigen Unterstützung schaffte ich noch - trotz einer im Grunde wenig zielgerichteten Ausbildungszeit - sowohl im Schriftlichen als auch im Praktischen noch ein passables „Befriedigend“.

Und mit der Aufnahme in die hochgeachtete und gut bezahlte Schriftsetzer-Gilde begann im Jahre 1959 für den frischgebackenen Jünger Gutenbergs der wirkliche Ernst im Arbeitsleben.
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