Hörtip: Morton Rhue - Give A Boy A Gun (dt.: "Ich knall euch ab!")

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Amokläufe an Schulen schockieren ohne Frage - doch was treibt bereits Jugendliche dazu, ihr Leben meist „wegzuwerfen“ und andere Personen dabei in einem Strudel aus blankem Hass und Gewalt mitzureißen?
Es ist das Paradoxon schlechthin: Die Massenmedien, die eigentlich einen Informationsauftrag verfolgen sollten, haben sich seit Jahr und Tag ihre eigene quotenträchtige Wahrheit erfunden und entsprechend einsetig wird auch über derartige Tragödien berichtet - die wahren Ursachen werden bewusst ignoriert oder Wochen später als Randnotiz auf Seite 4 nachgereicht.

Anmerkung:
Da ich den deutschen Titel von "Give a boy a gun", Ich knall euch ab!, nicht sonderlich mag, werde ich diesen hier weitestgehend vermeiden.

Wenn die Fiktion Versäumnisse der Medien ausbügelt...

Es ist traurig, daß hier die Fiktion die Realität begreiflicher rüberbringt, als es das Informationssystem an sich tut: Rhue ersann zwar ein fiktives Szenario, basierend jedoch auf der grausamen Realität. Im Gegensatz zu den Massenmedien zwingt Rhue den Leser dazu, das Gesamtbild zu betrachten: Soziales Umfeld, Eltern, Freunde, Schule, Sport, Freizeit - und genau darin liegt die Stärke des Romans: Ohne die Moralkeule zu bemühen, ohne die von den Medien etablierten Klischees zu bedienen, zeichnet Rhue ein Bild erschreckender Nachvollziehbarkeit und zeigt der Gesellschaft ein nachdenklich stimmendes Bild.

Heraus kommt ein Zusammenspiel vieler Aspekte, das -so sollte man eigentlich den menschlichen Verstand einschätzen- ohnehin bereits auf der Hand liegt. „Call Of Duty", „Doom“ und „CounterStrike“ machen aus Jugendlichen keine Tötungsmaschinen. Nicht jede Kritik an der Person legt gleich den Schalter auf „Amok“ um. Aber es muss darüber nachgedacht werden, wie wir als Gesellschaft mit uns und vor allem mit unseren Kindern umgehen.

Nachbereitung: Abseits der Dramaturgie.

Für „Give a boy a gun“ bemüht Rhue, der unter anderem vielen (auch ehemaligen) Schülern durch sein Werk Die Welle bekannt sein dürfte, als Stilform die "Nachbereitung". So kommen mehrere Personen aus dem Leben der zwei fiktiven Amokläufer zu Wort, wie auch die beiden Täter selbst - in ihren Abschiedsbriefen. Will heißen: Es ist keine Erzählung an sich. Es gibt keine Linearität, keine Abfolge von Handlungspunkten. Es werden Kommentare abgegeben - von eben den Personen, die die (Gefühls-)Welt der beiden Amokläufer seit dem siebten Schuljahr bis hin zur Tat beleuchten.

Es mag anfangs gewöhnungsbedürftig sein, doch gerät das Ziel, ein Gesamtbild der Tat sowie deren Wurzeln zu vermitteln, mit diesem Kniff wesentlich authentischer als man es mit einer typischen, spannungsorientierten Handlung hätte erreichen können.

Passend besetzt: Abseits von "Hollywood".

Passend ist zudem, daß die unterschiedlichen Charaktere auch von jeweils unterschiedlichen Sprecherinnen und Sprechern gelesen werden - viele zudem noch unbekannt und gerade deshalb um ein vieles authentischer, als wenn man den obligatorischen „Hollywood-Kader“ vor’s Mikrofon gebeten hätte.

Fazit:

Ob seiner andauernden Aktualität und der erschreckend authentisch wirkenden Hörbuchversion ist „Give a boy a gun“ eine klare Empfehlung - und es bleibt die Hoffnung, daß wenn die Fiktion ein derart nachhaltig zum Denken anregendes Bild zu zeichnen vermag, auch die Massenmedien und somit ein Teil der Bevölkerung umdenken und zu handeln vermögen - im Sinne einer Gesellschaft und wider der modernen Hexenjagd auf quotenträchtige „schwarze Peter“.
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