Verrückte Zeitreise

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Frau Lämmchen wohnte im 2. Stock im 6 - Familienhaus. Sie war klein, circa 150 cm, und fast genau so breit. Ich weiß nicht, wie sie passende Kleidung fand, wahrscheinlich musste alles an den Ärmeln und Beinen gekürzt werden, wenn es in der Breite passen sollte. Sie war in mausgrau gekleidet, und hatte dazu ihre mausgrauen Haare zu einer kurzen Stoppelfrisur geföhnt, und ich glaube, sie trug eine Brille. Oder vielleicht trug sie ab und zu eine Brille.
Ihr Ehemann war nach langer Krankheit gestorben, und der Hauswirt sagte: „Seitdem ist sie so auseinander gegangen“.
Frau Lämmchen arbeitete an der Uni in einer Putzkolonne. „Gutes Geld mit der Rente meines Mannes“. Jeden Morgen fuhr sie mit dem Bus zur Arbeit – und als ich in meiner Anfangszeit in diesem Haus einmal die Haustür abschloss, fand Frau Lämmchen morgens den Schlüssel nicht und verpasste den Bus. Sie war sehr böse auf mich und teilte mir ihr Dilemma direkt und unmissverständlich mit, so dass ich es nie wieder wagte, die Haustür abzuschließen.
Das löste wohl die erste Feindschaft zwischen uns aus. Ich war über ihrer Wohnung eingezogen – und führte, man kann sagen, ein sehr lebendiges Leben.
Zunächst versuchte Frau Lämmchen mir bei einem Gang im Treppenhaus, indem man sie eigentlich ständig antraf, mit belehrendem Tonfall klar zu machen: „Dies ist ein RUHIGES Haus!“
Sie schaute bedeutungsvoll. Ich schaute weg und dachte mir mein Teil, da ich nicht gewillt war, mich jetzt schon ins Altersheim zu begeben.
Obwohl ein ruhiges Haus – Frau Lämmchen sah alles!
Sobald sie jemanden zum ausgiebigen Klatschen und Tratschen fand, stürzte sie sich auf ihn, ob er wollte oder nicht, und erzählte lautstark die neuesten interessanten Begebenheiten über die Nachbarn. Niemand war vor ihr sicher, weder in ihren Kommentaren, noch ließ sie ihm eine Möglichkeit, Gespräche zu beenden. Sie redete und redete… Sich mit einer Ausrede davon zu stehlen, funktionierte ebenso wenig wie durch sie hindurch zu schauen und gelangweilt zu gähnen oder gleichmütig zu warten, bis ihr das Thema ausging. Leider ging ihr nie das Thema aus, denn sie verknüpfte so geschickt die Themen, leitete von einem zum anderen über, dass man zum Schluss alles verwechselte und erst recht nicht mehr zuhörte, was sie nicht sonderlich zu stören schien.
Wollte man etwas über einen speziellen Nachbarn erfahren, brauchte man nur Frau Lämmchen zu fragen. Sie wusste ALLES!
Manchmal sahen mich Nachbarn sehr mürrisch und unfreundlich an. Dann, so schien es, hatte Frau Lämmchen wahrscheinlich wieder Erkenntnisse über meine Person verbreitet.
Frau Lämmchen sang im Kirchenchor, hatte offensichtlich Spaß an klassischer Musik. Als ich einmal einen guten Klaviervirtuosen zu Besuch hatte und ihn bat Bach, Chopin und Buxtehude zu spielen, fragte ich tags drauf Frau Lämmchen, wie sie als Klassikfan diese Darbietung gefunden hätte. Sie machte ein gekonnt verzweifeltes Gesicht:„Schrecklich! So etwas Furchtbares! So eine Lautstärke! Ich schrieb gerade einen Brief … und von dem Lärm rutschte mir der Füller über den ganzen Bogen … und ich musste den Brief noch einmal schreiben!“ Ich fürchtete nun, Frau Lämmchen die Klassik näher zu bringen, sei wohl wie einem Elefanten das Fahrradfahren beizubringen.
Ein anderes Mal saß ich auf meinem Trimm Rad im Wohnzimmer. Da es schwer ist, immer die gleichen langweiligen Trampel Orgien zu schaffen, heizte ich mich mit „Techno“ ein. Kaum waren einige Minuten vergangen ertönte ein Sturmschellen. Frau Lämmchen! Wutentbrannt äußerte sie: „Sie hören seit einer Stunde IMMER die gleiche Platte“ – „Nein“ sagte ich „Wahrscheinlich ist Ihnen diese Art von Musik nur nicht geläufig. Sie ist modern!“
Die schönsten Erlebnisse aber hatte ich aber anlässlich meiner Geburtstagsfeiern.
Bei der ersten war es harmlos. Als um 24 Uhr zwei Gitarristen zärtliche leise Gitarrenweisen zu der allgemeinen romantischen Stimmung zum Besten gaben, kam Frau Lämmchen im himbeerfarbenen, viel zu großen Schlafanzug die Treppe herauf und drohte mit der Polizei. Dummerweise saß wenig später einer der Gitarristen mangels Stühlen auf einem Campingstuhl und krachte plötzlich damit zusammen. Doch der himbeerfarbene Schlafanzug hatte sich jetzt wohl zur Ruhe begeben.

Bei der nächsten Geburtstagsfete wollte ich es geschickter machen. Ich schrieb einen Zettel und hängte ihn in den Hausflur: „Ich feiere meinen Geburtstag. Es könnte etwas lauter werden, aber alle Hausbewohner sind gerne zum Mitfeiern eingeladen.“
DAS war ein gefundenes Fressen für Frau Lämmchen! Neben meinen Zettel hängte sie eine polizeiliche Verordnung, die besagt, dass selbst bei Geburtstagen der Lärm nur bis 22.00 Uhr stattfinden darf. Mein Hauswirt, ein gutmütiger, alter Her wollte mir helfen: „Ich habe bei der Polizei angerufen und ihnen gesagt, sie sollen, wenn Frau Lämmchen anruft, gar nicht erst rauskommen. Aber leider dürften sie das nicht…“
Die Party lief dann doch ohne klingelnde Nachtgespenster oder blaue Männchen ab.

So gingen ein paar Jahre ins Land und ich meinte schon, mich an Frau Lämmchen gewöhnen zu können, als …plötzlich…
Frau Lämmchen war eine Zeitlang nicht zu sehen. War sie nicht da? Im Krankenhaus? Oder in einem längeren Urlaub? Keine ihrer gewohnten Beschäftigungen im Treppenhaus! Kein Sturmschellen und keine Beschwerden! Ich machte mir ernstlich Sorgen.
Eines Tages erschien sie draußen vor der Tür mit einem Auto und einem dickbäuchigem, schwitzenden alten Herrn, der einige Dinge in seinen Kofferraum einlud. Frau Lämmchen zog aus! Strahlend vor Glück erzählte sie, dass sie 20 kg abgenommen hätte. Auch ihre Haare waren länger und in gefällige blonde Locken geföhnt. Sie war die Liebenswürdigkeit in Person und erzählte von der gemeinsamen Wohnung und dem gemeinsamen Wohnwagen.
Ich konnte mir nicht verkneifen: „Was die Liebe so ausmacht…“ und sie nahm mir das nicht übel.
Sie hatte gefunden, war glücklich – und das machte sie für andere wieder erträglich.

Jetzt sind wieder ein paar Jahre vergangen, und ich sitze nach wie vor hier. Mein Leben ist ruhig geworden, keine Feten mehr, keine laute Musik, wenig Besuche…
Ich weiß schon genau, wo wer von den Nachbarn parkt, und wann die Leute im Eigenheim gegenüber morgens und abends die Jalousien hoch oder herunterziehen. Wenn eine Autotür schlägt, laufe ich ans Fenster und schaue nach, wer dort kommt. Manche Leute kommen aber auch spät nach Hause!
Ich kenne den Briefträger und ärgere mich über die Putzfrau, die den Flur nicht gründlich putzt. Und die jungen Leute unter mir sind so laut! Wenn sie auf dem Balkon grillen, fällt mir der Kuli aus der Hand, wenn ich einen Brief schreibe…

Eigentlich finde ich das alles ungerecht. Frau Lämmchen, die allen Leuten auf die Nerven ging, hat jetzt ihr Glück gefunden. Und ich darbe hier weiter rum. Ich werde grün vor Neid, wenn ich daran denke. Ein dickbäuchiger Rentner mit Wohnwagen?
Vielleicht…
Bis dahin – bleiben mir ja meine Nachbarn.
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Ingrid Dressel aus Bochum | 01.08.2015 | 22:52  
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