„Hinter der Fassade“ – Teil 1: Haus folgte auf Burg

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Über viele Jahre in Vergessenheit geraten war die Burg Henrichenburg, deren Überreste erst 1994 bei Bodenarbeiten wieder entdeckt wurden. Das Nachfolgegebäude für die wegen ihrer Baufälligkeit abgetragene Burg, das 1787 erbaute Haus Henrichenburg an der Freiheitstraße 49, existiert dagegen bis heute.

Das repräsentative eingeschossige Wohn- und Wirtschaftsgebäude mit Krüppelwalmdach wurde von dem Architekten Engelbert Kleinhanz im Stil des Frühklassizismus entworfen. Kleinhanz hatte zudem die Bauoberleitung und war vertraglich gebunden, Steine der alten Burg, die noch brauchbar waren, für den Neubau zu verwenden. Diese setzte er beim sogenannten Baumhof und auch beim Bau der Mauer zur Landstraße hin ein.
Im Rahmen des Neubaus entstand 1787 eine heute sehr stark umgebaute Mühle gegenüber der Einmündung der Freiheitstraße in die Wartburgstraße. Darüber hinaus baute Engelbert Kleinhanz zwei zugehörige neue Brücken über die Emscher.
In Henrichenburg hatte Haus Henrichenburg eine besondere Stellung, weil Teile des Grunds und Bodens des Dorfes zu seinem Grundbesitz gehörten. Fast alle Einwohner waren ursprünglich als Burggesinde in der Nähe angesiedelt worden. Sie waren von dem Gut abhängig und hatten festgelegte Dienste und Abgaben zu leisten. Diese feudalen Bindungen wurden erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgelöst.

Geburtshaus von Hedwig Kiesekamp

Haus Henrichenburg ist zudem das Geburtshaus der Heimatdichterin Hedwig Kiesekamp. Ihr Vater, Hermann Bracht, war dort Gutspächter, und Hedwig, die 1846 geboren wurde, verbrachte ihre Kindheits- und Jugendjahre in Henrichenburg. 1864 heiratete sie den Münsteraner Mühlenbesitzer Wilhelm Kiesekamp und zog mit ihm nach Münster.
Hier ließ sie sich in Gesang ausbilden und trat in den Folgejahren als Konzert- und Oratoriensängerin auf. Sie verkehrte in Künstlerkreisen und unternahm erste literarische Versuche. Nach der erfolgreichen Veröffentlichung von Märchen verfasste Hedwig Kiesekamp Dramen, Novellen und Jugendliteratur unter den Pseudonymen L. Rafael und Helene Kordelia.
Der Platz der Burg Henrichenburg, die erstmals 1263 urkundlich erwähnt wurde, wurde nach den archäologischen Untersuchungen 1996 mit Erde aufgefüllt, um das Areal für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Heute ist der Burgplatz an der Freiheitstraße ein Bodendenkmal. Haus Henrichenburg, dessen westliche Hälfte noch aus der Zeit ihrer Erbauung 1787 stammt, während der östliche Wirtschaftsteil nach einem Brand 1890 neu errichtet werden musste, steht seit 1985 unter Denkmalschutz. Es wird weiterhin als Wohnhaus genutzt.


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