Bis an die Grenze: Wie Christoph Thiel sich selbst suchte - und dabei fast sein Leben verlor

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Durch die Fixierung auf den besten Kamerastandort kam es dazu, dass Christoph Thiel seinen eigenen Unfall filmte. (Foto: Thiel)
 
Das Wetter zeigtre sich launisch - hier zieht gerade wieder ein Sturm auf. (Foto: Thiel)
 
Ein Wasserfall, den Christoph Thiel per Landpassage umging. (Foto: Thiel)

Es klang nach einem tollen Abenteuer, als Christoph Thiel im vergangenen Jahr unserer Redaktion erzählte, er wolle als Erster den Klarälven, den längsten Fluss Schwedens, mit dem Kanu befahren. Doch das Abenteuer entwickelte sich so ganz anders, als der Dortmunder das geplant hatte.

Dabei hatte sich der angehende Gewässerökologe akribisch vorbereitet. Ausrüstung, Ernährung, Fitness, Wegeplanung – Thiel investierte Monate harter Arbeit in die Vorbereitungen und fühlte sich bereit zu allem. Seine Ziele: 800 Kilometer Fluss befahren, absolute Einsamkeit erfahren und sich selber finden. Hohe Ziele, die er aber nach und nach im wahrsten Sinne des Wortes über Bord warf.

„Mein größter Fehler war wohl gleich zu Beginn, dass ich mich viel zu sehr auf die filmische Dokumentation konzentriert habe“, erinnert sich Christoph Thiel an den Beginn der Reise im Sommer letzten Jahres. So kam es auch dazu, dass er seinen ersten und alles verändernden Unfall filmte. „Ich hatte mich so darauf konzentriert, einen tollen Standort für die Kamera zu finden, dass ich eine Flusspassage befuhr, die eigentlich gar nicht für mich und mein Boot geeigent war“, erinnert sich Thiel.

Fehlentscheidung nach Unterkühlung


Und so geschah das Unvermeidliche und Thiel kippte mit seinem schwer beladenen Kanu um. „Es war kein großer Unfall, ich war auch nicht verletzt, doch bei 10 Grad Wassertemperatur ist man ruckzuck unterkühlt, und das führte zu weiteren noch weitaus fataleren Fehlentscheidungen“, berichtet Thiel. So gönnte er sich nur eine kurze Verschnaufpause in einer Schutzhütte, bevor er wieder ins Boot stieg. „Das war falsch, ich konnte noch nicht wieder klar denken, anders kann ich mir meine dann folgende Entscheidung nicht erklären“, erinnert sich der Hombrucher.

Denn die folgende Entscheiung führte Thiel geradewegs in einen Wildwasserbereich, der mit seinem Kanu überhaupt nicht zu schaffen war. „Dass sich der Fluss an dieser Stelle so entwickeln würde, war für mich einfach nicht absehbar, ich hätte vorher aussteigen und den Flusslauf erkunden müssen.“ Doch er entschied sich dagegen und geriet in bis zu 1,50 Meter hohe Stromschnellen, die ihn über Bord gehen ließen und sein Kanu zum Kentern brachten.

Ich sah mein Boot an mir vorüberschießen und wie es auf einen dicken Felsen krachte und sich meine Ausrüstung im Wasser verteilte. Da wusste ich: Das schaffe ich hier nicht!“ Doch es kam noch schlimmer, denn nach den Stromschnellen folgten gleich mehrere Wasserfälle. „Die Zeit, in der ich da um mein Leben gekämpft habe, kam mir einerseits unendlich lang aber andererseits auch total kurz vor.“, erinnert sich der Dortmunder.

Nach der bewussten Entscheidung „Ich will hier jetzt nicht sterben“ schaffte es Christoph Thiel tatsächlich, sich in einem ruhigeren Bereich ans Ufer zu retten. Hierbei half die akribische Vorbereitung. Dank Prallschutzweste, Schwimmweste und einem zigmal eingeübten Notfallverhalten überstand er die Wildwasserpassage.

Zu diesem Notfallverhalten gehörte auch das Wissen, dass man aus dem Wildwasserbereich heraus nicht ans Ufer gelangen kann bzw. sollte. „Man hat ein Tempo von 20 oder 30 km/h drauf, damit mit bloßem Körper auf das Ufer zu stoßen ist so gut wie tödlich“, erklärt Christoph Thiel. Ein zufälliger Bereich mit ruhigerem Wasser gab ihm die Chance, ans Ufer zu gelangen. „Allerdings hatte ich vor allem an den Beinen zahlreiche Prellungen und Platzwunden, die mir während der ganzen Tour furchtbare Schmerzen bereiteten“, so Thiel.

Geschichte sprach sich herum


Sein Boot wurde zwar stark lädiert, war aber noch fahrbereit und selbst seine Ausrüstung bekam Thiel wieder fast komlett zusammen. „Meine Geschichte hatte sich in dem menschenarmen Landstrich schnell rumgesprochen und selbst am Ende meiner Reise bekam ich noch eines meiner Seile zurück, dass ein Anwohner am Fluss gefunden hatte“, schmunzelt der Hombrucher. Den gebrochenen Mittelträger des Bootes stabilisierte er mithilfe eines Birkenstämmchens, „ansonsten war ich ein bisschen McGyver-mäßig unterwegs und hab‘ viele Dinge mit Taschenmesser und Gaffaband repariert“, schmunzelt Thiel. Ein ehemaliger Soldat, den Thiel wenig später kennenlernte, half ihm, das Boot wieder richtig instandzusetzen.

Nach dem Unfall war für Thiel das Finden von absoluter Einsamkeit eh kein Thema mehr. „Im Gegenteil, ich war froh um jeden Menschen, dem ich begegnet bin. Und nachdem ich die Lebensgefahr überstanden hatte, waren meine Prioritäten einfach andere, als mich selbst zu finden“, gibt Christoph Thiel unumwunden zu.

Selbstfindung und Einsamkeit passé


Denn auch der Rest der Reise gestaltete sich so ganz anders, als Thiel das geplant hatte. „Ich konnte zum Beispiel trotz Spezialnahrung gar nicht so viel essen, wie ich Kalorien verbrauchte“, erinnert sich der Hombrucher. Besonders die Treidel-Passagen kosteten den Abenteurer viel Kraft. „Wenn der Fluss zu unruhig ist, muss das Boot entweder ganz über Land transportiert oder aber per Seilen getreidelt werden“, erklärt Christoph Thiel. Das hatte er zwar zu Hause in Hombruch trainiert, doch hatte ihn dieses Training kaum auf die tatsächlichen Gegebenheiten vorbereitet. „Es geht im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein, dazu muss man das Boot per Seile steuern, das ist ungeheuer anstrengend“, erklärt Christoph Thiel.

Trotzdem treidelte Thiel lieber als das Boot komplett über Land zu ziehen. „Das Boot mitsamt der Ausrüstung ist zu schwer, um es zu transportieren. Ich musste bei Landpassagen also das Boot ausladen und die Ausrüstung quasi portionsweise zum nächsten möglichen Flusseinstieg bringen“, erläutert Thiel. Insgesamt sieben Mal muss Thiel dafür eine Strecke laufen. So wird aus einer ein Kilometer langen Landpassage ein 14 Kilometer-Fußmarsch mit kiloschwerem Gepäck.

Zur permanenten Erschöpfung kam die dauernde Nässe, denn der schwedische Sommer zeigte sich von seiner unfreundlichen Seite mit täglichen Stürmen und Gewittern. „Am Ende war ich einfach glücklich, das Ganze überlebt zu haben. Dass ich meine Erstbefahrung nicht nachweisen konnte, weil mir mein GPS-Gerät abhanden gekommen war, ist für mich nur Nebensache“, so Christoph Thiel.
Die Erlebnisse dieser Reise musste Christoph Thiel zunächst einmal regelrecht verdauen. „Ich konnte mir in der ersten Zeit nicht einmal die Fotos angucken“, so Thiel. Doch inzwischen ist der Abstand groß genug, Thiel hat seine Fotos gesichtet und unter www.riverrun.deein Video der Tour ins Netz gestellt. Dazu kommt jetzt die Auswertung seiner umfangreichen schriftlichen Aufzeichungen. „Und jetzt könnte ich mir auch gut vorstellen, daraus einen Vortrag zusammenzustellen“, so Thiel. Nur wo – das weiß Thiel noch nicht.

Mittlerweile ist auch der Abenteurerwillen in Christoph Thiel wieder erwacht – und so wird Thiel in diesem Jahr erneut ins Boot steigen, um den Klarälven zu bezwingen. „Und jetzt weiß ich ja, was mich erwartet!“
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