Hauchzartes

Anzeige
(Foto: Bildquelle: 575566_web_R_K_by_Gisela Peter_pixelio.de)
Heute war Freitag. Waschtag. Er war darauf programmiert. Wie der 60 Grad-Knopf der Maschine. Mechanisch räumte Uwe Socken und Unterwäsche in die geöffnete Luke, füllte Pulver in die Kammer, drehte die Wasserzufuhr auf, schloss die Tür und drückte die Starttaste. Nichts rührte sich. Absolute Stille. Kein Rauschen einlaufenden Wassers war zu hören. Uwe starrte minutenlang auf das blinde Glasauge seines verstaubten Gegenübers, das seine besten Jahre längst hinter sich hatte. Er rang mit der Fassung. Tränen schossen in seine schiefergrauen Augen. Mit zitternden Fingern kontrollierte er erneut den Hahn der Wasserzufuhr, ob die Waschmaschinentür geschlossen war und das Programm korrekt gewählt wurde. Alles wie gewohnt. Es änderte auch nichts an der Tatsache, dass die Maschine ihren Dienst verweigerte, als er das Waschprogramm wechselte. Seine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich. Seine treue Dienerin streikte.

Andere wären vermutlich ausgerastet, hätten der altersschwachen Maschine einen Tritt verpasst und sie übelst beschimpft. Nicht Uwe. Er räumte die Wäsche in eine Reisetasche und verließ mit hängenden Schultern seine Wohnung. Er schlurfte zu seinem Fiesta, öffnete die Fahrertür, stellte die Tasche auf den Beifahrersitz, schnallte sich an und startete den Motor. Dieser sprang zum Glück sofort an, was eigentlich ein kleines Wunder war. Vielleicht ein gutes Omen?

Nach zwanzigminütiger Fahrt in die Kreisstadt hatte er sein Ziel erreicht. Einen kürzlich eröffneten Waschsalon, dessen Reklameblätter seit Wochen im Hausflur rumflogen. Uwe griff nach der Wäsche und stieg aus dem Auto. Er überquerte die Hauptstraße und betrat das „Waschparadies“. Paradiesisch wirktete allerdings nur die Kokospalme, die neben einer Reihe schwarzer Plastikklappstühle stand, auf denen man seine Wartezeit verbringen konnte. Gegenüber verrichteten hochglänzende moderne Waschautomaten und Trockner fast lautlos ihre geforderten Arbeiten.

Ohne auf seine Umgebung zu achten, straffte Uwe seine Schultern. Am liebsten hätte er ein Schwert gezückt, um den schnurrenden Ungetümen den Garaus zu machen. Diese Ansammlung von Technik und Moderne bereitete ihm Unbehagen. Wehmütig dachte er an seine Hermine, die ihm heute gekündigt hatte. Anscheinend fristlos und endgültig. Mit mürrisch herunter gezogenen Mundwinkeln, die von einem Fünftagebart umwuchert wurden, stellte er seine Reisetasche vor eines der Ungeheuer, das ihm mit blitzendem Glasauge zuzwinkerte.

Uwe bückte sich, öffnete den schwer gängigen Reißverschluss, nahm seine Kleidungsstücke heraus, richtete sich auf, öffnete das gefräßige Maul seines Gegenübers und stopfte Socken, Slips und Shorts hinein. Dieses geschah mit zu viel Schwung. Einige Teile landeten auf dem tannengrünlasierten Betonboden. Als er sie einsammeln und aufheben wollte, geschah es. Ein kurzer, heftiger Schmerz durchzuckte seine Stirn unter graumeliertem Kurzhaarschnitt. Erschreckt hielt Uwe die Luft an, schnellte hoch und starrte in ein veilchenblaues Augenpaar, das zu einer weiblichen Person gehörte, die ihn wütend anfunkelte und sich in voller Größe von ungefähr einssechszig vor ihm aufbaute.

Auf gute zwanzig Zentimeter Höhenunterschied erwischte ihn ihr Donnerwetter. „Können Sie nicht aufpassen? Haben Sie Knöpfe auf den Augen? Sie Stoffel! So was wie Sie müsste glattweg verboten werden. Sie sind eine Gefährdung für die Allgemeinheit!“ Dabei rieb sie über ihren klavierlackglänzenden Pagenschnitt. Uwe lief vor Verlegenheit rot an, stammelte leise irgendetwas von Verzeihung, räumte seine restliche Wäsche ein, startete die Maschine und flüchtete zu den schwarzen Klappstuhlgesellen, die ihm wie ein sicherer Hafen Halt boten. Trotzdem riskierte er verschämte Blicke in Richtung seines „Opfers“, das gerade die Nachbarmaschine mit hauchzarten Dessous befüllte. Seufzend schloss Uwe die Augen. Seine Gedanken rasten zurück in die Vergangenheit. Zu der Zeit, als die blecherne Hermine noch Wäsche für Zwei erledigen musste. Auch Hauchzartes war dabei ...

Ein Duft nach Rosenwasser und eine samtweiche Stimme weckte ihn aus seiner Erinnerung. „Entschuldigen Sie bitte, ich habe es nicht so gemeint. Es ist nicht mein Tag heute. Habe ich Ihnen sehr weh getan?“ Uwe schluckte. Erneut traten Tränen in sein Schiefergrau. Er schluckte heftig. Ihr Duft und ihre Stimme raubte ihm den Atem. Wie ein Kind, das sprechen lernt, antwortete er abgehackt. Wort für Wort modulierend: „Nein. Nicht so schlimm. Sie sind nicht schuld. Ich habe nicht aufgepasst. Tut mir leid. Sie können nichts dafür.“ Seine Stimme brach. Uwe räusperte sich mehrmals, holte tief Luft und fragte mit rauer Stimme: „Darf ich sie auf einen Kaffee einladen?“

Sie lächelte ihn an. In ihrem Veilchenaugenblau leuchteten goldene Funken. Sie hielt ihm ihre zarte ätherisch durscheinende Hand entgegen und antwortete mit fester Stimme: „Sehr gerne. Ich heiße Iris. Und Sie? Wir können den Kaffee gerne in meiner Wohnung trinken. Ich wohne direkt um die Ecke. Das Leben ist so kurz. Warum sollen wir Zeit vergeuden?“

Und so verließen zwei Menschen nach einiger Zeit Hand in Hand das „Waschparadies“ .


Hauchzartes gehörte für Uwe nun auch wieder zur Gegenwart ...



Text © Doris Sponheimer

Bildquelle: 575566_web_R_K_by_Gisela Peter_pixelio.de
0
1 Kommentar
1.844
Alfred Wolff aus Düsseldorf | 01.03.2013 | 20:24  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.