Die Nachdenklichkeit und die Schmetterlinge

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Die Nachdenklichkeit ist ein sonderbares Phänomen. Sie konstruiert ein Problem, um es sogleich zu lösen mit den unterschiedlichsten Methoden. Eine davon ist die Verweigerung.

Sie saß, wie immer in der Mittagspause auf der mittlerweile herbstlichen Terrasse des Eiscafés im kleinen Stadtteil, der mal ein Arbeiterstadtteil war und mittlerweile avanciert ist zu einem Schicki-Micki-Refugium. Versonnen schaute sie unter dem trockenen Sonnenschirm sitzend auf die Regentropfen, die sanft vom Himmel schwebten, wie feuchter Staub. Und während sie eine Kugel Eis mit Sahne langsam Löffelchen für Löffelchen auf der Zunge zergehen ließ, wurde ihr deutlich, das der einzige Grund mit einem Mann zusammen zu sein, seine Männlichkeit ist.

Was soll sie ansonsten mit einem Mann anfangen, der zu viel Fleisch ißt und demzufolge manchmal unappetitlich riecht, während sie schon lange vegan lebt. Wo soll sie an ihm, der sich mit viel zu viel von diesem ekelhaften billigen Rasierwasser namens Tabac besprüht, schnuppern, seinen Duft erahnen ?

Wie soll sie es ertragen, das er immer rumläuft wie ein Geck und dabei noch kritisch auf diejenigen herab schaut, die nicht so herumlaufen.

Das einzige, was sie an ihm interessiert, ist seine Männlichkeit. Umgekehrt wünscht sie sich, das er an ihr lediglich ihre Weiblichkeit toll findet, na und – vielleicht noch ihre Kochkünste, ihren Geist und Witz, ihre Art sich zu kleiden, die tollen Freizeitideen, die sie immer hat. Ja, das sollte er schon an ihr schätzen – während ihr seine Männlichkeit genügte. Seine Stärke, die es vermochte, sie vielleicht auf den Schultern nach Hause zu tragen, wenn sie wieder mal zu viel getrunken hatte.
Seine tiefe Stimme, mit der er ihrem Arbeitgeber Respekt einflössen würde, wenn sie wieder mal krank feierte – der Schutz, den er ihr gewährte, wenn sie mal wieder bei den Eltern zu Besuch waren und Mutter wieder auftrat mit ihren immer währenden Schuldzuweisungen.

Das reichte aus für eine Beziehung. Aber wollte sie denn überhaupt eine Beziehung ? Was, wenn er mehr wollte, sie auffressen wollte, sie vor Liebe nicht mehr loslassen wollte, zum Stalker werden würde, wenn sie sich eines Tages abwendet ? Es gruselte sie bei dem Gedanken, diesen männlichen Kaltfrosch (so nannte sie ihn heimlich wegen seiner kühlen undefinierbaren Augen) so zu verletzen, das er platt am Boden lag und nach ihr wimmerte.

Sie wollte keine Beziehung mehr. Das wusste sie nun. Als die Kugel Eis vertilgt war, hatte sie sich mit dem Gedanken arrangiert, ihn nie wieder sehen zu wollen. Und das Kribbeln da unten im Bauch ? Egal ! Soll es doch kribbeln – das geht auch wieder weg. Nein, sie wollte in diesem Schicki-Micki-Viertel sich einer Yoga—Gruppe anschließen, vielleicht mitarbeiten in einer Gruppe gegen Verteuerung des Wohnraums und ansonsten sollten ihr die Männer vom Leibe bleiben.

Erleichtert ging sie beschwingten Schritts nach Hause und fand auf dem Anrufbeantworter seinen Anruf vor. Er sitze jetzt auf einer Bank am Rhein am Fortunabüdchen und sei melancholisch. Es dauerte keine zwei Minuten, da saß sie schon im Taxi in Richtung Fortunabüdchen, stieg aus und rannte, rannte auf die Bänke zu, um ihn bloß noch erhaschen zu können. Da saß er mit einer Flasche Bier in der Hand – und sie, die potentielle schnapshasserin, flog ihm um den Hals, schleckte ihn ab und fragte ihn, ob sie ihm noch einen Schnaps dazu holen solle. Und bibbernd lehnte sie sich nach der Schnapsübergabe an seine Seite und schaute ihm von unten nach oben mit weit aufgerissenen Augen in die Pupillen, während sie mit ihrer Zunge leicht die Lippen leckte.

Sie wollte keine Beziehung mehr. Sie wollte keinen Mann mehr. Sie war fertig mit all diesen Dingen – aber das Kribbeln im Bauch wollte einfach nicht nachlassen, diese sogenannten Schmetterlinge im Bauch. Sie wissen schon, was ich meine. Die flatterten wie wild umher, während der parfümierte Lackaffe sich das Bier und den Schnaps reinzog und mit leicht unbeteiligter Miene in die Ferne sah und sich Mühe gab, sie nicht zu beachten.

Manchmal sind nette Frauen nur aus einem Mangel an Alternativen (MaALT) mit einem Vollpfosten zusammen. Wegen der Schmetterlinge. Man sollte den Schmetterlingen an und für sich ihre Freiheit schenken und sie weit weit weg fliegen lassen – raus aus dem Bauch !
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9 Kommentare
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Paul Scharrenbroich aus Monheim am Rhein | 10.10.2014 | 14:01  
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Gottfried (Mac) Lambert aus Goch | 10.10.2014 | 17:06  
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Karin Michaeli aus Düsseldorf | 10.10.2014 | 20:15  
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Karin Michaeli aus Düsseldorf | 10.10.2014 | 20:16  
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Kate Ellis aus Düsseldorf | 10.10.2014 | 22:55  
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Karin Michaeli aus Düsseldorf | 11.10.2014 | 08:31  
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Paul Scharrenbroich aus Monheim am Rhein | 11.10.2014 | 15:17  
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Kate Ellis aus Düsseldorf | 11.10.2014 | 19:13  
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Karin Michaeli aus Düsseldorf | 12.10.2014 | 09:05  
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