Im Netz der Sekten

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Vor etwa zehn Jahren traf vor allem Wahrsagerei auf Begeisterung, heute sind es eher esoterische Lebenshelfer. Archivfoto: Gohl
 
Uta Bange, Anja Gollan, Christoph Grotepass und Sabine Riede (von links) stellten den Jahresbericht 2016 der Sekten-Info vor. Foto: hub

Mit welchen Mitteln Pseudogruppen und Sekten nach neuen Anhängern fischen

Religiöse, ideologische und psychologische Gruppierungen sind nicht neu. Auch sind 2016 nicht unüblich viele Leute Sekten beigetreten. Neu ist jedoch die Vielfalt der Gruppen und ihre Vernetzung untereinander. Das macht sie präsenter und gefährlicher.


Etwa 1.000 Anfragen unsicherer Bürger gingen im letzten Jahr bei der Sekten-Info NRW ein. Esoterischen und fundamentalistischen Gruppen, aber auch wie immer den Big Playern Scientology und den Zeugen Jehovas wollten Betroffene entkommen. Sabine Riede, Vorsitzende der Sekten-Info NRW, stellt zusammen mit ihren Kollegen eine veränderte Herangehensweise der Sekten fest. „Die Gruppen gehen vermehrt Zweckbündnisse ein“, erklärt die studierte Pädagogin. Dabei hätten sie inhaltlich eigentlich wenig gemein, aber „der gemeinsame Feind, der Staat, verbindet.“ Der Berater und Referent Christoph Grotepass erzählt von Treffen der Organischen Christus-Generation (OCG), auf denen sich fundamentalistische Christen mit Holocaust-Leugnern und Verschwörungstheoretikern unterhalten. Dabei würden die eigentlichen Ziele der Bewegungen oft weniger thematisiert, als das Schüren von Ängsten in der Bevölkerung betrieben. „Die Flüchlingsbewegung sei von oben gesteuert, um Deutschland zu destabilisieren“, zählt der Diplom-Theologe eine der Theorien auf.

Zweckbündnisse gegen den Staat

Richtig gefährlich wird diese Hetze vor allem in Bezug auf Medizin und Ärzte. Wer dem Staat misstraut, hält auch von Arzneien und Impfstoffen wenig. Dass Krankheiten wie Krebs nicht Folge eines seelischen Konflikts sind und sich von selbst heilen, dürfte doch selbstredend sein, findet Sabine Riede. Genau das behauptet jedoch Ryke Geerd Hamer, dessen Gruppe „Germanische Neue Medizin“ nach eigenen Angaben 100.000 Anhänger hat. Fatal, erklärt Riede, sähen Erkrankte ihren Irrtum doch oft erst ein, wenn jede schulmedizinische Hilfe zu spät komme.
Mit einfachen Mitteln sich selbst zu helfen, versprechen auch die momentan überall anzutreffenden Lebenshelfer. Nicht ausgebildete, spirituelle Führer verbreiten einfache Lösungen für komplexe Probleme übers Internet. Attraktiv sei hierbei der Konsumcharakter. „Man ist erstmal niemandem verpflichtet und nimmt nur das auf, was einem augenscheinlich hilft“, erklärt Sabine Riede das Phänomen. War über Jahre hinweg das Familienstellen nach Bert Hellinger, welches mithilfe eines „wissenden Felds“ vermeintliche Traumata in der Vergangenheit entdeckt, gefragt, erregt seit Neuestem vor allem „Transformationstherapeut“ Robert Betz die Aufmerksamkeit unzufriedener Menschen. Der 63-Jährige, der nach eigenen Angaben Kontakt zu Engeln unterhält, propagiert die an sich sinnvolle Botschaft, jeder sei Schöpfer seines Glückes. Gepaart mit der Aussage, dass der Mensch aber auch Schöpfer seines Leids sei, führe das oft zur Ablehnung von Medizin oder dem Beenden von Beziehungen. Esoterik-Expertin Uta Bange berichtet, dass vor allem Frauen sich von der Idee angesprochen fühlen, nur noch für sich selbst zu sorgen und ein Leben zu führen, das sich nur um sie dreht. Welche dramatischen Folgen das haben kann, weiß Sabine Riede zu berichten. „Neben einer Trennung vom Partner erleben wir auch Mütter, die sich von ihren Kindern abwenden“, erzählt die Kinderschutzfachfrau. Gerade in diesem Bereich sei Aufklärung nötig, findet sie, denn Jugendämter oder Schulen wissen oft nicht, in welcher Lage sich Kinder befinden, die aus dem kindeswohlgefährdenden Umfeld entfernt worden sind. „Die Kinder entwickeln sehr starke Schuldgefühle“, sagt Riede, und hätten noch Jahre später Angst wegen der indoktrinierten Lehren der Eltern.

Aufklärungsarbeit im Jugendbereich nötig

Die Sekten-Info NRW bietet neben Informationen über die verschiedensten Gruppierungen auch Beratung für Betroffene und deren Angehörige an. Möchte sich der Beeinflusste jedoch nicht helfen lassen oder sieht die Vereinnahmung von außen nicht, rät Sabine Riede zum unbedingten Halten des Kontakts. „Das strittige Thema einmal außen vorzulassen, kann helfen“, sagt sie. Dem Betroffenen die Irrtümer seines Gurus aufzuzeigen, bringe die Person eher dazu, den Kontakt mit dem „Ungläubigen“ abzubrechen. Letztlich sei entscheidend, wie stabil die Person emotional sei. Denn, wie Sabine Riede betont: „Je besser ein Mensch sich aufgehoben fühlt, desto weniger hat er Hilfe von extremen Gemeinschaften überhaupt nötig.“
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