Im Lalok Libre wird Willkommens-Kultur einfach gelebt

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Jolanta Michalski (ganz rechts im Bild) hat im Falle von Sprach-Schwierigkeiten eine Dolmetscherin zur Seite. Manchmal können auch schon die Kinder, die hier die Schule besuchen und relativ schnell deutsch lernen, helfen. „Ansonsten helfen nur noch Hände und Füße“, lacht Jolanta Michalski.Foto: Gerd Kaemper
 
Nach wie vor kommen Neu-Zuwanderer aus Osteuropa nach Gelsenkirchen und suchen hier ihr Glück, das ihnen in ihrer Heimat oft verwehrt wird oder durch wirtschaftliche Gegebenheiten nicht möglich ist. Viele von ihnen suchen das Lalok Libre in Schalke auf und werden dort mit Herz und Verstand betreut, umsorgt und integriert. Die Mehrzahl der Neu-Bürger sind jüngere Leute und haben viel Kinder. Foto: Kurt Gritzan. (Foto: Kurt Gritzan.)
Gelsenkirchen: Lalok Libre |

Es waren einmal rund 20 Familien, die als Neu-Zuwanderer aus Osteuropa im Gelsenkirchener Lalok Libre betreut wurden... Leider setzt sich das Märchen nicht so harmonisch fort, wie die meisten uns bekannten, denn in den letzten 18 Monaten stieg die Zahl auf weit über 400 Familien und sogar Hilfesuchende aus Nachbarstädten finden sich hier, die aber wieder fortgeschickt werden müssen, weil die Hauptamtliche und zwei Nebenamtlichen bereits jetzt weit mehr tun, als zu erwarten wäre.

Es bräuchte mehr "Laloks" in Gelsenkirchen



„Wenn es 30 Lalok Libre in Gelsenkirchen gäbe, könnte allen Neu-Zuwanderern geholfen werden“, schildert Jolanta Michalski, die mit ihren 30 Stunden pro Woche als hauptamtliche Betreuerin für die Europäer, die vornehmlich aus Rumänien und Bulgarien kommen, zuständig ist.
Seit 18 Monaten ist die Gelsenkirchenerin damit beschäftigt, Anträge von Ämtern zu erklären, beim Ausfüllen zu helfen, Rechnungen zu erklären, Hilfe zu geben bei Kindergarten- und Schulfragen, der Wohnungssuche, dem Deutschkurs, und und und....

Kommunikation findet auf vielen Ebenen statt


Die Gelsenkirchenerin ließ sich bei der Awo zum Integrationslotsen ausbilden mit dem Schwerpunkt Kommunikation und verrät ein wenig müde lächelnd: „Kommunikation ist hier oft das Problem. Und zwar nicht nur sprachlich, auch in Sachen Verständnis.“
Sie gibt ein Beispiel für ihre tägliche Arbeit: Ein rumänischer Vater erhielt Post vom Schulamt und ließ sich den Inhalt von Jolanta Michalski erklären. Daraus ging hervor, dass beim Delfin-Sprachtest des vierjährigen Kindes klare Defizite in der deutschen Sprache festgestellt wurden. Der Vater beharrte darauf, dass das Kind ja nun in den Kindergarten käme und dort sicherlich bis zur Einschulung genügend Deutsch lernen würde.
Dass das Kindergarteneinstiegsalter bei uns bei drei Jahren und nicht wie in Rumänien vier Jahren liegt und das Kind nur noch zwei Jahre bis zur Einschulung Zeit hat, die Sprache zu lernen, verschlug dem Vater seinerseits die Sprache. Frau Michalski hätte sicherlich Verständnis aufgebracht, wäre ihr nicht bekannt, dass es sich um das zweite Kind des Mannes handelt, dem dieselbe Bescheinigung ausgestellt wurde.

Roma-Neubürger nehmen deutlich zu


Zunehmend schwierig gestaltet sich die Arbeit dadurch, dass derzeit, nachdem der erste Hype vorbei ist mit dem auch gut qualifizierte Neu-Zuwanderer eintrafen, jetzt hauptsächlich Rumänen und Roma und letztere in „Rein-Format“ hier auflaufen.
„Die Paare sind nicht verheiratet oder nur nach Roma-Recht. Die Frauen haben in der Regel keine Papiere, die hat nur der Mann. Dafür nehmen die Frauen aber alles auf ihre Kappe und unterschreiben, damit die Männer völlig im Hintergrund bleiben können und ihnen nichts angelastet werden kann“, schildert die Hauptamtliche.
Zugegebenerweise profitiert das Lalok Libre in gewisser Weise von der Not und Lebensweise der Menschen, denn viele von ihren absolvieren ihre Sozialstunden im Lalok. „Man muss sich aber mal vorstellen über welche Dimensionen wir dabei reden: Es gibt Leute, die müssen aufgrund von Diebstahl-Delikten mitunter bis zu 1.000 Sozialstunden abarbeiten!“ weiß die Kommunikations-Fachfrau.

Die Not macht erfinderisch


Dahinter verbirgt sich aber auch eine Problematik, die nicht zuletzt unser wohlgeordneter Sozialstaat mit sich bringt, wie Jolanta Michalski schweren Herzens immer wieder feststellen muss. Denn was macht eine Frau, deren Mann ausgewiesen wird, die keine Papiere hat und keinen Anspruch auf Hartz IV, weil ihr die Arbeitnehmerfreizügigkeit fehlt. Die Lalok-Mitarbeiterin kennt die Anwort: „Klauen!“
Die Arbeit des Lalok besteht aber auch darin, hier Abhilfe zu schaffen und den Menschen Wege zu eröffnen, ohne kriminelle Energien. „Wir haben in den letzten 18 Monaten so manche Familie im Rahmen der Möglichkeiten unterstützt und integriert, aber uns stellt sich zunehmend die Frage: Was passiert nach dem 31. Dezember 2015? Denn dann endet unsere Projekt-Förderung. Müssen wir ab dem 1. Januar nächsten Jahres alle Leute wegschicken mit ihren Problemen, Sorgen und Nöten?“, fragt sich Jolanta Michalski jeden Tag aufs Neue, denn das Jahresende rückt unerbittlich näher.

Jetzt kommen die Nachzügler und Bildungsfernen

Aus ihrer Erfahrung heraus schildert sie, dass die meisten Neu-Ankömmlinge junge Leute sind, die in Rumänien oftmals gar keine Schule besucht haben. Dafür sollte man ihnen hier aber keinen Vorwurf machen, denn wie heißt es so schön: Andere Länder - andere Sitten.
Wenn die Menschen hier ankommen, haben sie keine Ahnung davon, wie das Leben hier läuft. Sie wissen nicht, wie sie eine Wohnung finden können, ohne dabei an irgendwelche Miethaie zu geraten. Ihnen ist nicht bekannt, dass neben der Miete auch weitere Kosten für Strom und Gas auf sie zukommen. Und die wenigsten von ihnen verstehen und sprechen Deutsch.

Das Lalok unterstützt wo es kann - ist aber auch auf Hilfe angewiesen


„Wenn diese Leute dann bei uns vorstellig werden, legen wir Akten über sie an, in denen wir alle möglichen Papiere sammeln und Informationen zusammentragen. Das geben die Neu-Zuwanderer auch bei den Ämtern an, wo ihre Sprachkenntnisse oder eben Nicht-Sprachkenntnisse bekannt sind, und unsere Einrichtung ist dort auch bekannt. Umso ärgerlicher ist es aus meiner Sicht, wenn die Neu-Bürger dann mit einem heißen Telefon am Ohr hier ankommen, weil sie nicht verstehen was das ‚Amt‘ von ihnen will. Oder auch amtliche Briefe, die in deutscher Sprache verschickt werden. Natürlich können die Menschen damit nichts anfangen“, schildert eine aufgebrachte Jolanta Michalski, die gern bereit steht, um einzelne Fälle mit den Ämtern zu klären und so für Verständigung und Klarheit zu sorgen.
Dass die Arbeit des Lalok bekannt ist und durchaus geschätzt wird, erfahren die Mitarbeiter immer wieder, wenn Krankenhäuser, die Agentur für Arbeit oder andere Institutionen, die Neu-Zuwanderer zu ihnen schicken. Und genau darum ärgert sich das Team, das mit viel Herz und Verstand für kleines Geld und weit über das normale Engagement hinaus im Einsatz ist, wenn in anderen dringenden Fällen die Mühlen der Bürokratie strikt eingehalten werden.

Ein umfangreiches Angebot wird hier geboten


Zum Angebot des Lalok Libre gehören neben der eigentlichen Beratung und Betreuung der Hilfesuchenden auch Deutschkurse für jedes Alter, eine Krabbelgruppe für Mütter und ihre Kinder, Kinderbespaßung, Mittagstisch dank der Gelsenkirchener Tafel, dank der Bäckerei Heinisch die Vergabe von Kuchen und Brot immer am Samstagnachmittag, ein Sprach-Camp für Kinder, das in diesen Ferien auf einen Campingplatz in Haltern geht.
In Kooperation mit der Awo werden niederschwellige Deutschkurse angeboten, bei denen auch das „Leben“ gelehrt wird: Straßenbahnfahren, wo ist welches Amt, wie findet man einen Arzt, den Kindergarten, die Schule und wie läuft es überhaupt so in Gelsenkirchen...

Aber wie geht es im nächsten Jahr weiter?


Der Zustrom der Neu-Zuwanderer reißt nicht ab, daran wird auch das Auslaufen des Projektes Ende diesen Jahres nichts ändern. On Top kommen die Flüchtlinge hinzu, die ebenfalls den Weg ins Lalok Libre gefunden haben. Und genau dort macht sich zunehmend die Ratlosigkeit breit, weil niemand weiß, wie es weiter gehen wird. Trotzdem verliert das Team nicht die Zuversicht und gewinnt der Problematik, die die Neu-Zuwanderer mit in die Stadt bringen auch etwas Gutes ab: Gelsenkirchen ist durch sie jünger und bunter geworden...
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