Das geht unter die Haut

Anzeige
Foto: privat
 
Foto: privat
Hagen: Hohenlimburg |

Es gibt immer mehr Menschen, die sich tätowieren lassen. Und das sind weniger jene, an die man zuerst denkt: Rocker oder Biker. Der 20-jährige Industriemechaniker Maik zum Beispiel möchte seinen gesamten linken Arm verzieren lassen. Kein Problem für den Tätowierer. Was die Motive betrifft, hat Maik jedoch einen ausgefallenen Wunsch ...

Mark hat es sich bequem gemacht auf der großen roten Couch im Tattoo Shop von Pitt Linde. Tattoostudios sind eh keine langweiligen Praxen, aber hier in der Freiheitsstraße 38 fühlt man sich wie in einer britischen guten Stube. Rockmusik kommt aus dem CD-Player und die Jungs, die hier arbeiten, sind gut aufgelegt.

Pitt hat den schweren dunklen Vorhang beiseite geschoben und man kann zuschauen, wie sich die Skizze auf dem Arm seines Kunden Stich für Stich in einen Kompass auf einer Landkarte entwickelt. Es wird noch einige Stunden dauern, bis der letzte Stich gesetzt ist.

Maik saß vor sieben Wochen das erste Mal auf dem Stuhl vor Pitt, hat die Zähne zusammengebissen und sich sein erstes Tattoo in den Unterarm stechen lassen. Über drei Stunden dauerte es, aber dann prangte Hohenlimburgs Wappen dreifarbig mit dem roten Löwen in der Mitte, den drei Türmen, umrankt von gelben Blättern auf – oder besser gesagt – unter der Haut. Nun möchte Maik den Arm peu à peu mit weiteren Hohenlimburger Motiven überziehen. „Mit Bildern von Denkmalen zum Beispiel, auch solchen, die es schon nicht mehr gibt“, beschreibt der junge Mann.

Fotos von Hohenlimburger Wahrzeichen gesucht

Das kann sich auch Pitt gut vorstellen. Allerdings liegt genau da der Hase im Pfeffer: Außer dem Walzwerkerdenkmal und dem Schloss hat der Tätowierer keine weitere Bildvorlage. „Schrotti“ wäre für Maik keine Alternative. Vielleicht ist das Kunstwerk noch nicht Denkmal genug? „Nö“, sagt Maik, „das Schrottgewirr gefällt mir einfach nicht. Ich hätte gern was Traditionelleres.“
Deshalb wünschen sich Maik und Pitt, dass die Hohenlimburger mal in alten Fotoalben blättern. Sollten sich dort Bilder mit Hohenlimburger Wahrzeichen finden, dann schnell in die Freiheitsstraße damit. Der Fleetstreet Tattoo Shop von Pitt ist leicht zu finden.
Warum sich Maik gerade Bilder seiner Heimatstadt tätowieren lassen möchte, erklärt er in einem Satz: „Ich mag einfach meine Heimatstadt Hohenlimburg.“ Hier sei er geboren und hier lebt er gern. Klar, Heimatverbundenheit ist nicht gerade up to date unter Jugendlichen und seine Freunde, sagt Maik, würden seinen Spleen auch belächeln. Aber das störe ihn wenig. „So bin ich eben!“ und das will Maik auch zeigen.

Und damit liegt er im Trend, denn laut aktuellen Studien sind 10 Prozent der Deutschen tätowiert. Von den 30- bis 39-Jährigen ist es sogar fast ein Viertel.

Klientel aus allen sozialen Schichten

„Tätowieren ist längst kein Unterschichtphänomen mehr“, erklärt Pitt, während er die überschüssige Farbe des gerade gestochenen Kompass vom Arm des Kunden wischt. Das käme daher, dass sich das Image dieser Körperkunst gewandelt habe. Das geht auch aus einer repräsentativen Studie von Dr. Aglaja Stirn hervor, Fachärztin für psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikerin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt. Darin heißt es: „Früher waren es überwiegend Seeleute, Gefängnisinsassen, Soldaten oder Homosexuelle, die sich tätowieren ließen. Die heutige Klientel der Tätowierer durchzieht weite Kreise des sozialen Spektrums ...“

„Mit Tattoos wollen sich die Leute individualisieren, ihre Einzigartigkeit ausdrücken und einen bestimmten Lebensstil verkörpern. Die Bilder auf der Haut sind wie ein persönliches Tagebuch“, sagt Pitt.

Die Tür geht auf und eine Frau kommt herein. Joe mit roter Mütze auf dem Kopf und einem Bleistift hinter dem Ohr - neben Schlomo und Johanna einer der Mitarbeiter von Pitt Linde -, kümmert sich um sie. Die Kundin möchte wissen, was es kostet, ein altes Tattoo „übermalen“ zu lassen. Sie wird beraten und vereinbart einen Termin. Pitt arbeitet unablässig weiter.

Pitt Linde, der Maurer mit Fach-Abi, ist über Umwege zum Tätowierer geworden. Der Fleetstreet Tattoo Shop öffnete im Juni dieses Jahres. Und seitdem hat er schon jede Menge Stammkunden. Dreiviertel davon sind Frauen, die sich Kunst auf ihrer Haut wünschen: gestochen scharfe Handgelenkkettchen, Tribals auf der Schulter, den Namenszug des Liebsten auf dem Unterarm. Das sogenannte "Arschgeweih" ist allerdings out. Von Namen würde Pitt abraten. Was, wenn der Liebste entschwindet und ein neuer kommt? Ein Cover up (Übertätowierung) soll die Jugendsünde dann überdecken. "Diese Aufträge bekommen wir öfter und je nachdem, wie das ursprüngliche Bild gestochen war, fordert es unsere Tätowierkunst heraus."
Als Künstler will sich Pitt dennoch nicht bezeichnen. Die Gewichtung zwischen Handwerk und Kunst beim Tätowieren empfindet er als etwa fifty-fifty. Tätowieren kann jeder, sagt Pitt. Aber den Ausbildungsberuf gebe es nicht.

Lerning by doing

„Am besten schaut man während eines Praktikums einem guten Tätowierer über die Schulter und lernt das Handwerk auf diese Weise.“ Zeichnen müsste man natürlich können. Der Umgang mit der Tätowiermaschine und die Sensibilität des Stechens – nicht zu flach und nicht zu tief – sind einfach Übungssache.

Bei den Motiven richtet sich Pitt nach den Kunden – natürlich. „Am Ende verkaufen wir keine Jeans, sondern ein Lebensgefühl.“ Dabei sieht sich der Tätowierer auch in einer gewissen Verantwortung. Bestimmte Motive lehnt er strikt ab, zum Beispiel rechtsradikale Symbole. Aber ansonsten sei seine Toleranz groß, „auch was den Ort des Tattoos betrifft“, lacht Pitt und schweigt natürlich über Einzelheiten. Maiks Motivwünsche findet er im Übrigen richtig gut und hofft auf viele Fotos. Denn auf Maiks Arm ist noch viel Platz.
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.