Das Dolmetscher-Phänomen

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Zunehmend spielen Dolmetscher bei der gesundheitlichen Versorgung von Flüchtlingen eine entscheidende Rolle. Die durch den Bürgerkrieg und durch die Flucht nach Deutschland gesundheitlich angeschlagenen Menschen suchen vermehrt Hilfe bei deutschen Ärzten. Dabei sind diese Flüchtlinge auf die Hilfe von Dolmetschern in der Kommunikation mit den Ärzten angewiesen. Dies ist darauf zurück zu führen, dass nur sehr wenige Flüchtlinge der englischen Sprache mächtig sind. Die meisten Flüchtlinge sprechen entweder Arabisch, Farsi oder Urdu. Die Mehrheit der Flüchtlinge kommt aus Syrien und dem Irak. Dementsprechend sehen sich Ärzte hauptsächlich arabisch sprechenden Patienten gegenüber. Die gesamte Anamnese, einschließlich der daraus resultierenden Therapie, sowie die Aufklärung über die entsprechenden Untersuchungen und Behandlungen werden dem Patienten mittels eines Dolmetschers vermittelt. Dabei besteht keine Möglichkeit zu eruieren, ob der Dolmetscher den Patienten richtig verstanden hat und die Angaben des Patienten den behandelnden Arzt richtig übersetzt hat oder nicht. Auch ist nicht sicher, ob die Anweisungen des Arztes durch den Dolmetscher dem Patienten adäquat übersetzt werden. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die wenigsten Dolmetscher wirklich das übersetzen, was der Patient gesagt hat. Angesichts der hohen Anzahl der Flüchtlinge und der damit einhergehenden großen Nachfrage nach Dolmetschern erfolgt keine Kontrolle hinsichtlich der Qualifikation dieser Dolmetscher. Für die Dolmetscher selbst ist die finanzielle Entschädigung häufig ein willkommener Anreiz. Daher melden sich viele für die Dolmetschertätigkeit.
In den letzten 12 Monaten ist die Anzahl der arabisch sprechenden Patienten in Begleitung eines Dolmetschers deutlich angestiegen. Da Arabisch neben Deutsch meine Muttersprache ist, kann ich nachvollziehen, ob das was der Patient beschreibt vom Dolmetscher auch entsprechend übersetzt wird. Mir sind dabei mehrere Aspekte aufgefallen, die ich al das „Dolmetscher-Phänomen“ bezeichne. Einige der Dolmetscher sprachen nur gebrochen arabisch. Folglich wurde die Anamnese durch diese Dolmetscher verzerrt und willkürlich übersetzt.
Durch meine intensive Beobachtung konnte ich verschiedene Dolmetscher-Typen identifizieren.

Der Interpret
Dieser übersetzt nicht die vom Patienten beschriebene Symptomatik, sondern interpretiert sie. Er gibt zum Beispiel nicht wieder, dass der Patient Ganzkörperschmerzen hat, sondern dass dieser Patient ein psychisches Problem habe.
Der Lehrer
Dieser Dolmetschertypus versucht während des Gesprächs auf die Patienten belehrend einzuwirken. Er gibt dem Patienten vor, wie dieser sich zu verhalten habe. Er verhält sich dem Patienten gegenüber so wie Eltern ihren Kindern gegenüber und schüchtert mit seiner Verhaltensweise diese Patienten ein.
Der Reformer
Der Reformer-Typus hat es sich zur Aufgabe gemacht den Patienten die Moderne zu erklären. Er schreibt ihnen strikt vor, was sie dürfen und was sie nicht dürfen. Während des Gesprächs werden Patienten angegangen, wenn sie von der Gestik oder Mimik oder bei ihren Antworten nicht seinen Vorstellungen des westlichen Verhaltens und Benehmens entsprechen. Dabei werden die Patienten mit durchaus sehr unangemessenem Vokabular eingeschüchtert.
Der Koalitionspartner
Dieser Typ solidarisiert sich mit dem Patienten, was ja zunächst nicht verwerflich ist. Die Solidarität kann allerdings so weit gehen, dass sich dieser Dolmetscher berufen fühlt, in einem normalen Gespräch den Patienten verteidigen zu müssen. Dies ist darauf zurück zu führen, dass dieser Typ von Dolmetscher schnell das Gefühl hat, dass die Patienten, aufgrund ihrer Sprache und ihrer religiösen Ausrichtung benachteiligt werden. Mit anderen Worten, dieser Typus versetzt sich unbewußt, aufgrund der gemeinsamen Herkunft und der religiösen Gemeinsamkeit in die Rolle des vermeintlichen Opfers und versucht dessen Rechte zu verteidigen. Hier kann die Situation rasch eskalieren.
Der, der den Patienten selber nicht versteht
Dieser Typ beherrscht entweder die Sprache des Patienten nicht ausreichend oder er kommt aus einem anderen arabischen Land mit durchaus unterschiedlichen Akzenten und Dialekten, aber auch mit unterschiedlichen Begrifflichkeiten und deren Deutung. Hier kommt es zu Missverständnissen zwischen Patient und Dolmetscher, die sich massiv in der Übersetzung auswirken können.
Der „Verräter“
Der Verräter-Typus gewinnt zunächst das Vertrauen des Patienten, weil er ihm das Gefühl gibt, dass er ihn aufgrund der gemeinsamen kulturellen und religiösen Gemeinsamkeiten sehr gut versteht und mitfühlt. Der Patient erzählt, basierend auf diesem Vertrauensverhältnis, intime Details. Zum Beispiel erzählen Frauen häufig solchen Dolmetscherfrauen von familiären Problemen, die sie einem Arzt bewusst vorenthalten würden, weil bestimmte Themen in deren Kulturkreis als tabuisiert werden und niemals an Dritte weitergegeben würden. In der Annahme, dass man diesen Typus von Dolmetscher vertrauen kann, werden sehr intime Details Preis gegeben. Im Arzt-Patienten-Gespräch gibt dieser Typus, ohne Zustimmung des Patienten, dem Arzt diese Details preis. Dies ist hauptsächlich auf zwei Gründe zurück zu führen. Die einen glauben durch die Weitergabe dieser Informationen, die sie ohne Zustimmung an den Arzt weitergeben, dem Patienten besser helfen zu können. Andere Gründe sind unter anderem die Verachtung dieser Traditionen, nicht wenige dieser Dolmetscher geben diese Informationen an den Arzt wieder, weil ihnen ähnliches wiederfahren ist. In allen Fällen kommt es zum Vertrauensbruch zum einen zwischen Patient und Dolmetscher. Aus Scham kann dies zu einer gestörten Patienten-Arzt-Beziehung führen. Dabei kann es dazu kommen, dass trotz großen Leidensdrucks der Patient keinen Arzt mehr aufsucht.
Der selbsternannte Therapeut
Nicht selten habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Dolmetscher versuchen den Patienten zu therapieren. Häufig kommt es vor, dass der Dolmetscher nicht das übersetzt, was der Arzt empfiehlt, sondern das was er selbst für richtig hält. Notwendige, aber vom Dolmetscher skeptisch gesehene Untersuchungen und Behandlungen werden dem Patienten so übersetzt, dass dieser die Empfehlung ablehnt. Insbesondere im Hinblick auf die medikamentöse Therapie habe ich die Erfahrung machen müssen, dass die Dolmetscher sogar so weit gehen und dem Patienten, entgegen den Empfehlungen des Arztes die Dosierungen und die Häufigkeit der Einnahme der Medikamente, nach eigenen Vorstellungen den Patienten empfehlen.

Fazit
Diese Dolmetscher-Phänomene führen sehr häufig zu einer verzerrten oder gar verfälschten Anamneseerhebung und damit auch entweder zur Einleitung von überflüssigen Untersuchungen oder zur nicht Durchführung dringend notwendiger Untersuchungen. Damit werden die Diagnostik und die Diagnose durch die Dolmetscher erheblich beeinflusst. Dem Patienten selbst entstehen dadurch erhebliche Nachteile. Es kann dazu führen, dass aufgrund der falschen Anamnese und der daraus gezogenen Konsequenzen schwere Erkrankungen nicht erkannt werden bzw. durch diese Art des Dolmetschens kann der Arzt in eine völlig falsche Richtung gelenkt werden. Dies kann fatale Folgen für den Patienten haben.
Um dieser Problematik zu minimieren bedarf es der Kontrolle der Dolmetscher durch eine entsprechende Institution, die die Qualifikation dieser Dolmetscher überprüft. Eine praktische Lösung wären Ansprechpartner in den Kommunen, die die Eignung dieser Dolmetscher zumindest hinsichtlich der Sprachkenntnisse bestätigen können. Eine komplette Behebung dieser Problematik ist nicht möglich. Doch zumindest sollte der Arzt hellhörig werden, wenn der Dolmetscher das Verhalten schmerzgeplagter Patientinnen versucht kulturell oder religiös zu deuten.


Dr. Mimoun Azizi
Universitätsklinikum Mainz
Neurologie
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