Schau mich an ­­­- Gesicht einer Flucht : Ebola-Virus änderte innerhalb weniger Stunden alles

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Chris, 37 Jahre, arbeitete in Liberia als Zimmermann und war Fan des Fußballclubs „Lone Star“. Foto: Fotostudio Augenblick

Haltern. Viele Mitbürger kennen Geflüchtete nur als "die Flüchtlinge", fremd und anonym. Für den Asylkreis Haltern am See hat die Flucht inzwischen viele sehr unterschiedliche Gesichter bekommen. In dieser Serie stellen wir einige vor. Chris, 37 Jahre, arbeitete in Liberia als Zimmermann und war Fan des Fußballclubs „Lone Star“. Er führte ein normales Leben, bis der Ebola-Virus innerhalb weniger Stunden alles veränderte.



"2014 brach bei uns die Ebola-Krankheit aus. Es wurde eine Quarantäne verhängt. Alle sollten drei Tage lang in ihren Häusern bleiben. Doch wir hatten das schon beobachtet. Wenn danach die Tür geöffnet wurde, waren vier, fünf Personen tot. Deshalb floh ich innerhalb weniger Stunden mit meiner Schwägerin. Sie ist die Schwester meiner verstorbenen Frau. Wir sind mit dem Boot nach Libyen gefahren. Die Flucht war grausam. Ich hatte große Angst. Ich konnte die Sprache nicht verstehen und ich wusste nicht, was mit uns passiert. Die libysche Polizei hat Frauen und Männer getrennt – die einen links, die anderen rechts. Meine Schwägerin habe ich seitdem nicht mehr gesehen. Viele Flüchtlinge werden in Libyen verhaftet und kommen ins Gefängnis.

Ein Zimmer, etwa so groß wie ein Klassenraum, darin 104 Männer

Das muss man sich so vorstellen: Ein Zimmer, etwa so groß wie ein Klassenraum, darin 104 Männer. Geschlafen haben wir auf dem nackten Boden. Weil es so eng und so kalt war – wir hatten keine Kleidung – haben wir uns ganz eng aneinander gedrängt oder im Sitzen geschlafen. Oft bekam ich keine Luft mehr. Eineinhalb Jahre war ich in diesem Zimmer, bin nie draußen gewesen. Dann suchte der Gefängnisleiter Handwerker und ich arbeitete drei Monate lang für ihn. Er wollte mir Geld geben, doch ich erbat meine Freiheit. Dazu bezahlte er den Platz auf dem kleinen Boot, mit ich und etwa 140 andere Menschen Richtung Italien ablegten. Zum Glück kam nach zehn Meilen ein Rettungsboot, das uns aufnahm.
In Italien hat mir Maria sehr geholfen. Sie arbeitete für eine Hilfsorganisation, kaufte mir ein Zugticket nach Berlin und sagte: „Du musst immer ein guter Mensch bleiben. Du musst Asyl suchen.“ Im August 2016 erreichte ich Berlin. Über Dortmund und Hemer kam ich am 4. November 2016 nach Haltern.  Sehr viele Deutsche sind sehr nett. In der Kirche, in der Freien Gemeinde, habe ich eine neue Familie gefunden. Mit vielen anderen Flüchtlingen lebe ich im Camp am Stockwieser Damm. Ich lerne fleißig Deutsch, möchte arbeiten und in Deutschland in Frieden leben. Ich danke dem Bürgermeister sehr, weil er uns schützt, und ich danke den Menschen in Haltern. Sie haben so viel für mich getan." 

Ihre Erlebnisse schreiben die Geflüchteten selbst auf, unterstützt von der freien Journalistin Gerburgis Sommer. Im Januar wird die Ausstellung in Solingen gezeigt. Alle Portraits und Termine auf www.gesicht-einer-flucht.de.
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