Mein Vater, der Stasi-Spion

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Zeitzeuge Thomas Raufeisen mit SoWi-LK-Lehrerin Frau Martina Kuhlmann.

„Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei“ – so lautet der Titel zur Biografie Thomas Raufeisens, der am Donnerstag (03. März 2016) die Leistungskurse Sozialwissenschaften und Geschichte des Otto-Hahn-Gymnasiums Herne an seiner spannenden Lebensgeschichte teilhaben ließ.

Als 16-jähriger wurden er, sein Bruder und seine Mutter von Hannover aus in die DDR verschleppt – vom eigenen Vater! Dieser hatte als „Kundschafter des Friedens“ jahrelang für den ostdeutschen Staat Industriespionage in der BRD betrieben und stand kurz vor seiner Enttarnung. Um dieser zu entgehen, „flüchtete“ er mit seiner ahnungslosen Familie in die DDR.
Dort begann das Martyrium von Thomas Raufeisen, der sich als Fremdkörper in der neuen, ihm unbekannten DDR-Welt fühlte. Auf einmal war er, der Wessi, ein Ostbürger geworden. Aber seine Freunde, sein Leben, alles was ihm lieb und teuer gewesen ist, waren im Westen geblieben. Er wurde zwar zu einer der besten Schulen der DDR geschickt, konnte sich dort aber nicht einfügen.
Hier hakten die Schülerinnen und Schüler der beiden Leistungskurse nach, wie sich das Leben in der neuen Schule denn gestaltet habe. Herr Raufeisen erzählte dann u.a. vom mangelhaften Gebäude, das auch in den 80er Jahren noch die Bombenschäden aus dem Zweiten Weltkrieg aufwies und vom Sportunterricht, in dem Wurfübungen mit Handgranaten absolviert wurden.
Nicht nur aufgrund solcher Umstände sei er schnell Gegner der DDR geworden. Aber auch der Vater bereute seine Tat und plante nun gemeinsam mit der Familie die Flucht zurück in den Westen. Allerdings wurde diese Planung dadurch erschwert, dass die Familie keine BRD-Papiere mehr hatte und in die DDR eingebürgert worden war.
Auf beeindruckende Art und Weise schilderte Thomas Raufeisen, wie drei Fluchtversuche dramatisch scheiterten und er und seine Familie letztlich von der Staatssicherheit (Stasi) festgenommen wurden. Über ein Jahr lang wurde er verhört; das hieß 44 Verhöre à acht Stunden. Schließlich verurteilte man ihn wegen landesverräterischer Agententätigkeit und ungesetzlichen Grenzübertritts zu drei Jahren Haft. Auch die Eltern wurden verurteilt, der Vater starb letztlich unter mysteriösen Umständen in der Haft.
Herr Raufeisen hatte gehofft, dass die BRD ihn freikaufen würde, doch letztlich musste er die volle Haftzeit im berüchtigten Gefängnis Bautzen II absitzen. Aber unmittelbar nach der Haft wurde ihm seine „Urkunde zur Entlassung aus der Staatsbürgerschaft“ gegeben, sodass er nach fünfeinhalb unfreiwilligen Jahren in der DDR diese endlich verlassen konnte.
Heute führt Thomas Raufeisen Gruppen durch das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.
Die Schülerinnen und Schüler beider Leistungskurse waren sehr interessiert, was sich auch an den vielen Nachfragen zeigte. Nach zwei Stunden intensiven Austauschs schloss dieser besondere und anschauliche Geschichtsunterricht.
(Koch)
Fotos: OHG.
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