"Als der Lehrer Senges kam...": 80-jährige Heide Sohn erinnert sich an ihre Schulzeit in Brockhausen

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Das Foto zeigt die Brockhauser Volksschüler bei einem Ausflug nach Stephanopel im Jahr 1950. (Foto: Karl-Heinz Hennemann)
 
Die ehemalige Brockhauser Volksschule. (Foto: Karl-Heinz Hennemann)
In den folgenden Ausführungen erinnert sich die heute 80-jährige Brockhauserin Heide Sohn (geb. Loewen) an ihre Volksschulzeit und die Ankunft des neuen Lehrers.

"Heute habe ich vom Acker Beckmann Kartoffeln aufgelesen - es gab ein leckeres Butterbrot, morgen kommt er - der neue Lehrer!

8.00 Uhr: Volksschule Brockhausen: es ist ungewöhnlich still – kein Gerangel, kein Quatschen, vor dem Pult steht Lehrer Senges – in der Nähe auf einer Ablage ein dünnes, langes Stöckchen.
Er lächelt - spricht laut und freundlich - „zusammen wollen wir arbeiten“ Schon nach einer halben Stunde verteilt er Zettel – bittet den Namen darauf zu schreiben: Das erste Diktat! Deutsch und Rechnen, sagt er, „ist ganz wichtig!“
So war es bei ihm: Immer Einsatz! „Das Einmaleins kann man überall lernen - im Wald und auf dem Feld“. Nebenfächer gab es bei ihm nicht. Musik: Die Lieder mussten sitzen. „Der König in Thule“ war ein Problem. Er sah mich an: “Du wirst am Wochenende mit Ilse Drees und Ursula Höttecke üben – der Wald ist nah bei euch." Wir trafen uns – übten und – am Montag konnten alle das Lied.

Irgendwann hatte Senges die tolle Idee, die gelernten Lieder im Dorf einzusetzen – bei den alten Leuten zum Geburtstag. Wer hat Blumen im Garten ? Strauß mitbringen! Das hat uns Spaß gemacht – besonders wenn sie riefen: "Hallo Fritz, Hallo Gerda, Agnes, Ilse, ..." usw.

Wir schrieben viele Aufsätze – es gab ein Extra-Heft dafür und die neue Anweisung, diese Texte auf jeder Seite rundherum zu gestalten – das heißt „Malen“ - Ich war begeistert. Ich kam nach Hause, Mama rief: „Heute im Garten das Unkraut von den Furchen ziehen“. „Jetzt nicht, ich habe viel Schularbeiten auf“. Der Aufsatz handelte von Burg Klusenstein (mit Ritter Benno). Ich malte nicht nur Blumen – wälzte Bücher – suchte Rüstungen – war stundenlang im Einsatz. Von diesem Zeitpunkt an liebte ich die Malerei und die Museen.

Herr Senges hatte mal wieder einen Einfall. Er nahm Kontakt auf mit Herrn Schulte, der im Dorf alle Milchkannen einsammelte und sie zur Molkerei fuhr. Auf dem Lastwagen standen lange Bankreihen für uns; wir Großen machten einen Ausflug, wir verließen das Dörfchen und fuhren in die „weite Welt !“. Wir waren sogar einmal am Drachenfels. Danach hatten wir wieder viele Themen für unsere Aufsätze.

Im Dorf waren die Gespräche immer sehr aktuell und hautnah - sie fanden hauptsächlich statt in Vogelsangs und Marcks „Emmaläden“. „Wie ist denn der neue Lehrer? “ „Sie lernen viel, aber er haut auf die Fingerspitzen ..... da war BACHMANN doch anders!“ „Der dachte doch mehr an Hermann Löns und an die Frauen“. „Sag doch nicht so was!“ „Da kann ich dir aber viel erzählen.“

Irgendwann kam die Kartoffelkäferplage. Wir halfen fleißig, die Biester
einzufangen. Kartoffeln waren im Dorf sehr wichtig, jeder kellerte Zentner ein.
Lehrer Senges brachte uns das Dorf ganz nah. Wir lernten die Singvögel kennen, viele Pflanzen, wussten, dass alle unsere Pferde im Dorf Arbeitspferde waren – es gab keine Reitpferde - selbst Irmhild von Gut Bäingsen besaß keins. Ich kannte Hückings „Flora“ - morgens arbeitete sie auf dem Feld – dann durfte sie auf die Wiese unter unserem Haus. Ich begrüßte sie manchmal und rief sie – sie bekam Brotkrusten, die ich vom Brot abgemacht hatte.

In der Schule sprach man nie von „Oberschule“. Lehrer Senges hatte da seine eigene Methode. Wenn er hierzu eine Entscheidung traf, ging er zu den Eltern. So war es auch bei uns. Mein Vater faselte vom Schulgeld – Senges wurde sehr energisch. Bruder Horst musste dringend antreten. Die Aufnahmeprüfungen in Hemer waren schon gelaufen. Am nächsten Tag wurde er alleine geprüft.

An einem Schultag war alles ganz anders. In unserem großen Klassenzimmer saßen rundherum Lehrer aus dem Iserlohner Raum an den Wänden. Senges hatte eine ganz neue Unterrichtsmethode entwickelt …..
und das war so:
Ein Schüler hatte einen Auftrag bekommen, eine Ausführung (Referat) über ein Land zu halten. Wir stellten Fragen, machten Feststellungen, ergänzten manchmal gleichzeitig aus mehreren Ecken. Ein Lehrer – hier Senges – trat nicht in Erscheinung – wir gestalteten den Unterricht – BEIFALL! Als alles vorbei war, machten wir unsere Turnstunde. Keine Halle – eine Turnstange: Hochziehe, Bauchwelle und dann „Völkerball für alle“, da konnten wir brüllen – die Sau rauslassen - die Jungens anschreien und rennen.

Und zum Schluss ….. noch ein Tipp von Senges: „Viel lesen und reisen!“

PS: Walter Senges - Lehrer an der einklassigen Volksschule Brockhausen (vom 25.4.1946 bis 5.4.1951) - später Dr. Senges und Schulpsychologe in Berlin

Ich sage nur: Wir waren einmalig!"
Heide Sohn ( geb.Loewen)
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