Windkraft im Reichswald: Bürgermeister diskutiert mit mehr als 200 Bürgern

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Das Angebot, sich über die Windkraftplanung im Reichswald auszutauschen, nahmen am Montagabend mehr als 200 Menschen an: Kranenburgs Bürgermeister Günter Steins begrüßte im voll besetzten Bürgerhaus deutsche wie niederländische Besucher. Die Gemeinde Kranenburg und der Projektentwickler ABO Wind hatten eingeladen, einen ersten Überblick über die Planungen zu geben und Fragen zu beantworten. Gut drei Stunden lang tauschten Bürger, Kommunalpolitiker und Planer Argumente und Informationen aus. Als „hart in der Sache, aber fair im Ton“, beschrieb Günter Steins die Diskussion.

Es ist ein besonderes Projekt, mit dem die Gemeinde und der Landesbetrieb Wald und Holz dem Wiesbadener Unternehmen ABO Wind ermöglichen wollen, entlang des Kartenspielerwegs im Reichswald, unweit der niederländischen Grenze, zwölf Windenergieanlagen zu errichten. Der Windpark wird so viel klimafreundlichen Strom erzeugen wie 88.000 Menschen zuhause verbrauchen. Mit einer Windgeschwindigkeit von 6,4 Metern pro Sekunde ist der Standort besonders attraktiv. Planungsleiter Georg von Aretin zeigte in einer Präsentation, nach welchen Kriterien die Standpunkte für die Anlagen ausgesucht wurden und wie die weitere Planung abläuft. Als nächstes wird ABO Wind einen Messmast errichten, um noch genauere Daten über die Windverhältnisse zu erlangen. Die Messung verringert das unternehmerische Risiko für den künftigen Betreiber des Windparks und ist damit auch im Interesse jener Bürger, die sich finanziell beteiligen möchten. Außerdem ermöglicht der Mast Untersuchungen darüber, welche Fledermäuse über den Baumwipfeln des Reichswalds unterwegs sind und möglicherweise in Konflikt mit den Windkraftanlagen geraten könnten. Sofern alles nach Plan läuft, würden sich die Rotoren im vierten Quartal 2017 drehen.

Die Veranstaltung zeigte auch, dass einige Bürger – insbesondere aus dem niederländischen Grenzgebiet – dieses Projekt lieber nicht verwirklicht sähen. „Keine Windkraft-Industriezone im Reichswald“ war auf einigen Plakaten zu lesen. „Warum hier?“, wurde Günter Steins gefragt, der den Entstehungsprozess zur geplanten Änderung des Flächennutzungsplanes der Gemeinde ausführlich erläuterte. Im Verlauf der Diskussion konnte Bürgermeister Steins verdeutlichen, dass der Standort des Windparks nicht aus einer willkürlichen Entscheidung resultiere, sondern das Ergebnis einer ausführlichen Untersuchung der gesamten Gemeindefläche unter Beachtung der einschlägigen Kriterien sei. Überwiegend Einigkeit bestand in der Auffassung, dass die noch offenen Fragen des Artenschutzes und der Umweltverträglichkeit durch entsprechende Gutachten objektiv zu beantworten sein werden. Kontroverser stellten sich die Meinung zu der Thematik der Beeinträchtigung des Landschaftsbildes und des Erholungswertes dar. Trotz recht unterschiedlicher Auffassungen verlief die Diskussion auch zu diesen emotional ansprechenden Themen sachlich und offen. Die von einigen Teilnehmern geäußerten Bedenken sollten in weiteren Gesprächsrunden, durch entsprechende Fachbeiträge und Exkursionen, vertiefend aufgearbeitet werden, so Bürgermeister Steins. Er appellierte an die gute Nachbarschaft: „Wir müssen dieses Vorhaben grenzüberschreitend sehen, und das tun wir auch. Wir stehen für eine offene Politik. „Die CO2-Problematik hört schließlich auch nicht an der Grenze auf.“ Und er betonte: „Zwischen die Niederlande und Deutschland passt kein Haar, keine Zeitung und erst recht kein Keil.“

Die Sorgen der Bürger nimmt er, wie auch das Team von ABO Wind, sehr ernst. „Das wird ein totes Gebiet. Da kommt kein Wanderer mehr und auch kein Tier!“, befürchtete ein Teilnehmer. Bürgermeister Steins, um Fairness und Sachlichkeit bemüht, wollte dieses Szenario so nicht im Raume stehen lassen und verwies auf die vielfältigen Erfahrungen mit bereits seit Jahren betriebenen Windparks. Planungsleiter von Aretin erklärte: „Es gibt strenge gesetzliche Richtwerte, die sicherstellen, dass die Gesundheit nicht gefährdet wird. Das ist die Grundlage unserer Planung, daran halten wir uns.“ Sorgen bereitet einigen Bürgern beispielsweise der sogenannte Infraschall. Das sind Geräusche unterhalb der Frequenz von 20 Hertz, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind. Aretin verwies auf eine neue Studie der Landesanstalt für Umwelt und Naturschutz Baden-Württemberg, der zufolge der von Windkraftanlagen ausgehende Infraschall keinen Anlass zur Beunruhigung liefert. Schon in 700 Metern Abstand von einer Anlage geht von ihr keine messbare Infraschallbelastung mehr aus.

Nicht alle Sorgen konnten bei diesem ersten Treffen zerstreut werden: Die zwölf Visualisierungen, die das Team von ABO Wind nach den Vorgaben der Anwohner und Mitgliedern der Bürgerinitiative erstellt hatte, waren vielen Betrachtern zu wenig aussagekräftig. Die Fotos waren bei bedecktem Himmel aufgenommen worden und die Anlagen deshalb nicht deutlich zu sehen. „Wir haben diese Fotomontagen maßstabsgetreu und technisch einwandfrei erstellt, nehmen uns diese Kritik aber zu Herzen“, sagte von Aretin. Er schlug vor, sich mit einer Gruppe Interessierter zu treffen und zwei neue Fotopunkte zu besprechen, von denen aus ABO Wind bei Sonnenschein und klarer Sicht den Blick auf die Anlagen aufnimmt.

Der Planungsleiter ermutigte alle Teilnehmer weiterhin zum Austausch – auch über den Abend hinaus: „Die Kommunikation in der Planungsphase ist am wichtigsten. Je mehr wir gemeinsam über Bedenken sprechen, desto mehr kann man verändern. Das ist nach der Genehmigung durch das Landratsamt nicht mehr so einfach.“ Er versicherte, die Bürger weiter auf dem Laufenden zu halten und Transparenz zu schaffen: „Eine Umweltverträglichkeitsprüfung im förmlichen Verfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung muss erst ab 20 Anlagen stattfinden. Wir werden sie trotzdem auch für unsere zwölf Anlagen durchführen.“ Denn: „Wir wollen, dass das Projekt hier akzeptiert wird und in der Gemeinde verankert ist.“ Um das zu erreichen, wird unter anderem ein Bautagebuch eingerichtet, mit dem die Planer Interessierte auf der Homepage unter www.windpark-kranenburg.de auf dem Laufenden halten.

Im Gespräch mit den Bürgern warb Bürgermeister Steins um Verständnis: „Die Landschaft wird durch die Anlagen nicht schöner. Und dieser eine Windpark alleine wird auch nicht das globale Problem des Klimawandels lösen. Aber wir alle können einen Beitrag zur CO2-freien Stromversorgung leisten.“ Er schlug vor, gemeinsam mit Interessierten einen Windpark zu besuchen, damit jeder mit eigenen Ohren hören kann, wie laut die Anlagen wirklich sind. Dafür bekam er von vielen Anwesenden Applaus.

Die letzte Wortmeldung des Abends kam von einem Kranenburger Bürger, der „alle Sorgen rund um die Windkraftanlagen teilt“, wie er sagte. Er habe mit seiner Familie jüngst einen Ausflug ins Rheinische Braunkohlerevier gemacht und dabei ganz andere Dimensionen erlebt: „Leute, diese Windkraftanlagen sind so klein im Vergleich zu den Braunkohlehalden. Da werden ganze Dörfer verschluckt! Und genau dort kommt unser Strom jetzt her!“ Er appellierte an die Anwesenden: „Seid nicht zu ängstlich, sondern fragt euch lieber, wo der Strom sonst herkommt.“
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