Wilhelm Neurohr: „Armut in Lateinamerika: Kommentator gibt sich päpstlicher als der Papst“

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Zum Kommentar „Päpstlicher Populismus“ von Torsten Henke in der Recklinghäuser Zeitung vom 13.07.2015:

„Armut in Lateinamerika: Kommentator gibt sich päpstlicher als der Papst“

In seinem herablassenden Kommentar zum Papstbesuch in Lateinamerika unterliegt Torsten Henke der Versuchung, von oben herab „päpstlicher als der Papst“ zu urteilen mit der kühnen Behauptung, die Weltgemeinschaft sei längst erfolgreich bei der Armutsbekämpfung. Er bezichtigt Franziskus der „Unterschlagung dieser Wahrheiten“, also der Lüge, und wirft ihm den „Hang zum vereinfachenden Linkspopulismus“ vor. Zudem stellt er den unbequemen Papst Franziskus in die Ecke so genannter „Verschwörungstheoretiker“, weil dieser es wagt, Klartext zu sprechen mit seiner deutlichen Kritik am entgrenzten Kapitalismus und dem Einfluss großer Konzerne sowie dem Streben nach Profit und persönlichen Vorteilen zu Lasten der Gerechtigkeit und der Umwelt.

In Wirklichkeit sind wir noch meilenweit entfernt von dem beim UN-Milleniums-Gipfel 2000 von den Staats- und Regierungschefs aus 189 Ländern verabschiedeten Entwicklungsziel, bis 2015 die Anzahl der weltweit in Armut lebenden Menschen zu halbieren – entgegen den Behauptungen des Kommentators Torsten Henke. Fast jedes zweite Kind auf der Welt lebt laut UNICEF im Teufelskreis der Armut. Mehr als einer Milliarde Mädchen und Jungen fehlen sauberes Trinkwasser, ausreichende Nahrung, medizinische Versorgung, Schulunterricht oder ein Dach über dem Kopf. Täglich sterben 20.000 Menschen an den Folgen der Unterernährung. Weltweit können 70 Mio. Kinder im Grundschulalter nicht zur Schule gehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind vor seinem 5. Lebensjahr stirbt, ist in den armen Ländern 13 mal höher als in den reichen Ländern. Seit 1990 sind nach Schätzungen 1,6 Millionen Kinder in Kriegen getötet worden.

Das Versprechen reicher Länder, 0,7% ihres Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe auszugeben, wird von nur fünf Ländern eingehalten. Deutschlands Quote liegt derzeit bei nur 0,35%. Auch in den wohlhabenderen Ländern nimmt die relative Kinderarmut konstant zu. Dabei gilt als Bemessungsgrundlage der Anteil der Kinder, deren Familien mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens auskommen müssen. In Deutschland stieg dieser Anteil laut Unicef zwischen 1990 und 2000 von gut vier auf neun Prozent. Über eine Million Jungen und Mädchen leben in Deutschland von Sozialhilfe.

Torsten Henke bestreitet auch energisch, dass unsere (überwiegend neoliberalen) Politiker, die dafür mitverantwortlich sind, weitgehend am Gängelband der gewinnorientierten Wirtschaftsmächte und Lobbyisten hängen, obwohl uns das gerade derzeit wieder drastisch vor Augen geführt wird z. B. bei den Auseinandersetzungen um die Freihandelsabkommen TTIP und TISA, bei deren Realisierung die Ärmsten der Armen in den Entwicklungsländern noch weiter abgehängt werden. Die daran beteiligten Politiker erleben wir dann wohl wieder reihenweise als „Seitenwechsler“ in die Wirtschaft ohne Karenzzeit, wie gerade bei den ausgewechselten EU-Kommissaren, die vorher für TTIP & Co. zuständig waren.

Man muss kein Anhänger des Papsttums und kein Mitglied der katholischen Amtskirche sein, um nicht dennoch einzusehen, dass eine christliche Gesinnung zwangsläufig eine „linke“ Haltung zugunsten der Armen und Schwachen erfordert, ohne sogleich mit der „Killer-Phrase“ des Verschwörungstheoretikers abgestempelt zu werden. Doch Torsten Henke wirft dem Papst die Verfehlung vor, auf einer angeblich „schrillen antikapitalistischen Großkundgebung“ in Santa Cruz aufgetreten zu sein. War der Kommentator überhaupt schon mal in den lateinamerikanischen oder afrikanischen Armutsländern und in den sozialen Brennpunkten Europas - oder beurteilt er das Weltgeschehen nur aus der gutbürgerlichen Redaktionsstube?

Wilhelm Neurohr
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