Wenn aus Genuss Sucht wird

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Dr. Rainer Thiemeier ist Oberarzt an der Fachklinik Langenberg.
 
Hans-Jürgen Pauly leitet seit Jahren den Kreuzbund in Velbert.
Velbert: Suchtfachklinik Langenberg | Weihnachten steht vor der Tür, da gehört Alkohol in vielen Fällen einfach dazu. Als Genussmittel in Maßen konsumiert weitgehend unproblematisch, kann der Alkohol aber auch zur Sucht werden. Darüber sprach Stadtanzeiger-Redakteurin Miriam Dabitsch mit Dr. Rainer Thiemeier, Oberarzt an der Fachklinik Langenberg, und Hans-Jürgen Pauly, Vorsitzender beim Kreuzbund Velbert.

Ob Weihnachtsmarkt oder private Geburtstagsfeier. Alkohol ist ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Nur wenige werden alkoholkrank. Wen trifft es nach Ihren Erfahrungen?
Pauly: Das kann man so nicht sagen. Die Alkoholkrankheit zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Fakt ist, dass in Deutschland pro Kopf und Jahr zehn Liter reiner Alkohol konsumiert werden. Das ist eine beträchtliche Zahl.
Dr. Thiemeier: Viele haben den obdachlosen verwahrlosten Trinker im Kopf, wenn es um die Alkoholkrankheit geht. Ich kenne aber auch Ärzte und Rechtsanwälte, die eine Flasche Cognac im Schreibtisch haben. Etwa drei bis fünf Prozent der Bevölkerung sind alkoholkrank.

Das ist eine Menge. Woran merke ich, dass ein Mensch in meinem Umfeld alkoholkrank ist?
Pauly: Da gibt es schleichende Veränderungen des Wesens. Man wird reizbar, mürrisch und vergesslich, hält beispielsweise Termine nicht mehr ein. Der Alkohol bestimmt den Alltag, ist das Wichtigste. In der Regel signalisiert das Umfeld schon recht früh: „Mit Dir stimmt was nicht.“

Und bis die Betroffenen dann tatsächlich einsehen, dass sie krank sind?
Dr. Thiemeier: Das ist das Problem, denn dies geschieht oft erst, wenn ein Tiefpunkt erreicht worden ist. Zuvor gibt es häufig ein typisches Abwehrverhalten nach dem Motto „Du spinnst. Ich bin nicht krank.“ Und es ist ein schleichender Prozess vom Genuss zur Sucht, den Übergang merkt man meist erst, wenn das Alkoholtrinken zur Krankheit geworden ist.

Wie kann es gelingen, den Betroffenen zur Einsicht zu bringen?
Pauly: Man sollte ihm die Frage stellen, wie er sich fühlt, wenn er ab sofort zwei Monate keinen Alkohol trinken würde. Ist er ehrlich zu sich selbst, gelangt er zu der Einsicht, dass der Alkohol doch wichtiger ist, als er zugibt.

An wen können sich Alkoholkranke und deren Angehörige wenden?
Pauly: An uns, den Kreuzbund. Wir sind die einzige Selbsthilfevereinigung, in der auch die Angehörigen von Suchtkranken willkommen sind. Unser Gruppenabend findet montags von 19.30 bis 21.30 Uhr in der Friedrichstraße 318 in Velbert statt. Infos gibt es auf www.kreuzbund-velbert.de oder unter Telefon 02051/85436.
Dr. Thiemeier: Auch wir als Fachklinik bieten neben der stationären Behandlung vielfältige Hilfsmöglichkeiten über unsere Ambulanz bei völliger Diskretion. Jeden Donnerstag von 19.15 bis 20.45 Uhr leite ich hier im Klinikgebäude eine Gruppe für Angehörige. Anmeldung ist dazu nicht nötig, Treffpunkt ist der Flur im Klinikeingang.

Das ist ein schwieriger Schritt, Hilfe zu suchen…
Pauly: Das stimmt, denn Schuld- und Schamgefühle sind sehr groß. Aber hinterher fühlen sich die Betroffenen besser. Es ist wichtig, den Schritt raus aus der Isolation und Krankheit zu schaffen.

Warum greifen Menschen überhaupt zum Alkohol?
Pauly: Zum einen, weil es gesellschaftlich so vorgegeben wird. Ich kenne das selbst: Wenn ich auf einer Feierlichkeit sage, dass ich kein Glas Sekt möchte, kommt gleich die Frage: Sind Sie alkoholkrank? Zum anderen ist Alkohol für viele ein Konfliktlöser in Stresssituationen, beispielsweise im Beruf. Dann steigern sie sich langsam rein, der Stress wird mit Hilfe des Alkohols runtergeschraubt.
Ihr Tipp zum Umgang mit Alkohol?
Dr. Thiemeier: Ich will Alkohol gar nicht verteufeln. Man sollte sich aber immer bewusst machen, dass es sich dabei um eine potentiell gefährliche Droge handelt und selbstkritisch damit umgehen. Und ich rate Eltern, auf ihre Kinder aufzupassen. Der Jugendalkoholismus macht mir wirklich Sorgen.
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