Buch der Woche: Hüpfende Ärsche bei Dvorák

Anzeige
Zum 90. Geburtstag der Georg-Büchner-Preisträgerin Friederike Mayröcker am 20. Dezember erschien der Band „Cahier“

Ihre Kreativität ist beeindruckend, und die grande dame der österreichischen Literatur, Friederike Mayröcker, ist auch immer noch für Überraschungen gut. In ihrem pünktlich zum runden Geburtstag erschienenen poetischen „Zettelkasten“ finden sich nämlich auch äußerst humorvolle Passagen – nicht unbedingt typisch für die Dichterin.

Da heißt es: „Keiner sonst liesz mich so schmachten, das sind die Ellipsen der Sprache ich meine das Kissen umarmend. Die Vorstellung hüpfender Ärsche bei Antonin Dvorák, fliegt es mir durch den Kopf.“
"Wer Friederike Mayröcker liest, fühlt sich entführt in eine Wunderwelt, in einen unübersehbaren und letztlich unerklärlichen Zaubergarten", hatte der damalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel vor zehn Jahren bei einem Empfang zu Ehren der bedeutenden Wiener Wortkünstlerin erklärt.
Dieser Zaubergarten der Sprache, den die Georg-Büchner-Preisträgerin des Jahres 2001 seit fast 60 Jahren hegt und pflegt, ist einerseits von urwüchsiger, beinahe archaischer Natur, andererseits aber auch geprägt von spielerischer Leichtigkeit und formalen Experimenten. Die Begegnung mit Mayröckers opulentem Werk mutet wie ein Gang durch ein Labyrinth an - verschlungen und breit gefächert öffnen sich die bisweilen rätselhaften dichterischen Pfade. Mindestens ebenso geheimnisvoll wirken ihre öffentlichen Auftritte in der bevorzugten schwarzen Kleidung.
"Man weiß nicht, wohin man kommt - man lässt sich tagtäglich neu überraschen", hat Friederike Mayröcker, die am 20. Dezember 1924 in Wien als Tochter eines Volksschullehrers geboren wurde, ihr dichterisches Credo beschrieben. Spontaneität spielt in ihren Werken, die häufig aus einem Zettelkastensystem entstehen, eine mindestens ebenso große Rolle wie autobiografische und literarhistorische Motive (bevorzugt aus der Antike). Eugen Gomringer, Max Bense, HC Artmann und ihr langjähriger Lebensgefährte Ernst Jandl werden zumeist als ihre literarischen Ahnen angeführt. Unübersehbar ist in ihren Prosawerken aber auch die Nähe zu Arno Schmidt, und darüber hinaus offenbaren sich Wurzeln, die in den Surrealismus reichen. Vor allem von der "subversiven Kraft" des jungen Salvador Dali fühlte sich der "Augenmensch" Mayröcker stark angesprochen. Darstellende Kunst ist häufig die Inspirationsquelle für ihre Texte: "Ich fresse mich in sie hinein. Ja, ich verbohr mich buchstäblich in das Bild. Das kommt mir fast wie ein archäologischer Akt vor, bei dem sich mir verbal ein ungeheurer Horizont öffnet."

Poetische Grenzgängerin
Bei allem, was Friederike Mayröcker schrieb (mittlerweile liegen knapp 100 Titel von ihr vor), war sie stets eine Grenzgängerin zwischen den literarischen Genres. Ihre lyrischen Momentaufnahmen von visuellen Eindrücken haben häufig stark deskriptiven Charakter, und ihre Prosa ("Das Herzzerreißende der Dinge" [1985], "Stilleben" [1991] oder "Lection" [1994]) liest sich wie eine assoziative Aneinanderreihung von poetisch verdichteten Aphorismen.
Friederike Mayröcker selbst hat einmal den Roman "Brütt oder die seufzenden Gärten" (1998) als ihr wichtigstes Buch bezeichnet. Ein poetisches Opus magnum, das aus Reflexionen, Dialogen und direkten Ansprachen an den Leser besteht und in dem die Autorin auch noch einmal nachhaltig ihre Meisterschaft als Hörspiel- und Theaterautorin unterstreicht. "Das Gedichte Schreiben ist so eine Art Aquarellieren, das Prosa Schreiben ist eine harte Kunst wie eine Skulptur Anfertigen", hat Mayröcker selbst einmal die Genreunterschiede zu erklären versucht.

Uraufführung des Requiems
Der Dichter Ernst Jandl, mit dem sie über ein halbes Jahrhundert zusammen lebte und dem sie nach dessen Tod vor neun Jahren ein unter die Haut gehendes "Requiem" widmete, bezeichnete ihr Schreiben einmal als "das fortwährende Sprechen ihres Leibes". Die mit vielen bedeutenden Preisen ausgezeichnete Friederike Mayröcker, die 1956 mit dem Band "Larifari" debütierte, ist mittlerweile als Person und mit ihrem umfangreichen Oeuvre zu einem monumentalen Gesamtkunstwerk geworden. Am Tag ihres 90. Geburtstags wird das „Requiem für Ernst Jandl“ am Wiener Akademietheater uraufgeführt.

Lesetipp:
Friederike Mayröcker: Cahier. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 192 Seiten, 19,95 Euro
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.