143 Minuten Qual

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Heiko Vüllers (Vordergrund) auf dem Gipfel in über 1900 Meter Höhe - mit seinen beiden Begleitern Frank Ulmitz (l.) und Martin Häfke.
„Ich hatte es mir schwieriger vorgestellt“, so der Günnigfelder Heiko Vüllers, nachdem er kürzlich gleich zweimal den 1911 Meter hohen Mont Ventoux mit dem Fahrrad bezwungen hat. Alles andere als alltäglich für einen Behindertensportler, der mit nur einem Bein das Tour de France-Monument bezwungen hat.



„Ich hatte einfach eine neue Herausforderung gesucht“, berichtet Vüllers, der bis 2013 international im Badminton erfolgreich war. Zweimal holte er WM-Bronze mit dem deutschen Team und Silber bei der Europameisterschaft im Doppel. Er stand sogar für kurze Zeit auf Weltranglistenplatz eins im Doppel. Starke Hüftprobleme haben den heute 48-Jährigen dann dazu bewogen, den Badmintonschläger an den Nagel zu hängen.
Ein Arzt gab ihm den Rat mit auf den Weg, es auf dem Rad zu probieren. Das sei gelenkschonend. Gesagt - getan: Schnell war Heiko Vüllers, der seit 1993 auf der Günnigfelder Straße einen Schuhmacher- und Schlüsseldienst betreibt, Feuer und Flamme für das neue Metier.
Die Umfänge der Touren auf dem Rennrad wuchsen kontinuierlich an, und in diesem Frühjahr entstand dann der „verwegene“ Plan - gemeinsam mit seinen beiden Trainingskollegen Frank Ulmitz und Martin Häfke - den Mont Ventoux in Angriff zu nehmen. Einer der legendenumwobenen Tour de France-Gipfel, auf dem 1967 der damalige Profiweltmeister Tom Simpson sein Leben ließ.
Als der Plan gefasst und konkretisiert wurde, stand Vüllers vor einem großen Problem.

61mal die Halde hoch

Wie soll man sich im Ruhrgebiet auf den knapp 25 km langen Anstieg auf den „kahlen Riesen“ vorbereiten, der sich geradezu majestätisch über Carpentras erhebt und der bei klarer Sicht von Orange aus auch von der Autobahn zu sehen ist?
Touren über die asphaltierte Bahntrasse von Kettwig nach Velbert gehören zu Vüllers‘ bevorzugten Trainingsstrecken. Aber der Steigungsgrad kann da nicht konkurrieren.
Getreu dem Sprichwort, dass Not erfinderisch macht, wählte Vüllers eine etwas unkonventionelle, aber letztlich erfolgreiche Trainingsmethode. Er fuhr immer wieder zur Hertener Halde Hoheward, deren Radweg auch stolze neun Prozent Steigung aufweist.
Er hat penibel Buch geführt und erzählt, dass er insgesamt 61mal die Steigung in Herten als Vorbereitung absolviert hat. 15mal an einem Tag war sein Rekord in der „heißen Phase“.
Mit einem superleichten Carbonrennrad (ca. 7,5 kg), das auf der rechten Seite mit einer Spezialkurbel ausgestattet ist, und mit einer gebirgstauglichen Spezialübersetzung ging es dann auf die Reise in den Süden.
Mensch und Maschine befanden sich in Top-Form, als Vüllers mit seinen beiden Trainingskameraden das Abenteuer startete.

Fast 25 Kilometer Anstieg
Fast 25 Kilometer Anstieg von Bédoin zum Gipfel waren die Herausforderung - mit Steigungen bis zu 14 Prozent. „Ich musste mindestens die Hälfte im Wiegetritt fahren. Anders wäre das in den steilen Passagen mit nur einem Bein nicht möglich“, berichtet Vüllers, dessen rechtes Bein nach einer Hüftoperation in der Kindheit nicht mehr gewachsen und 42cm kürzer ist.
Am 30. September startete dann die letztlich 143-minütige Qual Richtung Gipfel. „Wichtig war für mich, dass ich einen gewissen Rhythmus gefunden habe. Die Ausdauer und die nötigen Trainingskilometer waren ja vorhanden“, erklärt der Günnigfelder im Rückblick.
Und es klingt schon beinahe aberwitzig, wenn er berichtet, dass er bei Erreichen des Abzweigs am Chalet Reynard (ein bekanntes Hotel in 1400 Meter Höhe) spürte, dass es dann „flacher“ wurde.
Gerade der dann folgende Abschnitt (ohne Baum und Strauch, dafür oft mit heftigsten Winden) , vorbei am Simpson-Denkmal, hinauf zum Gipfel, sorgt bei der Tour de France oft für riesige Zeitabstände.

Oben wird‘s flach

„Die fahren ja auch dreimal so schnell wie ich“, bleibt Vüllers hartnäckig bei seiner „Flach“-Version. Zwei Stunden und 23 Minuten hat er für den Aufstieg benötigt. Der Tacho wies eine Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 9 km/h auf. Nur nüchterne Zahlen, die wenig über diese grandiose Leistung aussagen.
Und weil es so „schön“ war, stieg das Trio einen Tag später erneut in den Sattel und nahm sich noch eine längere Variante des Anstiegs vor. „Das war nicht wirklich schön. Wir kamen in ein kräftiges Gewitter“, möchte Vüllers den zweiten Gipfelsturm am liebsten aus seiner Erinnerung tilgen.
Deswegen wird der 30. September, der Tag der ersten Tour bei herrlichem Radwetter, immer in seinem Gedächtnis bleiben.

115 km „ausrollen“

Und kurz nach der Rückkehr traf sich das Ventoux-Trio noch einmal bei herrlichem Herbstwetter zu einer Tour. Zum „Ausrollen“ ging es von Wattenscheid aus bis an den Rhein. Auf dem Hinweg am Baldeneysee vorbei, über Kettwig und Lintorf - auf dem Rückweg über Mülheim und an der Zeche Zollverein vorbei. Rund 115 Kilometer mit einem 24er Schnitt. Wer macht das schon mit „links“?
Jetzt tritt Vüllers witterungsbedingt etwas kürzer auf dem Rad, steckt aber schon voller „verrückter“ Pläne für das nächste Jahr.
„Das Stilfser Joch würde mich reizen“, so der Günnigfelder. Der „Passo di Stelvio“ (so der italienische Name) ist noch einmal 800 Meter höher und der Anstieg etliche Kilometer länger.
Im nächsten Jahr steigt bekanntlich die 100. Austragung des Giro d‘Italia für die Radprofis. Und auf dem Programm steht dabei auch der Passo di Stelvio. Wenn das kein passender Anlass ist....
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