Minerva & Herakles

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Valentinstag am Berliner Tor
 
Valentinstag am Berliner Tor (in voller Größe)
 
Eine Übersicht der jeweiligen Arbeitsschritte der Kreation (Modellage, Ofenhärtung und Fotografie), das fertige Werk selbst im Zentrum und im Hintergrund das retuschierte Titelbild
 
Die Figuren im Detail

Zum Tag der — im besten Falle ewig — Verliebten (14.02.) gibt's hier und jetzt eine zuckersüße Lovestory mit Witz und Herz, in der das Geheimnis gelüftet wird, wie zwei Statuen am Berliner Tor für ihre Liebe stehen.

Leonardo da Vincis vorletzte Woche war eine kreative, produktive Zeit gewesen; er erfand einen Hubschrauber, der wie eine segeltuchgewordene Spanplatten-Schraube daherkam (also daherflog) und außerdem entwarf er noch dazu einen achtbeinigen und -armigen Menschen (— kann man immer mal gebrauchen, und wenn´s nur dem Layout von Krankenversicherungskarten dient).
Die letzte Woche dagegen war weniger gut gelaufen: aus seinem Herzensprojekt, eine Teleportationsmaschine zu bauen, wurde nur ein Apparat, der beliebiges Material versteinern konnte und das merkte er zunächst einmal gar nicht, weil er einen Kieselstein in den Garten beamen wollte — dass der Stein versteinerte, war ihm genauso entgangen, wie man befeuchtetes Wasser nun mal verkennt. Als jedoch eine seiner Laborratten, die er auf das Drücken von Knöpfen trainierte, in den Aktionsradius der Maschine kam, wurde ihm die Fehlfunktion schmerzlich bewusst … so sandsteinfarben still das Piepsen urplötzlich verstummte.
Und das zweite Projekt (ein Industrieauftrag zum Bau eines 3D-Druckers) wollte auch nicht so recht gelingen: der Objekt-Scan gelang zwar präzise, aber das Abbild geriet nie wunschgemäß vollplastisch, sondern nur reliefartig flach.

Aber ein Erfinder „macht aus Ballaststoffen Feinmetall“, dachte er und malte sich ein epochales Relief aus, mit all den Figuren der Mythologie, diese urmenschlichen, vermenschlichten Wesenszüge und Wesen, die seine Phantasie stets beflügelten. Beflügelt sein — „wie ein Pegasus“. (Er liebte dieses Fabeltier und fand es sehr wichtig und vollends angebracht, dass mosaische Speisevorschriften das Essen von Pegasusfleisch strikt untersagten [Levitikus 11,20: „Alles auch, was sich regt und Flügel hat und geht auf vier Füßen, das soll euch eine Scheu sein.“])

Aber zurück zum Heldenrelief, dem Marvel´s Avengers-Poster der Renaissance. Anfangen wollte er mit Minerva — denn mit Kunst und Weisheit wird die Welt eine Schönere. So bestellte er sich eine Theaterschauspielerin namens Lucrezia ein und stattete sie mit allerlei Requisiten und Attributen aus, erklärte ihr die notwendigen Posen, die er sich von ihr wünschte, verlegte Kabel, pumpte Tetramethylpiperidinyloxyl (falls Sie das gerade komplett durchgelesen haben, verneige ich mich vor Ihnen! Sehr tapfer!) in die Reaktionskammer von dem Möchtegern-3D-Drucker und erzählte von seinem neuen raumabtastenden Reliefgenerator und schüttete gleich dazu sein Herz darüber aus, dass „der 3D-Druckkopf zu heiß ist und die Masse deswegen zu flach aufgetragen wird“ aber dass er aus „der Not nun eine Tugend machen“ wolle, solang, bis... und er referierte und referierte und... eine seiner Knopfdrückratten sprang unvermittelt durch den Raum und landete ausgerechnet auf dem Knopf der dysfunktionalen Teleportationsmaschine, welche auf die Laborplattform gerichtet war, auf der Lucrezia gerade stand. Sie wurde augenblicklich versteinert — in einem Atemzug war aus ihrem letzten Atemzug ein Nichts geworden.

Da Vinci war geschockt. Einfach nur geschockt. Zum ersten Mal in seinem Leben ratlos und unfassbar verstört, rannte er mit steinschweren Schuldgefühlen beladen und erdrückt vom schlechten Gewissen zum Theater, wo Lorenzo, ihr Mann, ebenfalls als Schauspieler wirkte. Wie sollte er es ihm erklären? So etwas kann man nicht erklären. So etwas will man nicht erklären müssen.

Kurze Zeit später standen beide in Tränen aufgelöst vor ihr, sie, die sich in Stein aufgelöst hatte; des einen Tränen aus Schuld, des anderen aus Verlust. Erinnerungen kämpften um einen Hauch von Lebendigkeit, doch verloren — hoffnungslos in der Unterzahl, unterdrückt von schmerzvollen Eindrücken — die Schlacht um Fassung. Reine Trauer: wortlos, aber dröhnend. Als die Beine vom Stehen schmerzten und der Staub der Luft seinen letzten Wirbel in regloser Trägheit einbüßte, ging Lorenzo heim.

Zuhause, in endloser Finsternis von Nacht und Herzschmerz, fasste er den Entschluss, in Worte zu fassen, was er nicht fassen konnte. Die ganze Nacht schlug sein Herz nur noch, um die Stimmbänder der Seele am schwingen zu halten und nach Gedanken, die sich nicht in Seufzern ergaben, zu suchen. Er sprach mit sich selbst, mit dem Himmel, mit seiner Geliebten, doch niemand außer ihm selbst hörte ihn. Der Tatendrang, der am furchtbarsten ist, ist der, dem keine Taten folgen können, die etwas bewegen könnten.

Am nächsten Tag, zur frühen Zeit, da die Sonne erst die Finsternis der Nacht verglimmen muss, ging er zu Leonardos Hof, stellte sich vor seine Frau und sprach leise, nachdenklich, mit trauriger Feierlichkeit, mit einem sakralen Ton, wie ihn nur echte Liebe heraufbeschwören kann:

„So viele Tode bist Du im Theater gestorben, mit halbierten Holzmessern zwischen den Fingern geklemmt und aus dem Bauch emporragend, lagst Du darnieder, unter meiner Brust. Ungezählt meine gespielten Wehklagen um Dich und das lautstarke Wimmern nach einem Deus ex Machina. Stets war in dem theatralischen Schrecken die Unaussprechlichkeit einer realen Befürchtung spürbar. Geheime Vorboten eines Moments wie diesem. Nun bist du nicht mehr. Tragödie ist kein Wort mehr, keine Spielart, keine Stimmung, es ist eine Welt geworden, ein Kosmos, der alle Schleusen des Glücks schließt und wenn die Welt nun ein Schauspiel ist, dann ist es eines auf einer brennenden Bühne, aus der Schwefel rinnt und in der Hitze der Trauer alles vergeht, was einen so selbstverständlichen Bestand hatte, bevor man seinen Verlust erfährt. Einsamkeit ist unser Publikum. Kein Deus ex Machina wird kommen und Dich aus dieser Form befreien. Dein Herz ist versteinert, und meinem ist aus Schmerz dasselbe erfahren. Deine Liebe war von vollkommener Reinheit, sie war unbesudelt von Eitelkeit, sie war unberührt von Kalkül, war unbelastet von jeglicher Falschheit, war freundlich, fröhlich, lebendig und nichts war in ihr, was nicht zu Zuneigung und Glück gedrängt hätte. Du warst lebendig genug, um mich an diesem Leben teilhaben zu lassen. Ich danke Dir dafür. Dein Herz war mein Hafen, in dessen Speichern die über die See deiner Seele geführten kostbarsten Schätze der Welt gesammelt wurden. Der Glanz von Gold und der Duft von Gewürzen drang stets aus deinem Herzen, dass nun nicht mehr schlägt.
Wen ich vor Dir glaubte zu lieben, den glaubte ich zu lieben, weil ich in ihr die Verlängerung meiner Selbst sah. Doch seit ich wusste, welche Größe Liebe erreichen kann, sah ich in Dir keine Verlängerung meiner, sondern eine Verdrängung dessen, was in mir nicht als Güte wirkte. Du hast mir Leben geschenkt, welches vor Dir nur bloße Existenz war. Das Leben ohne Dich macht nicht nur keinen Sinn, es ist kein Leben überhaupt. Alles wollte ich mit Dir teilen, und dies will ich immer noch. Und wenn es der Tod in Stein ist!

Da Vinci! Lass es nicht wie einen Unfall aussehen, gib mir die Herakles-Sachen. Und drück´ den Knopf. Jetzt!.“

Sein Wille sollte geschehen.

Zwei steinerne Statuen, verkleidet als Minerva und Herakles, standen da und waren Zeugen einer Geschichte, die mit ihnen zu Ende war.

Alles fließt. Die Zeit vor allen Dingen. Da Vinci starb, Revolutionen und Stile ersetzten und verdrängten sich gegenseitig in Akkordarbeit und irgendwann fielen diese liebenden, jedoch nicht lebenden Figuren Jean de Bodt auf — und in die Hände. Das Timing war ausgezeichnet, schließlich baute er für die Festung Wesel ein Tor, und die beiden würden sich gut dort machen. Er verbaute sie im Berliner Tor, wo sie bis heute zu bestaunen sind.

Aber da ist noch Etwas. Kurz bevor Leonardo da Vinci starb, gelang ihm noch was. Nein — der 3D-Drucker blieb technisch unausgereift und mit der Mona Lisa ist es nach einiger Zeit in die Brüche gegangen, er blieb ein Pechverfolgter, aber nach Jahrzehnten der Forschung entwickelte er eine Maschine, die Steinen für ein paar Augenblicke, wenige Minuten zwischen langen Perioden der Inaktivität mit einem Stoffwechsel versehen und Leben einhauchen: eine kurzfristige Transformation in fluides, phasenreines, nanopartikuläres Hydroxylapatit mithilfe von hartgekochtem Molybdän (die Details sind mit den präziseren Aufzeichnungen leider abhanden gekommen), aber die technische Seite mag uns heute nicht interessieren. Steine mit Herzen und Puls, mit Lungen und Atem, Augen und Funkeln.

Sein letzter Akt als Erfinder war, die Beiden, Lucrezia und Lorenzo damit erneut zu verwandeln. Ab diesem Moment, einmal im Jahr, immer ca. Mitte Februar, flammt die Molekülaktivierung auf und die Beiden wachen auf, leben auf, und schlafen nach kurzer Zeit wieder ein, und wachen im nächsten Jahr wieder auf, um wieder aufzuleben, um wieder einzuschlafen - tief und fest wie ein Stein und dann wieder glücklich und lebendig liebend wie ein frisch verliebtes Paar.

Als sie nun das letzte mal gemeinsam erwachten, resümierte Lucrezia ihre Treffen in all den Zeiten, in all den Epochen:
„Lieben und Leben unterscheiden sich für uns Beide nur durch einen einzigen Buchstaben. Sonst sind sie uns gleich. Wir leben hier und heute und jetzt — weil wir uns lieben. Denn wir lieben nicht, weil wir leben, wir leben, weil wir lieben. Wir haben das größte Glück auf Erden, weil jeder unserer Momente in einem Äther der tiefsten und höchsten Zuneigung kreist und jedes Ende uns einen neuen Anfang beschert. Wir haben nichts. Außer einander. Und auch sind wir nichts; außer einander. Einander sind wir alles und dadurch haben wir auch alles, was wir brauchen.
Wir haben das größte Glück auf Erden, und für jeden heißt dieses gleich: Du.
Für jeden von uns heißt es Du.
Du und Dich.
Du und Dich und Dir.
Denn Du bist bei und mit mir.
Denn Dich begehre und liebe ich.
Und Dir verdanke ich jedes Glück.

Gute Nacht Schatz. Auf ein Neues. Bis zum nächsten Jahr.“

TK
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