Andreas Eschbach: "Mythen übers Schreiben"

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Eigentlich wollte ich eine Einleitung schreiben, bzw. eine kurze Vita zu Andreas Eschbach einfügen. Aber beide Dinge verwarf ich, da zum ersten Punkt nichts mehr hinzuzufügen ist und zum zweiten Punkt: Über Andreas Eschbach braucht man nichts mehr schreiben!
Aber bedanken möchte ich mich bei ihm recht herzlich, dass ich die “Mythen übers Schreiben” posten darf. Ein toller Text!

Mythen übers Schreiben

“Schriftsteller werden reich.”
Die Wahrheit ist, dass die meisten Schriftsteller nicht einmal notdürftig vom Schreiben leben können. Verschiedene Untersuchungen ergeben immer wieder, dass die Hälfte aller veröffentlichten Schriftsteller weniger als 3000 € pro Jahr (!) verdienen, und man schätzt, dass weniger als 100 Autoren in Deutschland vom Schreiben allein leben können. Wobei Deutschland mit Österreich und der deutschsprachigen Schweiz zusammen der drittgrößte Buchmarkt der Welt ist; in kleineren Sprachräumen sieht es noch wesentlich düsterer aus.
Wer reich werden will, gründet besser eine Firma, statt zu schreiben. Richtig reich (reicher noch als die vielbeneideten Top-Manager) wird man nur als – erfolgreicher – Unternehmer.

“Schriftsteller werden berühmt.”
Die Wahrheit ist, dass selbst Bestsellerautoren im Jargon der Medien nur sogenannte “C-Promis” sind: Nur eine Meldung wert, wenn man freien Platz füllen muss – allenfalls der Tod des Autors ist eine Nachricht. Es gibt Ausnahmen (Nobelpreisträger und einige wenige besonders skandalträchtige Autoren oder besonders gut aussehende Autorinnen), aber der normale Autor kommt in den Medien so gut wie nicht vor. Und auf der Straße erkannt wird er auch nicht.
Wer berühmt werden will, geht besser zum Fernsehen, statt zu schreiben.

“Schriftsteller führen ein aufregendes Leben.”
Die Wahrheit ist: Schriftsteller führen in erster Linie ein einsames Leben. Man verbringt den größten Teil seiner Zeit allein in einem stillen Zimmer und schreibt. Und wenn man mit anderen zusammen ist, kann es sein, dass das, was man geschrieben hat, so in einem weiterarbeitet, dass man auch nicht so richtig da ist und seltsame Blicke abbekommt.
Wer ein aufregendes Leben führen will, der macht besser irgendwas anderes, als zu schreiben. Fast egal, was.

“Wer schreibt, der bleibt.”
Die Wahrheit ist, dass die meisten Neuerscheinungen nahezu Eintagsfliegen sind. Ein Taschenbuch, das sich nicht vom Start weg gut verkauft, ist oft schon nach zwei, drei Monaten wieder aus den Regalen verschwunden, ein Hardcover bekommt ein halbes Jahr Zeit. Es leben noch eine ganze Menge ehemaliger Bestsellerautoren, von denen inzwischen kein einziges Buch mehr lieferbar ist. Die Zahl der Werke, die nach hundert Jahren noch gelesen werden, ist gering. (Obwohl es sie gibt. Sogar manche römischen Autoren – Seneca, Flavius und so weiter – verkaufen sich heute, nach zweitausend Jahren, immer noch gut.)

“Gedichte geschrieben zu haben ist ein Beweis für schriftstellerisches Talent.”
Die Wahrheit ist, dass fast jeder irgendwann in seinem Leben eine Phase hat, in der er sich an Gedichten versucht – meistens in jungen Jahren, wenn entweder heftige Verliebtheit oder dunkler Weltschmerz das Daseinsgefühl bestimmt. Die weitaus meisten dieser Werke werden versteckt und irgendwann weggeworfen, und in der Regel nicht zum Schaden der Literatur.
Soweit wäre das in Ordnung, würden nicht Verlage und einigermaßen bekannte Autoren unablässig mit Gedichten von Leuten bombardiert, die sich für verkannte Genies halten. Sandra Uschtrin hat einmal zu Recht darauf hingewiesen, dass Lyrik der bedeutendste Markt der Belletristik wäre, wenn jeder, der Gedichte schreibe, auch Gedichte läse. Da aber noch nie ein Lyrikband in deutschen Bestsellerlisten gesichtet wurde, kann man davon ausgehen, dass beim Schreiben von Gedichten ganz viel Selbstbetrug im Spiel ist: Sprich, die meisten, die Gedichte schreiben, tun es, weil man so schön schnell fertig ist und es einfach aussieht – ein paar Worte dunkelsinnig zusammengesetzt, fertig. Aber ohne die wirkliche Auseinandersetzung mit den Werken anderer – ein Bücherschrank voller Gedichtbände, von Goethe und Heine bis Kirsch und Rühmkorf, und Hunderte von Gedichten, die man auswendig hersagen kann – ist das im besten Fall eine Art Tagebuch mit anderen Mitteln.

“Man muss Hochliterarisches schreiben, alles andere ist wertlos.”
Die Wahrheit ist, dass man nur das schreiben kann, was man auch liest. Und man tut gut daran, sich hier nicht in die Tasche zu lügen: Wenn sich in Schlafzimmer, Keller und Flur die Regale unter Krimis biegen, dann zählen die drei Büchlein, die man im Verlauf der letzten fünf Jahre aufgrund hymnischer Besprechungen im Feuilleton gekauft und immer noch nicht ganz gelesen auf dem Couchtisch drapiert hat, einfach nicht: Dann sollte man sich, wenn schon, dem Schreiben von Krimis widmen. Oder was immer es ist, das man wirklich gern liest. Denn nur dafür hat man im Lauf seiner Lesejahre das notwendige Gespür entwickeln können.
Es gibt in jedem Genre ein paar richtig tolle Bücher und jede Menge Mist – und das gilt auch für die sogenannte “hohe Literatur”.

“Es gibt geheime Tricks beim Schreiben.”
Die Wahrheit ist: Nirgends liegt alles so offen zutage wie bei einem geschriebenen Text. Er besteht einfach aus aneinander gereihten Worten, und alles, was er an Wirkung erzielt, verdankt er der Wahl und der Reihenfolge dieser Worte. Nichts ist dahinter, nichts versteckt. Die Kunst des Autors liegt einzig darin, die Worte so zu wählen und so anzuordnen, dass sie beim Leser genau die Wirkung erzielen, die sie erzielen sollen.

“Man kann nur schreiben, wenn man inspiriert ist.”
Die Wahrheit ist eher umgekehrt: Man wird nur inspiriert, wenn man auch schreibt. Wobei es durchaus so ist, dass eine Inspiration (man kann auch einfach sagen: eine Idee) am Anfang steht. Eine Idee zu einer Geschichte und der Wunsch, sie niederzuschreiben. Aber Tatsache ist nun einmal, dass die Strecke zwischen diesem Moment und dem fertigen Manuskript nicht immer nur ein Spaziergang ist, sondern ziemlich oft auch einfach ziemlich viel Arbeit. Und dass man zu der ursprünglichen Idee noch ganz, ganz viele zusätzliche Ideen braucht – und die kommen nicht vom Warten, sondern beim Schreiben.

“Wenn man den Roman fertiggeschrieben hat, schickt man ihn am besten so schnell wie möglich an einen Verlag.”
Besser nicht. Denn das ist nur die erste Fassung, und “die erste Fassung ist immer Mist”, sagt sogar Hemingway, dessen erste Fassungen zweifellos besser waren als vieles, was es heutzutage bis in den Druck schafft. Nein, besser, man legt das Manuskript erst einmal eine Weile beiseite, denkt an was anderes, “vergisst” es. Dann – mindestens sechs Wochen später, besser noch nach drei Monaten – holt man es wieder hervor und liest sich erst mal durch, was man geschrieben hat. Meistens ist man dann heilfroh, dass man das noch niemandem gezeigt hat. Man streicht alles an, was so nicht bleiben kann, überarbeitet den Text. Dann sucht man sich Menschen aus seinem Umfeld, auf deren literarisches Urteil man etwas gibt (wenn man da in seinem Umfeld nicht fündig wird, sollte man dieses um eine entsprechende Gruppe erweitern, wie es sie fast überall an Volkshochschulen und dergleichen gibt), gibt es diesen zu lesen und hört sich aufmerksam und ohne Rechtfertigungsversuche (denn später wird man als Autor auch nicht dabei sein, wenn ein Leser das eigene Buch liest, und wird also dann auch nicht erklärend eingreifen können – d.h. es muss alles schon genau so dastehen, wie man es gemeint hat!) an, was diese sagen, lässt es geraume Zeit auf sich wirken und überarbeitet den Text im Lichte dessen noch einmal. Und vielleicht noch ein paar Mal – so lange, bis man ehrlichen Herzens sagen kann: Besser kann ich es im Augenblick nicht.
Dann erst sollte man in Erwägung ziehen, das Manuskript Verlagen (oder Agenten) anzubieten.

“Wenn ein Verlag Autoren sucht, dann gibt er entsprechende Inserate auf.”
Es stimmt zwar, dass Verlage nach neuen, vielversprechenden Autoren suchen – aber sie können sich (zu Recht) darauf verlassen, bei vielversprechenden Autoren (die ja auch Leser sind) bekannt genug zu sein, dass diese ihnen ihre Manuskripte auch so anbieten. Hinter allen Inseraten, in denen es heißt, “Verlag sucht Autoren”, verbergen sich sogenannte Druckkostenzuschussverlage, die einem anbieten, das Buch zu drucken – wenn man dafür bezahlt.
Das ist nicht grundsätzlich unseriös. Wer etwa seine Diplom- oder Doktorarbeit zu drucken verpflichtet ist, wird die Dienste solcher Firmen in Anspruch nehmen müssen. Manche wollen auch einfach ihr Buch gedruckt in Händen halten und im Freundeskreis verschenken und haben das nötige Geld dafür – Autobiografien sind hier häufig, Lyrikbände oder dergleichen. (Es sei darauf hingewiesen, dass es für diejenigen, die mit Internet und Computer gut umgehen können, inzwischen kostengünstige Alternativen bei http://www.bod.de, http://www.lulu.com und anderen gibt.)
Unseriös wird es dann, wenn solche Firmen hoffnungsvollen Autoren weiszumachen versuchen, sie könnten auf diesem Wege die ersten Schritte einer erfolgreichen schriftstellerischen Karriere tun. Das Gegenteil ist der Fall: Ein einmal im Selbstverlag veröffentlichtes Buch (denn um Selbstverlag handelt es sich hier) ist bei richtigen Verlagen praktisch nicht mehr unterzubringen.

“Wer ein Buch veröffentlichen will, muss erst mal dafür zahlen.”
Das ist eine Legende, die die eben genannten unseriösen Druckkostenzuschuss”verlage” nimmermüd verbreiten. Die Wahrheit ist das genaue Gegenteil davon: Tatsächlich kommt das Wort “Verlag” von dem Wort “vorlegen”, in dem Sinne von “vorschießen, vorfinanzieren”. Der Verleger ist seit jeher derjenige, der die Kosten für den Druck und den Vertrieb eines Buches vorschießt, also das finanzielle Risiko trägt. Dafür teilen er und der Autor sich den Gewinn in einem bestimmten, vorher vertraglich festgelegten Verhältnis.
Dringend zu empfehlen ist, dass ein Autor, der ein Buch veröffentlichen will, sich erst einmal kundig macht hinsichtlich der Spielregeln der Branche.

http://www.andreaseschbach.de/schreiben/schreiben....
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