Der Autorentipp der LiteraTüre aus Xanten

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Wie würdest du deine Lebensphilosophie beschreiben? Die Quintessenz deines vielseitigen Schaffens? (Eigentlich zwei Fragen.. :-) )

Ganz profan: Leben und leben lassen.
Frage 2: Was bin ich froh, dass ich das Schreiben für mich entdecken durfte!
 
Was waren für dich deine wichtigsten künstlerischen Begegnungen?
Die waren zu einer Zeit, als ich in einer angesehenen Wiener Buchhandlung arbeitete. Die eindrucksvollsten Begegnungen und Gespräche hatte ich mit Peter Handke, Ingeborg Bachmann, Oskar Werner.
 
Was schreibst du lieber? Prosa oder Lyrik? Schreibst du spontan?
Da gibt es kein „lieber“, denn es kommt ja aufs Thema an, das verwortet werden möchte. Lyrik schreibe ich spontan auf, ja, das sind so flüchtige Gedanken, die gleich gefesselt werden müssen. Wenn das mal geschehen ist, dann geht es aber ans feilen.
 
Wie baut sich ein Gedicht für dich auf? Überfallt es dich oder ist es ein Prozess des Reifens?
Wie vorhin erwähnt, genügt manchmal ein Duft, ein Wort, ein Blick als Überfall, oft auch eine Erinnerung (in meinem Alter hat man ja einige auf Lager), dann schnell festhalten. Die Arbeit an den Worten folgt danach.
 
Was ist für dich Spannung?
Patricia Highsmith, die große Psychologin des Krimis, hat das mal in ihrem Buch „Suspence“ sehr gut beschrieben. Spannung ist, wenn einen ein Text atemlos macht. Dazu muss nicht unbedingt ein Mord geschehen, das funktioniert auch in anderen Situationen, wie: werden sie zusammenkommen oder nicht? Oder: kommt er mit seiner Lüge durch? Oder: wird sie in der Leidenschaft untergehen?
Ich mag gern spannenden Alltag in meinen Geschichten.
 
Was bedeutet Wien/das Wienerische für dich. Dein novemberblues hat diesen typisch wienerischen "Schmäh", Witz, Charakter.
Ich finde den Dialekt in Wien sehr poetisch, er ist melodiös, charmant, weich und für meine Freunde aus Deutschland vergnüglich.
Wien an sich ist herrlich, die Wiener sind große „Raunzer“, beschweren sich gern über alles, ohne es zu ändern, und begreifen oft nicht, dass wir eigentlich dankenswerter Weise auf einer Insel der Seligen leben, im Vergleich mit anderen Ländern.
 
Wann hast du angefangen zu schreiben/Seit wann wolltest du Schriftstellerin werden ?
Als Kind von Schauspielereltern war für mich schon als Vierjährige klar, dass ich ebenfalls diesen Beruf ergreife. Ich saß während der Proben neben  meinem Papa  im 'Theater der Courage', während er  Regie führte und deklamierte das Gehörte, ohne zu verstehen, was ich da mit Inbrunst sagte. "Hochbegabt, das Kind", flüsterten die Eltern.
 
Doch wie so oft im Leben, kam es anders. 

MACH NUR EINEN PLAN, SEI EIN GROSSES LICHT!
MACH NOCH EINEN ZWEITEN PLAN - GEHEN TUN SIE BEIDE NICHT!
sagte Bertolt Brecht.

Nach der  Schauspielausbildung  verliebte ich mich ‚unsterblich‘,  gründete eine Familie und ging einem bürgerlichen Beruf nach, dem Buchhandel. Mitunter quälte ich mich durch das Leben. Der Beginn meines neuen Berufswegs, der Atemsynthese, die ich erfolgreich verbreite, eröffnete mir neue Sichtweisen.
Ich begann wie besessen zu schreiben. Die Texte zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass sie schlecht waren. Ich gab nicht auf und fand meinen Schreib- und Lebensweg.
Es ist das Alltägliche, es sind die ganz normalen Merkwürdigkeiten, die  mich faszinieren.
 
Wie ist dein Tagesrhythmus? Hast du feste Arbeitszeiten?
Ich schreibe ungefähr 3 Stunden am Morgen, dann mache ich meine Lektoratsarbeiten, wenn ich kann, schreibe ich abends wieder an meinen eigenen Texten.
 
Wie ist der Entstehungsprozess deiner Geschichten/Was entsteht bei dir zuerst: die Geschichte oder die Charaktere?
Bei Kurgeschichten entsteht zuerst der Inhalt, da geht es auch eher darum eine „Botschaft“ loszuwerden.
Bei Romanen aber geht es mir um die Charaktere, die mir einfallen. Die müssen dann ihre „Heldenreise“ bis zum bitteren oder dem süßen Ende durchziehen. Erst die Figuren, dann überlege ich, was ich ihnen alles antun kann.  
 
Baust du dir erst die Plots auf? Oder passiert dies einfach?
Die baue ich auf. Ich bin da sehr pedantisch, baue ein Exposee, dann eine Storyoutline, also den roten Faden, dann eine Stepoutline, in der ich jedes Kapitel mit 1-2 Sätzen anlege. Erst danach setze ich mich dran, den Text auszuschreiben.
 
Lassen dich deine Charaktere/Handlungsstränge überhaupt los? Oder kannst du sie auch ausblenden, solange deine Story in Arbeit ist? Kennst du deine Charaktere alle in und auswendig?
Ich kenne meine Charas schon vorgeburtlich, also absolut. Wie sie sich jedoch in gewissen Situationen verhalten, lasse ich auf mich zukommen. Das ist dann sehr spannend! Und nein, ich kann nichts ausblenden, wenn ich an was dran bin.
 

Wann zeigst du dein Werk zum ersten mal jemandem? Lässt du dir von irgendwem was sagen? (Was deine Geschichten/Charaktere anbelangt)
Erst wenn ENDE daruntersteht, zeige ich die Erstfassung 3 Betalesern und zittere vor dem Urteil. Bin aber auch dankbar für jede Kritik, die meinen Text bessern machen kann. Ja, ich lasse mir durchaus etwas sagen.  
 
Gibt es Tage an denen du überhaupt nichts schreibst und dann wieder welche, an denen du nicht vom Schreibtisch wegkommt? Wie viele Wörter schreibst du am Tag?
Sowohl, als auch. Ich habe ja noch ein Leben fern des Schreibtisches, ein Leben eben. Wie viele Wörter ich schreibe, kann ich nicht sagen, kommt drauf an, wie es flutscht. Es gibt Textpassagen, die vielleicht 2 Seiten lang sind und an denen ich mehr als 3 Stunden herumrätsle, dann gibt es Sequenzen, bei denen ich total im Flow bin, das ist herrlich!
 

Womit schreibst du? Nur am PC oder schreibst du auch vor/Benutzt du ein „Schreibprogramm? Schreibst du auf Papier vor?
Gedichte immer mit der Hand auf Papier. Prosa am PC und etliches bearbeite ich mit dem Schreibprogramm Papyrus, eine wunderbare Hilfe.
 

Was machst du gegen Schreibblockaden?
Ich hab da mal auf meinem
Blog http://textlektorat.blogspot.co.at/2013/04/wenn-un...
etwas dazu verfasst, das ich gerne auch hier zum Besten gebe, da es meine Einstellung zu der Frage zeigt:
Wir stolpern leeren Blickes durch die Landschaft oder schlurfen umdüstert durch unsere Stadt, vielleicht tigern wir auch nachts, wenn andere in Morpheus Armen liegen, mit gepeinigtem Blick zwischen Schreibtisch und Küche hin und her und her und hin.
Dabei hätten wir wahnsinnig viel zu tun! Der Roman, die Geschichte, der Essay, das Sachbuch soll fertig werden! Doch nichts, absolut nichts fällt uns ein, damit der Text endlich weitergeht.
Wir schlagen uns auf die Brust, schreien innerlich: "Du blödes, sinnentleertes Hirn, fasse nur einen guten Gedanken, der reicht, dass ich den nächsten Satz schreiben kann!"
Denn schließlich wissen wir, wenn da nur eine kleine neue Wortfolge entsteht, sind wir wieder im Flow und auf geht's!
Aber leider, nichts passiert. 
Gemeinhin nennen wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller diese Erscheinung: SCHREIBBLOCKADE. Und das hauen wir jedem um die Ohren, der indiskreter Weise nachfragt: "Na, wie geht's denn so mit der Schreiberei? Kommst du gut voran?"

Tja, liebe Kolleginnen und Kollegen, wer von uns kennt das nicht? Man hängt und hängt und hängt. Aber ich kann Sie beruhigen, diese Erscheinung gibt es in Wahrheit nicht. Sie dient uns zur Ausrede, wenn wir gerade nicht schreiben wollen und das wird seinen Grund haben. Das klingt vielleicht ungerecht und frech, Sie werden sich denken: "Was will die denn? Die hat doch keine Ahnung, wie ich mich seit Tagen quäle und Hände ringend um Erlösung von der Schreibblockade bete!"
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, ehe Sie mir mein Blog zusammenschlagen, und gehen Sie in sich.

Überlegen Sie in Ruhe folgendes:
1. Sie können schreiben (sonst würden Sie ja keine Texte verfassen), Sie werden es weiterhin schaffen.

2. Sie können also ganz ruhig darauf warten, dass Ihr "blockierter" Text sich Ihnen wieder öffnet.  Oft ist es so, dass Ihr Gehirn Sie dazu zwingen will, einen gewissen Abstand zu Ihrem aktuellen Text zu bekommen. Sagen Sie sich dann, dass wird schon seinen Sinn haben, denn je weniger Zwang Sie dabei auf sich selbst ausüben, desto schneller wird es passieren, dass Sie weiterschreiben können. Wenn Sie sich stressen, verkrampfen sich die Synapsen im Gehirn, das sind die kleinen elektrischen Leiter, die Informationen aus Gefühlshirn und Lernhirn aktivieren. Klar, dass dann nix mehr geht. Um sich zu entstressen, machen Sie

3. ein paar Entspannungsübungen, indem Sie versuchen, so schlecht wie möglich zu schreiben, schreiben Sie schrecklich, grausam, langweilig, kitschig an Ihrem Text weiter. Dann wird Sie der Zorn packen, ein wunderbarer emotioneller Antrieb, einem Raketenabschuss vergleichbar, und weiter geht es. Klappt das auch nicht, dann schreiben Sie an einer anderen Stelle Ihres Textes weiter, oder einen ganz anderen dazwischen, oder beginnen Ihren "blockierten" Text von vorn zu überarbeiten, denn das müssen Sie ja ohnehin mal machen. Sehr bewährt hat sich bei mir, zum Text passende Musik abzuspielen, das aktiviert das limbische System, das Gefühlshirn. Und ohne Gefühle zu haben, kann man kaum einen Text zu Papier bringen.

4. Sehen Sie zu, dass Sie sich täglich Schreibzeit verschaffen, am Besten immer zur selben Zeit. Mindestens 15 Minuten. Sie werden sehen, Sie kommen wieder in den Flow.

Abschließend sei gesagt, die Erscheinung Schreibblockade gibt es schon, aber sie ist hausgemacht und Hinweis darauf, dass wir uns unbemerkt überfordert haben. Daher machen Sie ganz was anderes, wenn alle oben genannten Tricks nichts bringen, und nutzen Sie die Chance, rauszugehen und zu leben. 
Auch wir Autorinnen und Autoren haben ja außer dem Schreiben immerhin noch ein Leben!

Gibt es "typische" Bücher, die du liest. Ein bevorzugtes Genre?
Natürlich aus dem Bereich, über den ich auch gern schreibe, merkwürdiger Alltag, das Leben und seine Tücken.

Wer/was ist dein Lieblingsautor/-buch
Einer? Meine Güte! Ich war Buchhändlerin, ich lese von Kind an wie eine Geisteskranke, die Liste wäre lang. Aber zu meinen Favoriten gehören John Irving, Joyce Carol Oates, Philip Roth.
 
Musik scheint für dich nicht nur Untermalung zu sein, sondern ein Teil des Textes zu werden. Ist das richtig interpretiert?
Ja, so ist es. Denn Lyrik selbst sollte auch in der ungereimten Form stets eine Wortmelodie, einen Rhythmus haben. In meinem musikalischen Freund, Despite Faith, habe ich den richtigen Komponisten gefunden, der mit viel persönlichem Gefühl meine Texte untermalt hat.
 
Gerade ist unsere 1. Produktion erschienen, ein Hörbuch Lyrik & Prosa:
http://www.das-ebook24.de/Hoerbuecher/Lyrik-und-Pr...
 
Lässt du dich auch von anderen Medien inspirieren?
Selbstverständlich! Ich bin eine eifrige Film-Besucherin. Es gibt großartige Filme. Einer meiner Favoriten ist Quentin Tarantino.
 
Vielen Dank für das Gespräch!
Ich habe zu danken, Elsa!

http://dieliteratuere.com/2014/11/15/elsa-rieger-d...


Alles über ihre Bücher:
http://www.elsarieger.at/autorin/b%C3%BCcher/

Wo sie im Web noch anzutreffen ist:
http://www.elsarieger.at/
http://schreibtalk.blogspot.de/
http://ebooksalon.blogspot.co.at/
https://www.youtube.com/user/ElsaRieger/videos
https://www.facebook.com/Schreibgedanken?ref=hl

Die Liebe ist ein seltsam' Spiel
Jugendliebe

Lilo stößt mit dem Einkaufswagen gegen einen anderen.
„Tschuldigung“, stotternd will sie weiter.
„Lilo!“ ruft der bärtige Mann erfreut.
Sie erschrickt, zuckt zusammen, als sie die Stimme erkennt. Nach zwanzig Jahren klingt sie immer noch vertraut. Zögernd gleitet ihr Blick über den rötlichen Vollbart, die Augenfältchen des Mannes. Ihr Herz stolpert.
„Highlander“, stößt sie hervor. Sie weiß noch genau, wie die Clique ihm damals diesen Namen verpasste, aber seinen Vornamen hat sie vergessen. Auch das Lachen ist nicht mehr dasselbe – viel dunkler als früher.
„Mensch, Lilo, so hat mich seit Jahren keiner mehr genannt!“ Die hellgrauen Augen blitzen sie an. „Darauf müssen wir einen trinken!“
Lilo nickt.
Im Restaurant des Supermarktes wählt Lilo einen der kleinen Tische in der Fensternische.
„Ich hätte dich lieber neben mir ...“, sagt der Highlander.
Lilo macht eine abwehrende Handbewegung.
„So ist es schon gut.“ Sie bestellt Capuccino, er einen Erdbeer-Kiwi-Flip.
Zugelegt hat er, sicher zwanzig Kilo. Aber es steht ihm. Passt viel besser zu ihm, früher war er ein Zahnstocher gewesen.
„Seit wann trinkst du Obst?“ Lächelnd tunkt Lilo den Finger in den rahmigen Fruchtschaum und leckt ihn genüsslich ab. „Schmeckt himmlisch gut.“
„Seit ich in Neuseeland lebe“, sagt der Highlander. „Ich bin Winzer und baue Kiwi an. Aber am liebsten esse ich Früchte in Kombination mit Schlagrahm.“ Lustvoll tätschelt er seinen Bauch.
Ich hätte mit ihm gehen sollen, denkt sie.
„Und was treibst du so?“ Er legt den bunten Strohhalm neben den Glaspokal. Lilo zerrührt den Milchschaum. Zwingt sich zu lächeln.
„Ich arbeite im Bereich der Datenverarbeitung.“
„Nein. Was machst du im richtigen Leben?“ Er legt den Kopf zurück.
Erotik, immer noch. Obwohl es eine Ewigkeit her ist, spürt sie den Atem des Highlanders an ihrem Hals.
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