Suche nach der neuen Heimat

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Die beiden Flüchtlinge aus Eritrea genieren sich nicht, sie befürchten einfach, dass durch einen dummen Zufall ein Bild im Internet in die falschen Hände gerät und ihre Familien in der alten Heimat dadurch mit Repressalien zu rechnen hätten.

Im Harz ist es wunderschön. An der Ostsee ist es herrlich. In Xanten am Niederrhein grandios. Überall in Deutschland, auf der Welt, gibt es wunderbare Flecken, an denen man sich wohlfühlen kann. Kann ein solcher Ort aber auch für Menschen, die etwa aus dem afrikanischen Eritrea zu uns geflüchtet sind, zu einer neuen Heimat werden? Asmara (42) und Massawa (26 / beide Namen geändert) berichten von ihrem schweren Schicksal.

Derzeit werden Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Sie flüchten vor Diktatur, Krieg, Willkür und Leid. Viele kommen nach Deutschland. Einige sogar an den Niederrhein, nach Xanten. Doch werden diese Menschen jemals über diese Region als ihre Heimat sprechen?

Asmara und Massawa sind beide aus dem afrikanischen Eritrea geflüchtet. Massawa studierte Literatur und Mathematik, als ihn der Ruf des Militärs ereilte. Binnen weniger Tage hätte er sich dort einfinden müssen. „Du wirst von jetzt auf gleich aus deinem Leben gerissen und musst so lange dabei bleiben, wie die das wollen“, spricht Massawa in leidlichem Englisch von Willkür.

Das war 2008, der Krieg gegen Nachbar Äthiopien offiziell längst vorbei. Doch wurde das Militär auch gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, zudem gab es immer wieder kleine Grenzstreitigkeiten mit Äthiopien. Massawa beschloss also zu fliehen. Eine Odyssee begann.

Eine neue Heimat?


Im Sudan wollte man ihn nicht, in Ägypten wurde er inhaftiert, nach Äthiopien abgeschoben und zurück in den Sudan geschickt. Schließlich schaffte er es bis Libyen, von wo aus er auf einem überfüllten Flüchtlingsboot nach Sizilien gelangte. Von dort schließlich kam er über mehrere Stationen nach Xanten. In seine neue Heimat?

Einmal im Monat kann Massawa kurz mit seiner Familie in Eritrea telefonieren. Dann berichtet er seiner Mutter, seinem Vater und den Geschwistern von dem, was er hier tut. Derzeit hat er einen „Ein-Euro- Job“, 60 Stunden im Monat ist er für die Stadt im Einsatz. „Ich muss Deutsch besser lernen, dann möchte ich gerne eine Ausbildung zum Automechaniker machen“, hat er konkrete Pläne. Wird Xanten seine neue Heimat?

Asmara war Farmer, hatte eine Familie gegründet, und verdiente genug, um seine Familie zu ernähren. Dann ereilte auch ihn der Ruf des Militärs. 14 Jahre lang riskierte er sein Leben, seine Gesundheit, opferte sein Privatleben, denn nur „alle drei Jahre durfte man einen Monat nach Hause“, sagt er. Als sein viertes Kind zur Welt kam, das Geld vorne und hinten nicht mehr reichte, die Armee ihn aber immer noch nicht ziehen lassen wollte, setzte er alles auf die Karte Flucht.

Auch bei Asmara gestaltete sich diese abenteuerlich, bis er endlich ebenfalls mit einem Flüchtlingsboot Sizilien und dann irgendwann Xanten erreichte. Kann Xanten seine Heimat werden?

Für Asmara gibt es nichts Wichtigeres als seine Familie. Wenn er als Flüchtling anerkannt ist, kann seine Familie aus Eritrea nachkommen. Wie im Krimi hat Asmara ein Codewort vereinbart. Wenn er das am Telefon benutzt, flüchtet die Familie umgehend in den Sudan, von wo aus sie dann ausgeflogen wird. Hat er Frau und Kinder um sich, kann nahezu jeder Ort der Welt für Asmara Heimat werden.

Schwieriger gestaltet sich das für Massawa, Eltern und Geschwister können nicht nachkommen. „Ich fühle mich hier wohl und gut aufgenommen und habe gute Kontakte“, ist er doch recht zufrieden. Aber vielleicht bewahrheitet sich ja auch an ihm eines Tages noch die lateinische Weisheit „Ubi bene, ibi patria“, was soviel bedeutet wie: Wo es mir gut geht, ist mein Vaterland. Das wäre genauso gut wie Heimat.

Hintergrund


Heimat bezeichnet eine Beziehung zwischen Mensch und einem Ort. Meist ist es die Region, in die der Mensch hineingeboren wird, die seinen Charakter, seine Mentalität, seine Identität mitprägt. Aber eigentlich ist Heimat ein Gefühl, ein unsichtbarer Faden, der das Herz eines Menschen an eine Region bindet.

Dr. Wolfgang Schneider von der Flüchtlingshilfe Xanten zeigt sich dankbar: „Die Hilfsbereitschaft ist enorm. Es wird den Menschen in einer unglaublich großen Welle Hilfsbereitschaft entgegen gebracht. Die drückt sich in tatkräftiger Unterstützung genauso aus, wie in Sachspenden.“
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