Ein Leben für Russland

Ein ganzes Zimmer in Pater Immekus‘ bescheidender Wohnung ist angefüllt mit Spenden in Kartons und Säcken.
  • Ein ganzes Zimmer in Pater Immekus‘ bescheidender Wohnung ist angefüllt mit Spenden in Kartons und Säcken.
  • hochgeladen von Petra Pospiech

In wenigen Tagen halten „Väterchen Frost“ und das „Schneeflöckchen“ Einzug in die russisch-orthodoxe Kirche „Boris und Gleb“ in Horneburg. Pater Dr. Erwin Immekus freut sich schon auf das Weihnachtsfest mit seiner Gemeinde.
„Eigentlich wird das russische Weihnachtsfest nach dem alten julianischen Kalender erst am 6. Januar begangen. Doch auch die russisch-orthodoxe Kirche ist mittlerweile dazu übergegangen, die feststehenden Feiertage nach dem neuen gregorianischen Kalender zu feiern“, erläutert Pater Immekus.
„So begehen wir auch in Horneburg den 24. Dezember mit einem Abendgottesdienst, um dann am 26. Dezember Väterchen Frost (den russischen Weihnachtsmann Deduschka Moroso) und das Schneeflöckchen (Snegurotschka) in einem Familiengottesdienst mit einer anschließenden großen Feier im Gemeindehaus zu begrüßen.“
Die russischen Traditionen hat Pater Immekus so verinnerlicht, dass viele Menschen ihn für einen Russen halten. Doch weit gefehlt. Erwin Immekus wurde als Kind deutscher Eltern 1924 im Sauerland geboren. Den zweiten Weltkrieg durchlebte er als junger Soldat im „Kessel von Tscherkassy“ (Ukraine) und kam daraufhin 1944 in russische Gefangenschaft.
„Nachdem ich als 21-Jähriger aus der Gefangenschaft entlassen wurde, ging ich zurück nach Deutschland, um mein Abitur nachzuholen und eine Ausbildung zu machen. Doch von Anfang an begleitete mich eine unerklärliche Sehsucht nach Russland, dem Land und den Menschen“, erinnert sich der 86-Jährige. „Das lag sicherlich daran, dass ich in Russland zwar Schlimmes erlebt habe, dass mir aber von den Menschen dort überwiegend nur Positives entgegengebracht wurde. Sicherlich auch, weil ich damals viel jünger als 20 aussah.“
Zurückgekehrt nach Deutschland traf Erwin Immekus auf viele sogenannte Ostarbeiter, die vor allem im Ruhrgebiet in Zechen und beim Kanalbau tätig waren. Sie alle befürchteten, zwangsweise in die Sowjetunion zurückgeholt zu werden. „Um ihnen zu helfen, benötigte ich ein vertrauenswürdiges Amt und vor allem russische Sprachkenntnisse“, so seine damalige Überlegung. „Damals gab es nur wenige Möglichkeiten. Also wandte ich mich an den Orden der Pallottiner, die in direkter Nachbarschaft zu meinem Elternhaus ein Kloster unterhielten. Hier trat ich als Novize ein, unter der Voraussetzung, dass ich später das Russikum in Rom besuchen durfte. Nach meinem Noviziat und einem Studium der Philosophie und Theologie in Koblenz wurde ich nach westlich-römischem Ritus zum Priester geweiht. Ich erhielt die Erlaubnis, für sechs Jahre nach Rom zu gehen, um dort im Päpstlichen Kollegium Russikum byzanthisch-slawische Traditionen zu studieren.“
Noch während seines Studiums wurde er vom Vatikan in Rom gefragt, ob er sich um Osteuropäer im Ruhrgebiet kümmern wolle. „1958 machte ich mich mit dem Moped auf zum Innenminister und erhielt dort die Erlaubnis, mir vom auswärtigen alle Adressen osteuropäischer Arbeiter in Nordrhein-Westfalen geben zu lassen. Weiter ging es mit dem Moped zum Kölner Kardinal Frings. Dieser gab mir 1960 die Erlaubnis, die Betreuung der osteuropäischen Gläubigen in fünf katholischen Diozösen von Essen aus zu übernehmen. Doch vorher musste ich noch zurück, um in Rom meinen Doktor zu machen.“
Auf seinen anschließenden Betreuungsreisen durch NRW fiel ihm auf, dass besonders in Oer-Erkenschwick viele Osteuropäer ansässig waren. „Durch Zufall fand ich in Horneburg die kleine alte Kirche ‚Maria Magdalena‘, die damals durch einen Neubau ersetzt wurde, und erhielt die Erlaubnis des Pfarrers, diese zu einer russisch-orthodoxen Kirche zu machen.“
Seit 1968 lebt Pater Immekus nun in Horneburg und betreut hier 200 Gemeindemitglieder und ihre Familien. 1968 konnte er erstmals seit seiner Gefangenschaft Russland, die damalige Sowjetunion, besuchen. „Seit der Perestroika fahre ich jedes Jahr nach Russland und in die Ukraine“, schwärmt Pater Immekus.
Nie fährt er mit leeren Händen. Seine regelmäßigen Hilfstransporte sind berühmt und werden seit Jahren tatkräftig von vielen Menschen mit Hilfsgütern und Spenden unterstützt. Rechtzeitig zu Weihnachten traf dort vor wenigen Tagen eine Horneburger Hilfslieferung ein.
So werden die Menschen in der Ukraine zu Weihnachten in Gedanken sicherlich mit der russisch-orthodoxen Gemeinde von Pater Immekus in Horneburg vereint sein.

Pater Immekus lädt am 24. Dezember um 16.30 Uhr und am 26. Dezember um 10 Uhr zum Weihnachts-Gottesdienst in die Kirche „Boris und Gleb“ in Datteln-Horneburg, Horneburger Straße 58, ein.

Autor:

Petra Pospiech aus Recklinghausen

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