Der hochgelobten lieben Martins-Gans zu Ehren

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Warum essen wir am Martinstag die Martinsgans?

In der Literatur findet man nur wenige Erklärungen warum zu St. Martin eine Gans verspeist wird. Am häufigsten sind diese beiden Erklärungen: Zum einen sollen Gänse den heiligen Martin durch ihr Geschnatter verraten haben, als er sich versteckte um nicht zum Bischof von Tours gewählt zu werden. Zum anderen soll der Brauch auf die Lehnspflicht im Mittelalter zurückzuführen sein, da zum Martinstag die Abgabe auch häufig aus einer Gans bestand, der sog. Martinsschoß.

Doch es gibt noch andere Erklärungen:
So zum Beispiel in der
Predigt von Pfarrer M. Melchior de Fabris
(Kloster zu Thierhaupten)
„Ein Schöne Nutzliche Predigt / darinn zusehen ein seine auszlegung deß H. Evangely S. Martini leben“ aus dem Jahr 1595.
Im dritten Kapitel seines Buches „warumb die Christen auf disen deß heyligen Bischofs und Beichtigers Martini tag / die Gans sollen essen / was auch dabey zubetrachten“, geht Melchior de Fabris davon aus, dass der Brauch von den Römern übernommen wurde und verweist u. a. auf Plinius (Anwalt und Senator unter röm. Kaiser Domitian, Nerva und Trajan) und den Philosophen Aristóteles.
„ … das die Gens sonderlichen die wilden / ihre Schiltwacht halten"

Melchior de Fabris beschreibt wie die Römer Gänse in Rom als Wächter einsetzten
und kommt zu dem Ergebnis:
„Das die Alten / wie oben in der Vorred vermeldt / das wort Gottes nit allain embsig und gern gehört / sonder mit eusserlichen dingen zu solchem das Volck vermanet und erinnert / welches auch mit der Gans geschehen: Dann wie sy erfaren / das ein Gans ein wachtbares thüer ist / haben sy an Sant Martins tag die Gans zu essen angefangen / auff das die wacht / darzu sy Sant Martinis Evangelium / auch Sant Marthins ganzes leben ermanet / ihnen durch die eusserlich eässung der Gans desto daß eingebüldet / und gleich in die gedächtnuß eingedruckt wurde. (...).

Und hier noch eine andere, lustige Erzählung:

Von Johann Carolus (Kirchenpfleger, Ratsherr Drucker, Buchbinder und Verleger der ersten Zeitung der Welt) an seine Schwager Martino Schell zu Straßburg an allerheylgentag Anno 1607
Gewidmet „... allen und jeden / so den löblichen Namen Martini führen (...) Gedichte vom Ganß König (...) mit dienstfreundlichen bitten/ solches Ehrenwürdigen / hochgelobten lieben Martins Ganß zu Ehren."
Im ersten Kapitel seines Gedicht-Buches beschreibt Carolus auf 32 Seiten, in Versen gefasst:
„Von der
Martins Ganß Königlicher Wyrde
wie unnd mit was Condition sie darzu erwehlet worden. Er Martins Ganß zu Lob Preiß Beschreib ich auff poetisch weiß / was mir hat offenbaret frey / in eim Gesicht / staw phantasey ...“


32 Seiten sind dann doch wohl etwas zu viel um sie hier widerzugeben. Deshalb hier die Geschichte in Kurzform (ganz kurz): Die Vogelwelt möchte einen Vogelkönig aus ihrer Mitte für ein Jahr ernennen. (Carolus zählt dazu ihm alle bekannten Vögel auf) Alle Vögel treffen sich, darunter auch die Vögel die schon geadelt sind wie der Pfaw, Kranch, Trapp, Phasan, Haselhun, Schnepff, Aurhan, Kabhun , Papegey und der Paradyß Vogel.
Um Vogelkönig zu werden preisen sie alle ihr können, zu Lande, zu Wasser und zu Luft; manche waren sogar schon bei Schlachten dabei und der Pfau trägt bereits eine Krone.
„Auff den Helmen mit sonderm Pracht
Wann sie strtten in offner Schlacht
Du weist ja selbst / bedencke dich/
Das dieses als nicht helt den stich /
Welches du fürbringst zu dieser stund“
;

war die Antwort auf eine Lobpreisung.
Unser König soll sein ein Han:
Weil er mit bsoderem fleiß / bei nacht
Zu fried unnd Krieges zeit helt Wacht /

Und:
Wehlen zum König den Widhopff:
Weil er auch tregt auff seinem Kopff
Ein Cron / die ihm sein Haupt bedeckt /
Damit er auch manchen erschreckt.

Und dann:
Nun duncker mich / das wer ye recht:
Daß wir ein König hetten schlecht
Der kön leben sein zugleich
Im Lufft / Wasser / und auff Erdreich
(...)
So möchte ich / daß der König sey /
Der inn den Elementen drey
Kond leben / frey inn zeit der Not

Jetzt entwickelt sich ein Streit zwischen dem Paradiesvogel und der Gans:
Die Ganß aber / eigener Person/
Hielt den Römern defension
Für den Gallis: alß sie / so frei/
Dieselben schlug mit ihrem Gschrey:
Erhielt das Capitolium.
Und ward / von den Römern / darum
Hochgeehrt. (...)
Ich bitt betrachtet nur mit fleiß
Auch yst der (Römer) Vögel beyde speiß

Das der König in drei Elementen soll leben können war bereits festgestellt und nun sprach die Lerche:
Dann sind die Element nicht vier?
Warum gilt nichts das Fewr bey dir?
Wann ye die Ganß will König sein /
So muß sie auch inns Fewr hinein (...)
Ein Gänßlein klein / auf dieser Erd:
Danach im Wasser Schwim dahin.
Und wenn es ihr komt inn den Sinn/
Daß sie inn lufft auch flieg behend.
Und endich auch / am letzten End
Daß sie auch Ehrlich sey im Fewr: (...)
Die Ganß nun unser König ist

Der Paradiesvogel überreichte eine Nachricht:
Von Sanct Martin so hoch geacht. (...)
Die liebe Ganß: die wir zu nutz
Den Menschen: han in unserm Schutz.
Und ist ihr auffgesetzt die Cron
Doch mit solcher Condition /
Daß alle zeit zu Jahres frist /
Wenn unser Tag und Feyrtag ist /
Ein feiste Ganß / auß ihrem Gschlecht /
Im Fewer gebraten werde recht:
Und mit pracht auff den Tisch gesetzt:
Damit dieselb / zu guter letzt /
Ehrliche Leut mögen verzehren /
Sanct Martin und der Ganß zu Ehren.



Hier ein Auszug aus einem anderen Gedicht von Johann Carolus:
O lieber Herr Martine mein!
Seid frölich / last uns schenken ein.
Ihr lieben Gest / trinckt dapffer auß:
Der Wirt hat noch viel Wein im Hauß.
Der Wein ist trefflich gut fürwar.
Gott bscher ein Ganß auch ubers Jahr.
Gott sey gelobet und gepreyst /
Und hat uns Sanct Martini Tag/
Wider erleben lahn / ohn Plag.
Da wir ein gute Ganß verzehren/
Der lieb Gott wöll den Wirth verehren.
Mit gutem gsunden langen Leben/
Und ihm viel Glück und Segen geben.
Deßgleichen auch sein Weib und Kindt
Bewahren / samt sein Haußgesindt:
Und geben was ihnen ist nutz/
Damit sie stets in seinem Schutz/
Frey leben / ohn alle Gefahr/
Auff saß wir wider obers Jahr/
Also mögen kommen zusammen:
Den Herrn Martinum soll man Ehren:
Der uns die Ganß Gibt zu verzehrn.
Wie er gethan hat manches Jahr:
So Thut er auch dißmals fürwar.
Samblet die obrigen Procken fein/
Daß nichts umbkomm vom Gänselein.
Dann was wir heut nit mögen Essen/
Daß wolln wir morgen nicht vergessen.
Die Messer wolln wir liegen lan/
Damit wir mögenorsach han/
Andiesen Ort wider zukommen/
Zu unserm Herrn Martin dem frommen/
Der uns / zu ehren seinen Namen/
Die Ganß gab / Gott vergelts ihm / Amen



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4 Kommentare
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Carmen Harms aus Hagen | 12.11.2016 | 21:24  
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Günter van Meegen aus Bedburg-Hau | 12.11.2016 | 23:51  
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Klaus Neumann aus Kleve | 13.11.2016 | 09:10  
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Jochen Menk aus Oberhausen | 13.11.2016 | 11:35  
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