Joachim Hermann Luger: Seit 50 Jahren auf der Bühne

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Joachim Hermann Luger genießt das Bochumer Kulturleben: Hier getroffen bei "Alceste" (Ruhrtriennale) an der Jahrhunderthalle.
 
Mit "Wir sind die Neuen" feiert Joachim H. Luger sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. Das Foto zeigt Lutz Reichert, Simone Retel und Jubilar Luger (v.l.) nach der Premiere.
 
Joachim Hermann Luger beim Interview.
Bochum: Jahrhunderthalle Bochum | Bochums Lindenstraßen-Star Joachim H. Luger spielt nebenan in Essen Boulevard:

Wer ist a) „Kulturbotschafter des Ruhrgebiets“ aus Bochum auch für 2010, b) rentenerkrankter Münchner Sozialarbeiter und c) als lachsalven-erntender Boulevard-Schauspieler Alt-68er und WG-Bewohner?

Einst in Essen, dann in Bochum jeweils Mitglied im Schauspiel-Ensemble: „Vater Beimer? Der ist aus Bochum!“ Eingefleischte Lindenstraßen-Fans wissen das. Als letztes Jahr im Kölner WDR-Freilicht-Studio Bocklemünd 30jähriges Dreh-Jubiläum gefeiert wurde, kam besonders viel Fan-Post aus Bochum und dem Revier.

Denn in Bochum lebt Schauspieler Joachim Hermann Luger nun auch schon seit über drei Jahrzehnten. Und damit jetzt zur Eröffnung unseres Musikforums bei den Essener Nachbarn kein Neid aufkommt, hat Bochum „den Luger“ sozusagen als Kulturbotschafter in die Nachbarstadt geschickt. Wo er als Hauptrolle in der Bühnenfassung des Erfolgsfilms „Wir sind die Neuen“ die neue Ära am Rathaus-Theater eröffnet.

Und weil er sonst fast zwischen Kölner Lindenstraßen-Drehs und Stückproben sein eigenes 50-jähriges Bühnenjubiläum (!) vergessen hätte, haben wir uns mit dem Bochumer getroffen. Halt in Essen, wo er bis 13. November an seine lange zurückliegenden auch dortigen Theater-Erfolge anknüpft.

Die Premiere „Wir sind die Neuen“ passt als Komödie hier ganz besonders. Weil sich damit auch der neue Privat-Theater-Chef René Heinersdorff (RTL-„Camper“) als Regisseur seinem neuen Revier-Publikum treffend vorstellt. Und der will nun auch die „Metropole Ruhr“ mit Schauspielern und Stücken „versorgen“, für die man sonst weit Richtung Bundeshauptstadt fahren müsste. Klar, dass der in Berlin aufgewachsene Luger hier unweit seines schon jahrzehntelangen Wohnorts Bochum (im Viertel am Schauspielhaus, wo sonst?) gleich mit an Bord war, es kommen auch Zuschauer von hier.

Leidenschaft für die leichte Muse

Wer weiß schon, dass der leidgeprüfte „Vater Beimer“ (in der Lindenstraße unheilbar an Parkinson erkrankt) ausserhalb der berühmten TV-Rolle als Bühnenschauspieler auch in der leichten Muse mehr als zu Hause ist? Der gelernte Bühnen-Schauspieler Luger liebt Operetten, Musicals und Komödien. Und kann auch, wie er selber sagt, „ganz manierlich singen“. Was er zB in „Frau Luna“, im „Weißen Rössl“, „Hello Dolly“ oder in „Cabaret“ im Essener Grillotheater oder im Bochumer Schauspielhaus in der „Fledermaus“ (Regie Adolf Dresen) und in der „Drei Groschen Oper“ bewiesen hat. Beliebtes und geschätztes Festspiel-Ensemble-Mitglied war er auch in Bad Hersfeld, wo er für die Rolle des „Schneider Mottel“ in „Anatevka“ den Darstellerpreis erhielt.

Der bekennende – na klar, neben der erstem Liebe Berlin! - Revier-Bürger nimmt regen Anteil am Bochumer Kulturleben, möglichst inkognito, versteht sich. Luger liebt die Ruhrtriennale, ihr Zentrum Jahrhunderthalle und freut sich auf die Ära Simons. Und kann ja meistens abends im Publikum zu Vorstellungszeiten hier sein, schließlich wird die Münchener Lindenstraße direkt an der Autobahn im Norden Kölns gedreht. Bei den aktuellen Bochum-Events aber klappt das nicht, da steht er ja in der Nachbarstadt auf der Bühne!

Im Erdgeschoss-Theater des Essener Rathauses ist ihm die Rolle des stets an hoffnungslosen Fällen interessierten Alt-Achtundsechziger-Anwalts auf den - noch immer - schlanken Leib geschrieben. Wenn er den zu Santana-Hammerhits vom Plattenteller beim Senioren-WG-Revival in Stellung bringt und mit „Windmühlen-Armen“ wie früher abrockt, bleibt kein Auge trocken. Und auch die sattesten Lacher (überwiegend weiblich) sahnt der Joachim ab, schon vom ersten Auftritt an.

Die langweiligen Nerd-Nachbarn der jüngsten Studenten-Labtop-Generation haut es bei dieser lauten Senioren-WG aus den Socken mitten im Lernstress. Natürlich lassen die „Alten“ - Luger, Lutz Reichert und als Dritte im Bunde Simone Rethel - die Jungen nicht hängen. Auch wenn sie sich zusammen mit dem feiernden Publikum die eine oder andere Schadenfreude nicht verkneifen können. Für Luger ein besonders großes Fest, Abend für Abend noch bis 13. November im Rathaustheater Essen. (Und ab 18. November im Theater an der Kö in Düsseldorf).

Der Hauptmann von Köpenick fehlt noch

Drei Fragen an Joachim Hermann Luger:

Schwer, sich von Hans Beimer in die Rolle des Alt-68ers und WG-Bewohners zu versetzen? Schließlich wird tagsüber ja auch parallel gedreht!

Joachim H. Luger: Überhaupt nicht schwer. Und ich weiß, wovon ich rede, mit allen Verwicklungen und Katastrophen: Eine meiner WGs hatte ein bescheuertes Klingel-System, pro Zimmer-Nr einmal Klingeln! Nur hatten wir insgesamt 7 Zimmer! Das hat natürlich nie geklappt, weil niemand ernsthaft mitgezählt hat, ist entweder keiner oder sind alle zur Tür gerannt. Während sich um die Geschirrberge, ein wahrer Alptraum, keiner gekümmert hat. Auch ich nicht…Spülmaschinen waren unbezahlbar! Da leben heutige WGs wie die Götter!

Zurück zum Theater...?

Luger: Das Stück macht ehrlich gesagt einfach großen Spaß, und ich fühl mich in unserem kleinen Ensemble sehr wohl. Regisseur und Theaterchef „Robbi“ Heinersdorff ist ja selbst Kollege und weiß, wie „wir Bühnentiere“ ticken. Wir arbeiten nicht zum ersten Mal zusammen: Er läßt uns Raum.

Und die Wunsch-Bühnenrolle? Etwas, was „JHL“ schon immer spielen wollte?

Luger: Was soll ein Schauspieler darauf antworten? Die nächste Rolle ist ja immer die Lieblingsrolle! Doch - mein Herz hängt an den sogenannten „kleinen Leuten“. Wenn ich so nachdenke, ich glaube, ich muss mal meine Agentur wissen lassen, dass ich schon gern mal den Hauptmann von Köpenick spielen möchte. Die Geschichte ist einfach ganz großartig und zeigt die Absurdität von Bürokratie und Obrigkeitshörigkeit. Und das Thema ist hochaktuell:
Wer keine Papiere hat, bekommt keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit, keine Zukunft. Ein Teufelskreis, aus dem der vorbestrafte Schuster Voigt ausbrechen kann, weil ihm zufällig eine Uniform in die Hände fällt. Da geht er los, spielt eine Rolle, nimmt Soldaten unter sein Kommando und besorgt sich die Papiere im Rathaus.“.

Also sprach der fernsehgestählte „Vater Beimer“ als umjubelter Bühnen-Schauspieler im Essener Rathaus. In der Stadt gleich nebenan, in der er auch jahrelang auf der Bühne stand, bevor er sich - wie Jahrzehnte später viele in der Ära Weber - nach Bochum verbessern konnte. Einst, als es die Lindenstrasse noch nicht einmal gab, also vor Beginn der Zeitrechnung. Ein herzliches Toi Toi Toi Abend für Abend, zurück auf den Theaterbrettern im Revier, Joachim Hermann Luger!
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