Schauspielhaus widmet sich in einer Veranstaltungsreihe dem Verhältnis der Generationen

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Auch das Stück „Leas Hochzeit“ ist im Rahmen der Themenwoche zum Dialog der Generationen zu sehen. Die Handlung ist in den Niederlanden der siebziger Jahre angesiedelt. (Foto: Archiv)

„Wir verzichten auf ein klassisches Spielzeitthema, haben aber festgestellt, dass es thematische Fäden gibt. Einer davon ist der Dialog der Generationen, der in vielen unserer Produktionen eine Rolle spielt“, so Olaf Kröck, geschäftsführender Dramaturg des Schauspielhauses.


Dabei hat Kröck schon die Premiere von Alan Ayck-
bourns Gesellschaftssatire „Familiengeschäfte“ am 30. Januar im Auge: „Da geht es um das Vererben eines Familienunternehmens.“ Einstimmen können sich die Zuschauer aber bereits bei einer Veranstaltungsreihe, die am Dienstag, 12. Januar, beginnt und bis zum 17. Januar dauert. Sie steht unter dem Motto „Talking ´bout your generation“.
Zum Auftakt wird am 12. Januar Verena Meyers intergeneratives Theaterstück „Proberaum Leben“ gezeigt, das bereits mehrere erfolgreiche Aufführungen im Theater Unten erlebt hat. Im Kino Endstation in Langendreer ist der Dokumentarfilm „Stories we tell“ der aus Kanada stammenden Regisseurin Sarah Polley zu sehen.
Das Kino im Bahnhof Langendreer ist in die Gestaltung des Veranstaltungsreigens eingebunden. „Der Film ermöglicht einen erweiterten Blick auf die Thematik. Daher die Kooperation mit Bochums bestem Kino“, begründet Kröck die Zusammenarbeit
Unterstützung erhält das Schauspielhaus auch von der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets. Im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets gibt es am Mittwoch, 13. Januar, den Vortrag „Zwischen Kriegern, Küche, Kirche und Kraut“. Aufschlussreicher ist der Untertitel: „Die Manöver einer südhessischen Mutter im Ersten Weltkrieg“.
Stefan Berger ist Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets. An der Ruhr-Universität lehrt er als Professor für Sozialgeschichte. „Der Erste Weltkrieg kann als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts gelten“, betont er. Spätestens hier wird klar, worum es in der Veranstaltungsreihe auch geht: eine Betrachtung des Verhältnisses der Generationen im Wandel der Zeit.
„Zwischen Kriegern, Küche, Kirche und Kraut“ bietet eine Lesung und ein Gespräch in deutscher Sprache. Neben Berger ist David A. Jackson, bis zur seiner Emeritierung Professor an der Universität Cardiff, beteiligt. Die Lesung bestreitet der Schauspieler Klaus Weiss. Berger erklärt, inwieweit die Veranstaltung etwas Ungewöhnliches zu bieten hat: „Ego-Dokumente wie Tagebücher und Memoiren stammen fast immer aus dem bürgerlichen Milieu. Wir rekonstruieren dagegen anhand eines Briefwechsels den Alltag im bäuerlichen Umfeld.“
Im Anschluss ist das Stück „Im Westen nichts Neues“ zu sehen – ausnahmsweise in den größeren Kammerspielen und nicht im Theater Unten. Es handelt sich um eine Dramatisierung des berühmten Romans von Erich Maria Remarque über den Ersten Weltkrieg.
Am Donnerstag, 14. Januar, ist die Inszenierung „Leas Hochzeit“ erneut in den Kammerspielen zu sehen. Das Stück thematisiert die Auswirkungen des Holocaust auf jüdische und nichtjüdische Familien in den Niederlanden. Im Anschluss ist ein Publikumsgespräch mit der Verfasserin des Dramas, Judith Herzberg, geplant, das Olaf Kröck moderieren wird. „Herzberg ist mittlerweile 81 Jahre alt, ist aber immer noch eine extrem wache Person“, gibt er einen Ausblick, „das Gespräch findet in deutscher Sprache statt.“
Am Freitag kommen dann wieder die Freunde des Dokumentarfilms auf ihre Kosten. Der österreichische Regisseur Paul-Julien Robert präsentiert im Endstation-Kino „Meine keine Familie“. Er kam 1979 auf dem Friedrichshof im burgenländischen Zurndorf zur Welt. Es handelte sich um das Hauptquartier der Kommune des Aktionskünstlers Otto Mühl. Diese reichianisch inspirierte Gemeinschaft wurde als Aktionsanalytische Organisation (AAO) bekannt. Sie wollte Zweierbeziehungen und die Kleinfamilie abschaffen. Schauspielhaus-Dramaturg Alexander Leiffheidt, der das anschließende Publikumsgespräch moderiert, verweist auf einen besonderen Aspekt, der vielen im Zusammenhang mit Otto Mühl noch im Gedächtnis sein dürfte: „Er wurde 1991 wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Es geht also darum, dass das Kommune-Experiment, das im Grundsatz durchaus seine Berechtigung hatte, auf furchtbare Weise schiefgegangen ist.“
Mühl wurde verurteilt und lebte nach Verbüßung seiner siebenjährigen Haft in Portugal, wo er 2013 starb. „Roberts Film“, so Leiffheidt, „gibt Einblick in eine Kommune mit sektenartigen Zügen. Sie propagierte freie Sexualität und Gemeinschaftseigentum. Dabei ist der Film als Blick auf die eigene Vergangenheit konzipiert.“ Der Regisseur Paul-Julien Robert nimmt am Publikumsgespräch zu seinem Film teil.
Aus diesem Anlass kommt auch der Dramatiker Reto Finger nach Langendreer, dessen Vater Mitte der siebziger Jahre einer Kommune im Berner Jura vorstand. Leiffheidt zeigt auf: „Finger lernte Mühl in seiner Zeit in Portugal kennen und nimmt ihn stärker als Robert als Künstler in den Blick, dessen Werk sich durchaus losgelöst von seinem sonstigen Wirken betrachten lässt.“
Olaf Kröck verweist auf die besonderen Angebote, die Eltern und Kinder bzw. Großeltern und Enkel am Samstag erwarten. Für zwei der drei Workshops an diesem Tag gibt es noch freie Plätze. Treffpunkt ist jeweils im Kassenfoyer.
Plätze gibt es noch für den Workshop „Alles in Bewegung“ für Großeltern und ihre Enkel, die sich tänzerisch begegnen und sich in der Bewegung neu kennenlernen können. Die Anleitung übernimmt der Tänzer Frederik Rohn, der in der Produktion „Einer flog über das Kuckucksnest“ die Rolle des Mc Murphy ausfüllt.
Auch der Theater-Workshop „Der alltägliche Wahnsinn“ für die ganze Familie hat noch freie Kapazitäten. Geleitet wird er von der Regisseurin Martina van Boxen, die dem Jungen Schauspielhaus vorsteht. Im Workshop will sie gemeinsam mit den Teilnehmern die Theatralik in alltäglichen Familiensituationen aufspüren. Es werden kleine Szenen entwickelt, die komisch oder traurig sein können.
Erwachsenen wird im Foyer des Schauspielhauses am Samstag ein besonderer Vortrag geboten. „Armutsforschung ist relativ verbreitet“, sagt Alexander Leiffheidt, „dagegen lassen sich Eliten nur ungern in die Karten schauen. Wir freuen uns deshalb besonders, den renommierten Elitenforscher Michael Hartmann gewonnen zu haben.“
Der Soziologe war bis 2014 Professor an der Technischen Universität Darmstadt. In seinem Vortrag „Macht, Eliten und Familie“ befasst er sich mit mächtigen Familienclans der Gegenwart. Schließlich spielen Familienunternehmen in der deutschen Wirtschaft eine große Rolle. Die zentrale Frage lautet also: „Werden wir von einem neuen Geldadel regiert?“
Wer möchte, kann im Anschluss das Repertoire-Stück „Don Karlos. Infant von Spanien“ erleben. Auch das Schiller-Drama wirft ein Schlaglicht auf das Verhältnis von Eltern und Kindern.
Ihren Abschluss findet die Reihe „Talking ´bout your generation“ am Sonntag mit einer Vormittagsveranstaltung. Unter dem Motto „Die deutsche Mutter und ihre überbehüteten Kinder“ kommt das Institut für Erziehungswissenschaft der Ruhr-Universität ins Spiel, das sich ebenfalls an der Programmplanung beteiligt hat. Till Kössler, Professor für die Geschichte des Aufwachsens und der Erziehung an der RUB, diskutiert mit der Historikerin und Journalistin Miriam Gebhardt. Worum es geht, verrät auch hier der Untertitel des Veranstaltungsmottos: „Über 100 Jahre Erziehungsratgeber und die Permanenz der Überforderung“.
Es soll ausgelotet werden, ob Erziehungsratgeber das Zusammenleben verbessern oder Eltern mit ihren Ansprüchen eher verunsichern und überfordern. Aus Erziehungsratgebern verschiedener Abschnitte des vergangenen Jahrhunderts lesen Schauspieler verschiedener Generationen. Beteiligt sind August Kuhn, Veronika Nickl, Rosina Saringer und Klaus Weiss.
Kössle,der sich intensiv mit der Geschichte von Kindheit und Familie in den europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts beschäftigt hat, erläutert: „Die Ratgeber des 20. Jahrhunderts werden heute teilweise sehr kritisch gesehen. Zu denken ist dabei an das weit verbreitete Werk von Johanna Haarer.“ Die Medizinerin prägte die nationalsozialistische Erziehungsliteratur. Im Jahre 1934 veröffentlichte sie das Werk „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. In von offensichtlich nationalsozialistischer Terminologie befreiter Form wurde der Ratgeber nach 1945 in den Westzonen und später in der Bundesrepublik wieder aufgelegt. „Im Kern“, so Kössler, „blieb der Inhalt unverändert.“ So konnte die Schrift Mütter der Kriegs- und Nachkriegsgeneration beeinflussen – unter dem nur leicht veränderten Titel „Die Mutter und ihr erstes Kind“.

Termine

Am Dienstag, 12. Januar, gibt es im Endstation-Kino im Bahnhof Langendreer, Wallbaumweg 108, um 20 Uhr den Dokumentarfilm "Stories we tell" zu sehen. Das Schauspielhaus, Königsallee 15, präsentiert im Theater Unten um 19 Uhr das Stück "Proberaum Leben".
 Am Mittwoch, 13. Januar, beginnt um 18 Uhr der Vortrag „Zwischen Kriegern, Küche, Kirche und Kraut“ im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets, Clemensstraße 17-19. Der Eintritt ist frei. Ab 20 Uhr wird in den Kammerspielen des Schauspielhauses, Königsallee 15, das Stück „Im Westen nichts Neues“ gezeigt.
 Am Donnerstag, 14. Januar, gibt es die Gelegenheit, „Leas Hochzeit“ zu sehen – und zwar um 19.30 Uhr in den Kammerspielen. Anschließend findet ein Publikumsgespräch mit Judith Herzberg statt.
 Der Dokumentarfilm „Meine keine Familie“ läuft am Freitag, 15. Januar, um 20 Uhr im Endstation Kino, Wallbaumweg 108. Im Anschluss gibt es ein Publikumsgespräch mit Paul-Julien Robert und Reto Finger.
 Der Samstag, 16. Januar, ist zum Tag der Generationen erklärt worden. In zwei Workshops gibt es noch freie Plätze. Um 12 Uhr beginnt der Tanz-Workshop „Alles in Bewegung“ für Großeltern und ihre Enkel. Um 13 Uhr geht der Theater-Workshop „Der alltägliche Wahnsinn“ für die ganze Familie an den Start. Die Teilnahme an den Workshops ist kostenlos. Allerdings ist eine Anmeldung an der Theaterkasse erforderlich. Treffpunkt für die Workshops ist im Kassenfoyer.
 Ebenfalls am Samstag, 16. Januar, findet der Vortrag „Macht, Eliten und Familie“ statt. Los geht es um 18.30 Uhr im mittleren Foyer des Schauspielhauses. Der Eintritt ist frei. Im Anschluss wird um 19.30 Uhr das Repertoirestück „Don Karlos. Infant von Spanien“ gezeigt.
 Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe gibt es am Sonntag, 17. Januar, um 11 Uhr die Matinee „Die deutsche Mutter und ihre überbehüteten Kinder“. Der Eintritt ist frei. Platzkarten gibt es an der Theaterkasse.
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1 Kommentar
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Roland Bösel aus Iserlohn | 11.01.2016 | 18:42  
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