Großbrand im Bergmannsheil

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Die Schäden am Gebäude "Haus 1" summieren sich auf einen dreistelligen Millionenbetrag. (Foto: Lauke Baston)
 
Die Rettungskräfte waren voll gefordert. (Foto: Lauke Baston)

Großbrand im Bergmannsheil. In der Nacht zum vergangenen Freitag, 30. September, brach ein Feuer im sechsten Obergeschoss von "Haus 1" aus.

Noch bis zum Beginn dieser Woche kam es im betroffenen Gebäude 1 des Universitätsklinikums im Dachgeschoss zu Rauchentwicklungen, ausgelöst durch weiterhin schwelende Glutnester. So gingen am Sonntag, 2. Oktober, kurz vor 17 Uhr mehrere Anrufe bei der Leitstelle der Feuerwehr ein. Der zuständige Löschzug der Feuer- und Rettungswache zwei konnte den Brand schnell löschen. Zum weiteren Lokalisieren und Ablöschen der Brandnester setzten die Einsatzkräfte eine Wärmebildkamera ein.
Insgesamt waren es mehr als 400 Einsatzkräfte, die seit dem Alarm in der Nacht zum Freitag Dienst taten. Zwei Todesopfer forderte das Unglück. Die sieben Schwerverletzten wurden mit dem Hubschrauber in andere Kliniken gebracht. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr und das Klinikpersonal haben insgesamt 124 Personen gerettet.
Die Schwerverletzten sind mittlerweile außer Lebensgefahr. Insgesamt erlitten neun Menschen schwere Rauchvergiftungen, sie wurden in Spezialkliniken behandelt.

Kein Matratzen- oder Bettenlager


Der Ermittlungsstand am gestrigen Dienstag, 4. Oktober: Das in einem Patientenzimmer ausgebrochene Feuer übertrug sich in kurzer Zeit auf das direkt darüber liegende Dach des Gebäudes und breitete sich, vermutlich durch eine "Kaminwirkung" innerhalb des Daches, sehr schnell auf den gesamten Dachstuhl aus. Erste Meldungen, wonach sich die weitere rasche Brandwirkung unter Umständen auch durch ein im Dachgeschoss befindliches Matratzen- oder Bettenlager erklären lässt, stimmen nicht. Ein solches Lager ist dort nicht vorhanden.

Suizidale Absicht einer 69-jährigen Frau


Eine 69-jährige Frau und ein 41-jähriger Mann kamen in den Flammen ums Leben. In die polizeilichen Ermittlungen ist ein externer Brandsachverständiger eingeschaltet worden. Es hat sich herausgestellt, dass sich die 69-jährige Hagenerin in ihrem Krankenzimmer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in suizidaler Absicht mit dort vorhandenem flüssigen Desinfektionsmittel übergossen und angezündet hat. Durch die Einwirkung der Rauchgase kam der im Nachbarzimmer untergebrachte bettlägerige Patient aus Marl ebenfalls zu Tode.
Technische Untersuchungen zum Nachweis des erwähnten Desinfektionsmittels dauern zurzeit noch an.
Am und im "Haus 1" entstand ein schwerer Gebäude- und Inventarschaden, der im dreistelligen Millionenbereich liegen könnte.

Krankenschwester via Facebook


Via Facebook meldete sich Andrea F., Krankenschwester im Bergmannsheil, zu Wort. Was sie dort schrieb, lesen Sie hier in Auszügen.
"Seit fast 20 Jahren ist Bochum meine Heimat und ich arbeite seitdem im Bergmannsheil in der Unfallchirurgie als Krankenschwester. Ich habe den Post hier hochgeladen, weil mir neben den überwiegend tollen positiven, lobenden, tröstenden und bestärkenden Kommentaren auch immer wieder Unverständnis über die Situation geäußert wurde, wie zum Beispiel: 'Warum hat man der Patientin nicht eher die Suizidneigung angemerkt' oder 'Wieso konnte das Feuer so ausarten, wo war das Pflegepersonal?' Diese Fragen haben mich doch ziemlich aufgewühlt und ich möchte unmissverständlich zum Ausdruck bringen, dass alle meine Kollegen unter diesen Umständen richtig gehandelt haben und das sollte auch niemand anderes anzweifeln.
Deshalb habe ich mich entschieden, den Bochumern mal einen Einblick in die Gedanken vieler meiner Kollegen zu geben, die mir zu verstehen gegeben haben, dass sie meine Auffassung teilen.
(...) Diese Geschichte ist mal ein richtig schwerer Schlag für unser Haus.
Unbestritten, es ist schön zu sehen, wie so ein Unglück alle Mitarbeiter näher zusammenrücken lässt und sich Kollegen gegenseitig unterstützen und füreinander da sind. Es wäre schön, wenn diese Harmonie von Dauer wäre, zu oft spielen wir im Alltag Kompetenz-Ringelpiez zwischen verschiedenen Abteilungen und einige bekommen auf dem Flur auch kein 'Guten Morgen' raus, obwohl man sich schon seit Jahren immer morgens an derselben Stelle begegnet.
Es ist eine Tatsache, dass alle Mitarbeiter und Retter in dieser schlimmen Nacht alles gegeben haben und nicht nur meine, sondern ganz Bochums absolute Helden sind!
Es kann aber auch keiner abstreiten, dass wir hier haarscharf an einer absoluten Katastrophe mit weitaus schlimmerem Ausgang vorbeigeschrammt sind.
Da war nicht nur eine ordentliche Portion Glück dabei, sondern wir haben in Extremform gesehen, was Mitarbeiter im Bergmannsheil, Feuerwehrmänner und alle anderen in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und, und, und täglich machen:
Sich für kranke Menschen, ohne Rücksicht auf sich selbst, den Arsch aufzureißen! Sorry für den unseriösen Kraftausdruck, aber besser bringe ich es nicht auf den Punkt.
Und in dieser Nacht bedeutete ohne Rücksicht auf sich selbst auch: ohne Rücksicht auf die eigene körperliche Unversehrtheit. Und wie durch ein Wunder hielten sich körperliche Verletzungen in Grenzen.
Jetzt kommen wir mal zu dem, was so ein Ereignis seelisch mit einem macht.
Ich schrieb es Freitag morgen schon einmal: Ein Feuer im Krankenhaus ist ein Albtraum und eine Katastrophe, die sich durch gegebene Umstände aber in unserem Fall bis zum Super-GAU gesteigert hat: Es brennt nachts, es brennt auf einer Station in der sechsten Etage im ältesten Teil der Klinik, in dem die mit am schwierigsten zu evakuierenden Patienten liegen. Es brennt, weil ein Mensch sich selber angezündet hat.
Klingt für mich nicht nach Ernstfall, sondern nach Horrorfilm. Und in Anbetracht dieser Tatsachen frage ich mich, wie geht es weiter? Patienten und Retter haben in dieser Nacht die allerschlimmsten Ängste ausgestanden und Schreckliches erlebt. (...) Ich hoffe sehr, dass allen Beteiligten dieses Unglücks seitens des Hauses Unterstützung und Hilfestellung angeboten wird, um das zu verarbeiten.
Und weitermachen wie bisher? In meinen Augen nicht angebracht. Es wird vielleicht mal Zeit, über einige Dinge nachzudenken und Lehren und Konsequenzen aus diesem Unglück zu ziehen.
Angefangen beim Nachtdienst, der auf den meisten peripheren Stationen immer noch alleine bis zu 40 Patienten über die Nacht bringen muss. Ich mache zwar keinen Nachtdienst mehr, habe ihn aber lange genug auf der alten C4 und der 3.4 gemacht und zum Ende des Dienstes war ich oft einfach nur dankbar, dass zumindest alle Patienten die Nacht überlebt haben.
Demografischer Wandel und Alterspyramide, davon haben die Pflegenden in den letzten 15 Jahren ziemlich viel und die Pflegepersonalregelung dafür aber so gar nichts mitbekommen.
Vor Jahrzehnten haben Pflegende vielleicht nachts noch in Ruhe Zeitung lesen oder Socken stricken können, mittlerweile hast du im Nachtdienst oft nicht mal die Zeit, in Ruhe aufs Klo zu gehen.
Die Anforderungen sind höher, denn das Patientenklientel verwandelt sich zunehmend in geriatrische multi-morbide Demenzerkrankte oder in mittelalte beratungsresistente Patienten vom Typ anspruchsvoller Dauernörgler, der sich selber für seine Gesundheit nicht verantwortlich fühlt, sondern alle anderen im Hotel äh, nee, Krankenhaus mal für sich machen lässt.
Und da wären wir auch direkt beim nächsten Punkt, der mir überdenkenswert scheint: Das Bergmannsheil ist eines der größten Traumazentren in NRW, gleichzeitig auch BG Klinik. Notfallpatienten, die zu uns kommen, bringen nicht nur ein physisches Trauma mit, sondern haben oft auch ein seelisches Trauma, jeder bringt seine eigene Geschichte mit.
Bei dem einen ist es schnell wieder ins Lot gebracht. Aber es gibt viele andere Fälle, in denen Patienten sehr an ihrem Unfallhergang, ihrer Diagnose, ihrem Therapieverlauf mit Komplikationen zu knacken haben. Einen Stab von Psychologen oder Gesprächstherapeuten sucht man bei uns aber vergebens.
Wie werden wir denn so dem in unserem Leitbild angeführten 'ganzheitlichen Ansatz gemäß dem gesetzlichen Auftrag Helfen und Heilen mit allen geeigneten Mitteln' gerecht?
Und wenn wir von ganzheitlich sprechen, dann geht es nicht nur um eine gute stationäre Versorgung sondern auch darum, dafür Sorge zu tragen, dass jeder Patient gut informiert in eine für ihn geeignete Umgebung entlassen wird.
(...) Ich glaube, ich weiß wie ich weitermache: Heute Abend gehe ich zum letzten Mal mit dem traurigen Gefühl ins Bett, dass ein wichtiger Teil, auch meiner persönlichen Bergmannsheil-Geschichte, durch den Brand zerstört wurde. Und morgen gehe ich mit dem wohlig-warmen Gefühl zur Arbeit, dass mich dort alle Menschen wieder erwarten, ohne die das Haus nicht wäre, was es ist: unser Bergmannsheil.
Damit meine ich auch die, die konsequent nicht grüßen.
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2 Kommentare
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Harald Will aus Gladbeck | 06.10.2016 | 12:42  
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Heinz Kolb aus Gelsenkirchen | 06.10.2016 | 18:17  
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