Willkommenskultur in Bochum: Drei Flüchtlinge berichten, wie sie jetzt leben und wie sie sich in unserer Stadt fühlen

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Angela Siebold hat einem syrischen Flüchtlingspaar die Türen zu ihrem Zuhause geöffnet. Eine Bereicherung ist das für alle drei. (Foto: Molatta)
 
Ein ganz unkompliziertes Zusammenleben herrscht bei Angela Siebold (l.), Noura und Abdalhaseeb. Letzterer musste ein Vorurteil revidieren: „Ich habe nicht erwartet, dass die Familie hier einen so hohen Stellenwert hat wie in Syrien. Das ist schön.“ (Foto: Molatta)

„Es kann nicht sein, dass Menschen in Turnhallen hausen müssen, und ich alleine in einer großen Wohnung lebe“, findet Angela Siebold. Also nahm sie vor drei Monaten ein junges Flüchtlingspaar aus Syrien bei sich auf, das inzwischen zur Familie gehört.

Von Carolin Wiemers

Die beiden Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, der Ehemann vor zwei Jahren leider verstorben - Angela Siebold hat viel Platz in ihrer Wohnung nahe des Stadtparkes. Und gibt Noura Taza und Abdalhaseeb Hajzain ein neues Zuhause.
Das junge Ehepaar ist begeistert von Bochum. „Wir haben bisher nur nette Menschen getroffen und fühlen uns sehr wohl“, sagt Abdalhaseeb mit leuchtenden Augen.
Das liegt natürlich zum einen an der herzlichen Aufnahme durch Angela Siebold. Zum anderen aber auch an den Bochumern an sich, denn in Dortmund – dort wohnte das Paar nach seiner Ankunft in Frankfurt zunächst für 20 Tage – sei die Atmosphäre nicht so freundlich gewesen.
Abdalhaseeb ist vor vier Jahren aus Syrien in den Libanon geflüchtet. Als Architekturstudent demonstrierte er gegen das Regime und wurde verhaftet. Einen Monat lang blieb er in Haft, wurde der Universität, an der er auch einen Job hatte, verwiesen. Die ganze Familie geriet daraufhin unter Druck, wurde immer wieder von Regime-Getreuen „besucht“. Zur eigenen Sicherheit und der seiner Familie verließ er das Land, konnte im Libanon als Architekt arbeiten. Seine heutige Ehefrau kam im Oktober nach. Als sie genügend Geld gespart hatten, machten sie sich auf den Weg nach Deutschland.
Eingereist sind die beiden ganz legal mit Studenten-Visa. Dazu brauchten sie jemanden, der ihnen eine Verpflichtungserklärung ausstellt. Damit verpflichtet sich eine Person, für eine andere ein Jahr lang finanziell aufzukommen, damit dem Staat keine Kosten entstehen.
Das Geld dafür hat Abdalhaseeb im Libanon verdient. Für ein selbstständiges Leben reicht es nicht, weshalb er und Noura froh sind, bei Angela Siebold wohnen zu dürfen.
„Die beiden sind sehr fleißig“, lobt Siebold, die sich auch als Vorsitzende des Frauenbeirates der Stadt engagiert, ihre Gäste. „Von montags bis freitags haben sie täglich fünf Stunden Deutschunterricht. Den Sprachkurs bezahlen sie selbst. Abends üben sie dann weiter.“ Der Plan des Paares: ab dem nächsten Sommersemester im Master Architektur zu studieren.
Gerne würden sie vorher bei einem Praktikum Berufserfahrung in Deutschland sammeln. Architekturbüros können sich dazu per Mail an siebold@siebold-coaching.de melden.
Zurück nach Syrien wollen sie nicht. „Unsere Heimat ist zerstört“, stellt der 27-jährige Syrier traurig klar.
Zurück an die Uni möchte auch der 20-jährige Bassel Ibrahim, der sich in Bochum ebenfalls wohl fühlt. Er ist seit anderthalb Jahren in Deutschland, flüchtete über die Türkei aus Syrien. Vor seiner Flucht hat er schon zwei Jahre Maschinenbau studiert. Das möchte er nicht weitermachen, sondern vielleicht in Richtung Pharmazie gehen.
Untergekommen ist Bassel im Wohnzimmer von Uli Pieper, Vorstand der Ifak. Pieper sieht den jungen Mann eher in der Sozialen Arbeit. „Bassel organisiert unheimlich viel für andere Flüchtlinge“, berichtet er beeindruckt. „Er bringt Möbel von A nach B und ist ständig im Einsatz.“ Hilfreich ist es dabei, dass er sowohl Arabisch als auch Kurdisch spricht.
Der Großteil der Verwandten der drei Flüchtlinge ist noch in Syrien. Kontakt zu halten ist schwierig, da es dort oft nur eine Stunde am Tag Strom gibt. Bassel hört nur einmal im Monat etwas von seiner Familie. Trotz aller Probleme stecken die drei den Kopf nicht in den Sand, sondern blicken nach vorne, schmieden Zukunftspläne. „So engagierte, gut ausgebildete junge Leute sind eine Bereicherung für Deutschland“, findet Angela Siebold. „Viele Flüchtlinge sind zum Nichtstun verdammt, das kann nicht gut gehen!“, schildert sie Befürchtungen.
Daher ist es so wichtig, dass von den Bochumern Angebote kommen, etwas mit Flüchtlingen zu unternehmen. „Die Spendenbereitschaft in Bochum ist sehr groß“, freut sich Uli Pieper über die gelebte Willkommenskultur. „Sachspenden von guter Qualität bekommt die Ifak und ehrenamtliche Angebote, zum Beispiel mal eine Radtour zu unternehmen.“ Mehr Hilfe bräuchte die Ifak bei der Wohnungssuche. Angela Siebold fügt hinzu: „Es wäre auch schön, wenn sich Psychotherapeuten melden würden, die Flüchtlingen ehrenamtlich helfen, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten.“ Irgendetwas kann jeder tun, rufen Pieper und Siebold ihre Mitbürger auf, sich einfach mal einzubringen.
Die Ifak ist unter Tel.: 67221 zu erreichen.
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