Zwischen Schlagbohrer und Spülkasten - Das vermeintliche „Männerreich“ Baumarkt fest in weiblicher Hand

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Ratzfatz ist der Waschtisch von der Wand - und hinterher auch wieder komplett montiert: Corinna Osman (l.) und Susanne Kretzschmar packen an - und haben Spaß dabei.
 
Beim ersten Mal braucht Zaneta Heuchert noch zwei Versuche, bevor sich die Fliese dem Schneider ergibt. Beim zweiten Anlauf klappt‘s sofort.
Die einen kommen in Sommerkleidchen und Flip-Flops, die anderen in farbverschmierter Latzhose und Sicherheitsschuhen. Und es werden immer mehr. Über 200 Frauen zwischen 18 und 66 sind es schließlich bei der ersten „Womens Night“ im nigelnagelneuen „Bauhaus“ an der Hofsteder Straße. Ich bin eine davon. Noch bevor die ersten Kunden regulär aus Fliesen, Flachzangen, Feuchtraumpanelen & Co. auf über 15.000 Quadratmeter Verkaufsfläche auswählen können, haben wir Damen an diesem Abend den Baumarkt ganz für uns allein. Ich kenne genügend Männer, die allein bei der Vorstellung feuchte Augen kriegen. Denen bleibt an diesem Abend wenigstens die Olympia-Eröffnungsfeier in London.

„Kreative Wandgestaltung“, „Schöner Wohnen“ oder „Gartengestaltung“ heißen die Worshops, zu denen frau sich anmelden konnte. Das war‘s dann aber auch schon mit dem „Mädchenkram“. Weiter geht‘s mit „Laminat einfach verlegen“, „Sanitärinstallationen“, „Fliesen verlegen leicht gemacht“ oder dem „Geräteführerschein“. Spätestens bei diesen Disziplinen dürfte jedem spöttelnden Mann das Grinsen vergehen.

Doch bevor es ans Werkzeug geht, geht es für die Teilnehmerinnen zunächst an die Bar - Aperol Spritz und Hausmeister Anton Klopotek sollen für den Warm-up sorgen. Aber darf denn vorher Alkohol trinken, wer später seinen „Geräteführerschein“ an Stichsäge und Schlagbohrer machen will?
„Es ist noch nie Blut geflossen“, versichert Workshopleiter Lars Fieker von „Bosch“ treuherzig. „Da passen wir auf.“ Was nicht immer so einfach ist, denn schließlich sind er und sein Kollege Dieter May dicht umlagert, erklären geduldig, wie die Geräte vor ihnen auf dem Tisch heißen und was man damit alles machen kann, beantworten Fragen und geben Hilfestellung, wenn sich die Teilnehmerinnen zum ersten Mal an Schlagbohrer oder Multifunktionswerkzeug versuchen. „An solchen Abenden lernen wir Männer auch noch was“, schmunzelt Lars Fieker. „Multitaskingfähigkeit nämlich. Die wird uns ja sonst nicht so oft nachgesagt.“

Hanni Elwing ist eine der Damen, die an diesem Abend die Werkzeuge ausprobieren wollen. „Es hat mich schon lange genervt, dass ich immer meinen Mann fragen muss, wenn ich was gemacht haben will“, erklärt sie. Das will sie jetzt ändern. Schnell ergänzt sie: „Das soll sich jetzt nicht so anhören. Mein Mann ist ein Netter, der macht auch viel. Nur Tapezieren, das kann ich auf jeden Fall besser als er.“

Kaum weniger dicht umlagert als die Bosch-Experten ist an diesem Abend Roland Simon. Er soll im Auftrag von „Probau“ erklären, wie Fliesen an die Wand kommen. In guter alter Max-Inzinger-Tradition hat er dafür den Kleber schon mal vorbereitet. „Sonst rennt uns die Zeit davon.“ Ich fühle mich ein wenig an meinen Sushi-Kurs erinnert. Auch da war der Reis bereits vorher fertig. Dabei liegt gerade darin das ganze Sushi-Geheimnis, wie ich hinterher gelernt habe. Taugt der Reis nix, hält auch das Sushi nicht. Ob es so ähnlich bei Fliesen und ihrem Kleber ist?

Beate Danisch und Petra Lackmann betrachten jedenfalls argwöhnisch die Fliesen, die sie gerade an die Wand gebracht haben. Rutschen die etwa? „Die rutschen doch, oder?“ Petra Lackmann bleibt entspannt: „Eigentlich will ich ja zuhause Bodenfliesen verlegen.“ Beate Danisch geht ohne Scheu an die Herausforderung: „Ich traue mich an viele Sachen ran - nur an Kreissägen nicht.“ Zuhause hat sie sogar schon Pflasterarbeiten gemacht - bald soll der Fliesenspiegel in ihrer Küche in Angriff genommen werden.

„Einfach machen“, rät Roland Simon. „Man kann nicht scheitern.“ Schon zum 38. Mal ist er bei einer „Womens Night“ dabei - und ist inzwischen überzeugt: „Workshops für Frauen mache ich lieber.“ Männer und Frauen, das seien eben zwei verschiedene Welten. Auch beim Heimwerken. „Frauen fragen viel mehr. Die fragen Löcher in den Bauch. Fragen sofort nach, wenn sie was nicht verstanden haben.“ Und Männer? „Die wissen erstmal alles besser. Und wenn sie was nicht verstehen, dann trauen sie sich nicht zu fragen. Man kann ihnen am Gesicht ablesen, wie es bei ihnen innerlich rotiert. Aber sie trauen sich nicht.“ Am schimmsten aber seien gemischte Workshops: „Wenn Männer ihre Frauen dabei haben, dann wagen sie noch weniger, Fragen zu stellen, aus Angst, sich zu blamieren.“

Frauen hingegen, so Roland Simon, „die machen einfach.“ So wie Zaneta Heuchert, die mit ihrer Mutter da ist und sich Tipps vom Fliesenfachmann holt. „Wir haben gerade zusammen ein Häuschen gekauft, und das wollen wir jetzt renovieren.“ Papa und Freund sind zwar auch noch da, aber: „Die arbeiten immer viel. Wir arbeiten zwar auch, aber wir wollen nicht immer warten, bis die mal Zeit haben. Wir wollen es uns schön machen.“

Auch das Badezimmer von Corinna Osman soll demnächst in neuem Glanz erstrahlen. Deshalb will sie heute erfahren, wie man einen Waschtisch fachgerecht montiert. Erfährt von den Nachteilen einer Teflon-Dichtung gegenüber dem klassischen Hanf und von den Vorteilen einer Pop-Up-Ablaufgarnitur. Die Ohren klingeln ihr dabei nicht. „Ich bin Technik-Lehrerin“, gibt sie zu. „Und habe einen Mann mit zwei linken Händen.“ Deshalb mache sie immer alles selber. Gemeinsam mit Susanne Kretzschmar schreckt sie nicht davor zurück, das gerade fachmännisch montierte Waschbecken wieder abzunehmen. Die Heilpraktikerin zögert ebenfalls nicht: „Zwar habe ich Installationen noch nie gemacht, aber deshalb bin ich ja hier.“ Nach dem Abi, erzählt sie, habe sie zunächst Schreinerin gelernt. „Da kommt man ja mit vielen Gewerken in Berührung.“

Am Fliesenschneider gegenüber macht es derweil laut „knack“: Eine Wandfliese hat sich widerstandslos der weiblichen Übermacht ergeben. „Also, dafür brauchen wir jedenfalls keinen Mann mehr.“ Die Frauen ziehen weiter, zum nächsten Workshop.
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