Sally Perel: Als Jude in der Hitlerjugend

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Bei der Signierstunde hat Sally Perel direkten Kontakt zu seinen jungen Zuhörern und Lesern. (Foto: privat)

Sally Perel ist an der Annette-von-Droste-Hülshoff-Schule ein gern gesehener Gast. Schon seit 2004 sind seine Besuche Teil des Schulprogramms.Der gefragte Autor und Zeitzeuge betont: „Zu dieser Schule habe ich eine ganz besondere Beziehung.“ Auch in diesem Jahr steht er wieder denSchülern der Jahrgangsstufe 10 als Zeitzeuge zur Verfügung. Am Mittwoch, 21. Januar, ist es so weit.

Von Nathalie Memmer

Die Schüler kennen Perels Geschichte bereits aus dem Spielfilm „Hitlerjunge Salomon“, der seine Vita allerdings relativ frei interpretiert und an vielen Stellen symbolisch verdichtet. Authentischer ist da natürlich Perels Lebensbericht, den er den Schülern frei vorträgt.

Nazis übernehmen die Macht


Als Hitler in Deutschland die Macht übernahm, war der kleine Sally knapp acht Jahre alt. Die zunehmende Ausgrenzung der deutschen Juden trieb die Familie 1938 nach Polen. Nach dem deutschen Überfall auf dieses Land im darauffolgenden Jahr floh Sally in das von der Sowjetunion besetzte Ostpolen und später weiter nach Minsk, damals Teil der Sowjetunion.
Perel erzählt den Schülern: „Mit der Operation Barbarossa, also dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, war ich wieder in Gefahr.“
Als Perel von der Wehrmacht gefangengenommen wurde, gelang es ihm, sich als „Volksdeutscher“ auszugeben und seine jüdische Herkunft zu verschleiern. Schließlich führte sein Weg ihn in eine Schule der Hitlerjugend in Braunschweig, nicht weit von seiner Heimatstadt Peine entfernt.
Das macht seine Geschichte so einzigartig, wie Perel betont: „Vier Jahre lebte ich versteckt unter der Haut des Feindes. Ich war Jude und Nazi in einem Körper. Als begeisterter Hitlerjunge identifizierte ich mich mit der Ideologie. Ich war Opfer und Täter zugleich, eine tragische Situation.“
Die Rassenlehre verinnerlichte der „Hitlerjunge“, der sich Josef Perjell nannte, allerdings nicht: „Für die Nazis war der Jude der Satan, und ich wusste, ich war kein Satan.“ Besonders bewegt sind die jugendlichen Zuhörer, wenn Perel über seine Eltern spricht, die die Judenverfolgung nicht überlebt haben.
Mit seinen Lesungen verfolgt Perel vor allem ein pädagogischess Anliegen: „Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer.“Lehrerin Andrea Herz, die die Veranstaltung organisiert hat, ist ebenfalls sicher: „Was heute hier passiert, kann herkömmlicher Geschichtsunterricht nicht leisten.“
Sally Perel, der seit dem Ende der NS-Diktatur in Israel lebt, verbindet mit seinem Wirken eine große Hoffnung: „Eine kritische Jugend kann dafür sorgen, dass weniger Leid herrscht. Dazu müssen wir uns aber weigern, geschichtsfrei zu leben.“
In der aktuellen Entwicklung in Deutschland sieht Perel dabei durchaus Grund zur Sorge: „Neonazis marschieren frech auf. Holocaust-Leugner verbreiten die Auschwitz-Lüge. Der NSU konnte Angst und Schrecken verbreiten. Auch Pegida vergiftet das Klima. Dieser Ungeist muss verschwinden. Wer die Geschichte der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus kennt, kann es vermeiden, die Fehler dieser Zeit zu wiederholen.“ Geschichte ist für Perel also nicht in erster Linie Vergangenheit, sondern wirkt unmittelbar auf Gegenwart und Zukunft.
Zugleich warnt Perel: „Die Jugend ist leichtgläubig. Die HJ ist der Beweis, wozu eine Erziehung zum Hass führen kann. Viele Nazis waren getaufte Christen. Da hat die Erziehung zur Menschenliebe versagt.“

Überlebensgeschichte weitertragen


Auch mit fast neunzig Jahren sieht Sally Perel sich noch immer in der Pflicht, seine „Überlebensgeschichte“ zu erzählen: „Ich habe mir geschworen: Ich werde darüber berichten. Heute bin ich vielleicht der letzte Zeitzeuge.“ An die Schüler lautet sein Appell: „Ihr habt die Geschichte aus erster Hand erfahren. Ihr seid nun die neuen Zeitzeugen. Tragt die Geschichte weiter!“
Jugendliche in Deutschland sind Perels Hauptadressaten. Austausch mit diesen Zuhörern und Lesern pflegt der aufgeschlossene Autor mittlerweile auch über Facebook.
Auch zu seinen ehemaligen Kameraden aus der Hitlerjugend hat Perel lange Kontakt gehalten. „Die sind inzwischen aber fast alle tot.“ Mit Deutschland verbindet Perel auch noch aus anderen Gründen viel: „Hier habe ich zehn glückliche Kinderjahre verlebt. Deutschland ist immer mein Mutterland geblieben, während Israel mein Vaterland ist. Da ich keiner nationalen Minderheit mehr angehören wollte, bin ich nach Israel gegangen. Nur hier sind die Juden in der Mehrheit.“
Besonders erfreut ist Perel über die vielen Fragen, die die Schüler im Anschluss an seinen Vortrag stellen: „Das zeigt mir, wie groß das Interesse ist.“ Dabei gilt die Aufmerksamkeit der jungen Leute auch seinem Engagement in der israelischen Friedensbewegung. Perel hofft, die Zeit noch zu erleben, wenn Israelis und Palästinenser friedlich zusammenleben.

Auf vierwöchiger Lesereise


Sein zweites großes Ziel ist es, deutsche Jugendliche gegen Fanatismus zu immunisieren. Daher hat er sich erneut zu einer vierwöchigen Lesereise entschlossen, bei der der Besuch in Bochum etwa in der Mitte liegt. Die anwesenden Schüler werden diesen Tag ganz sicher nicht vergessen. Viele nutzen die Gelegenheit, sich das Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“ signieren und mit einer persönlichen Widmung versehen zu lassen. Vielleicht werden sie einmal ihren Kindern von dieser außergewöhnlichen Veranstaltung erzählen, um die Erinnerung wachzuhalten.
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