Ein Interwiew mit dem Autor "Zwischen Orpheus & Shopping Towers"

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Vor gut einem halben Jahrhundert war der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt. Nirgendwo spürte man dessen Existenz mehr, als in den beiden deutschen Staaten, die damals existierten. Edgar Stötzer aus Thüringen, heute 72 Jahre alt, war erst 21, als er 1966 ein interessantes Angebot seines Betriebes bekam: Im Rahmen eines Facharbeiteraustausches habe er die Möglichkeit, nach Bulgarien zu gehen. Stötzer verbrachte seither viel Zeit in diesem Land. Knapp 50 Jahre nach seiner ersten Einreise nach Bulgarien veröffentlichte er einen unkonventionellen Reiseführer. Der Titel: “Zwischen Orpheus & Shopping Towers”. Imanuel Marcus sprach mit Edgar Stötzer.

The Sofia Globe (TSG):

Du kamst also für diesen Austausch nach Bulgarien. Das war im Jahr 1966. Wie sah Dein erster Eindruck des Landes aus?

Edgar Stötzer:

Ich muss zugeben, dass ich von Bulgarien zu diesem Zeitpunkt nur ganz wenig Kenntnisse aus dem einstigen Geografieunterricht in der Schule hatte. Ja ich besaß nicht mal eine richtige Karte außer dem alten Schulatlas, um mich zu orientieren. Was ich schon gar nicht wusste, war, dass man dort kyrillisch schreibt. Mein erster Eindruck vom Land war: Unmengen an Schnee, der sich an den Straßenrändern zu meterhohen Barrieren auftürmte. Schon auf der Zugfahrt hatten wir einen wohl 20-stündigen Zwangsstopp in Bukarest wegen der Schneemassen. Dabei sollten wir doch in einem südlichen Land sein, wo ich solche Massen von Schnee niemals erwartet hätte. Der Empfang durch die bulgarischen Kollegen, die uns mit ihren eigenen PKWs in Pleven abholten, war einfach umwerfend. Man lud uns am nächsten Morgen zu einem Frühstück wo sich die Tische bogen. Honoratioren der Stadt Lovetch und des Gastronomie-Betriebes waren zur Begrüßung erschienen. Alle Kollegen des Restaurants hießen uns herzlich willkommen. An freien Tagen luden uns die Kollegen in ihre Familien ein, fuhren mit uns aufs Land zu den Großeltern oder zum Angeln. Es entstanden auf diese Weise echte Freundschaften, die zum Teil bis heute angehalten haben. Die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Bulgaren hat mich schon damals immer wieder stark beeindruckt. Ich begann schon frühzeitig dieses Land besonders wegen der Aufgeschlossenheit seiner Bewohner zu lieben. Ich reiste immer wieder dorthin. 1971 heiratete ich ein bulgarische Frau. In den Folgejahren war ich mit meiner Familie fast jährlich in Bulgarien bei Verwandten meiner damaligen Frau zu Gast.

TSG:

Wie entstand dein Interesse für historische Legenden aus Bulgarien?


Edgar Stötzer:

Nachdem ich 2005 in den Ruhestand gegangen war, überlegte ich, was ich nun mit der vielen Freizeit anfangen sollte. Der Zufall kam mir zu Hilfe. Eine Bekannte, Übersetzerin aus Vidin, erwähnte einen Verlag in Varna, der dringend einen Lektor für ein Kochbuch suchte. Ich kam in Verbindung mit dem Geschäftsführer und da dies ja meinem Fachgebiet entsprach, sagte ich zu. Später stellt sich heraus, dass die vorliegende Übersetzung mehr als dürftig war und so schrieb ich fast das gesamte Kochbuch neu. Die Mitarbeiter des Verlages und die Autorin waren begeistert. Danach legte man mir immer neue Dokument zur Übersetzung vor. Das waren in der Hauptsache Broschüren von Sehenswürdigkeiten, aber auch Texte zur Beschriftung von Museumsstücken bis hin zu Korrespondenzen der Universität Varna mit deutschen bzw. österreichischen Universitäten. Ein Katalog zu einer Ausstellung im Varnaer Historischen Museum, sehr ansprechend, ist mir in besonderer Erinnerung. Einer der Geschäftsführer bat mich damals, ein paar von ihm gesammelte Legenden zu übersetzen. Das weckte mein Interesse und ich begann danach weitere solche Legenden zu recherchieren.

TSG:

Könntest Du uns ein Beispiel für eine interessante bulgarische Legende geben?

Edgar Stötzer:

Gerne! Als erstes fiele mir da die Legende von der Martenitsa ein. Das Verschenken von Martenitsi lernte ich auch bei meinem ersten Aufenthalt in Lovetch bereits kennen. Ein wunderschöner uralter Volksbrauch aus den Gründerjahren des ersten bulgarischen Staates im 7.Jahrhundert n. Chr, der sich bis heute gehalten hat. Aber die wäre zu lang. Es ergaben sich im Laufe der Jahre Gelegenheiten, bei denen ich auch andere Sitten und Bräuche kennen lernen durfte. Eine kurze Variante wäre folgende Legende: (Leseprobe)


Die Legende von der Erschaffung Bulgariens


Als Gott, die Erde unter den Menschen aufteilte, kam der Bulgare zu spät, weil er so fleißig auf dem Feld zu schaffen hatte und es blieb nichts mehr für ihn übrig. (Eine andere, augenzwinkernde Variante besagt, dass er mal wieder verschlafen hatte.) Als er dann doch noch erschien und traurig, mit flehenden Augen zu seinem Herrgott aufblickte, packte diesen das Mitleid und er überlegte, wie er ihm jetzt noch helfen könne. Sodann trennte er ein Stückchen von seinem Paradies ab und warf von allen Schätzen der Welt eine Handvoll auf dieses Fleckchen Erde. So kam es, dass Bulgarien zu einem paradiesischen Vorgärtchen wurde, welches von allem ein wenig besitzt: Hohe Gebirge, zahlreiche Heilquellen, reißende Flüsse, grüne Täler, duftend gefüllt mit den legendären Damaszener Rosen und dichte Wälder, fruchtbare Erde – die einstige Kornkammer der alten Griechen, Wiesen, welche lila, rot und gelb leuchten. Obstbäume soweit das Auge schauen kann und eine bezaubernde Küstenlandschaft am Schwarzen Meer, welches von den alten Griechen seinerzeit „das Ungastliche” genannt wurde, sowie Bodenschätze – von allem ein wenig.

TSG:

Welches ist das Konzept Deines Bulgarienführers? Was enthält er?

Edgar Stötzer:

Dazu muss ich vorweg schicken, dass es sich nicht um den üblichen standardisierten Reiseführer handelt. Ich verlasse die ausgetretenen Pfade auf denen sich sämtliche Führer der bekannten Verlage bewegen. Das Buch sollte lehrreich, informativ und gleichzeitig unterhaltsam sein. Es sollte aber auch die beschriebenen, kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten für Individualtouristen leicht erreichbar machen. Daher habe ich zu jedem beschriebenen Objekt die Koordinaten für Navigationssysteme ermittelt und angegeben. Dies dürfte unterstreichen, dass mein Bulgarienführer eben doch „ein etwas anderer“ ist. Breiten Raum habe ich den bulgarischen Klöstern, die mich seit jeher fasziniert haben, gewährt. Auf Übernachtungsmöglichkeiten wird im Buch hingewiesen. Kein einziges Hotel wird aber von mir persönlich empfohlen.

TSG:

Vermutlich hast du während des Schreibens und Recherchierens noch mehr über Bulgarien gelernt, als Du ohnehin schon wusstest, oder? Was für eine Erfahrung war die Erstellung des Buches?

Edgar Stötzer:

Zweifellos! Ich habe sehr viel Neues aus meinen Recherchen erfahren. Es war ein langer Weg bis zur Fertigstellung des Buches 2015. Recherchieren, schreiben und wieder verwerfen, neu verfassen hat viele Jahre in Anspruch genommen. Sehr geholfen haben mir die Übersetzungen, welche ich für den Verlag in Varna angefertigt habe. Da ich in Bulgarien sehr viele Freunde habe, konnte ich bei Unsicherheiten nachfragen und habe auch bereitwillig Auskunft erhalten, wenn es möglich war. Aber das war auch nicht immer der Fall. Eine Sofioter Journalistin schrieb einmal über meine Arbeit: “Der Autor verbreitet mit beneidenswerter Leidenschaft Erzählungen und Legenden aus der Zeit der Thraker, über Orpheus – dem stolzen Sohn der bulgarischen Erde. Er kennt ganz offensichtlich besser als manche, nur mit ihrem Alltag beschäftigte zeitgenössische Bulgaren, die Geschichte unserer einzigartigen Martenitza und unserer duftenden Banitza.“

TSG:

Welcher Ort in Bulgarien übertrifft alles? Anders gefragt: Welcher Ort in diesem Land beeindruckt Dich am meisten und warum?


Edgar Stötzer:

Nun, da würde ich an erster Stelle das kleine Städtchen Koprivshtitsa nennen wollen. In Zeiten des Sozialismus war es verboten, in den Gassen und Straßen der Stadt mit Kraftfahrzeugen zu fahren. Es war nur das Plätschern des Flüsschens das Vogelgezwitscher und ab und zu Hufgetrappel der Pferde zu hören. Jedesmal, wenn ich damals nach Koprivshtita kam, überkam mich stets eine innere Ruhe, die kaum zu beschreiben ist. Wir hatten Freunde dort, welche ein Hotel führten und waren jederzeit willkommen. Aber auch Veliko Tarnovo ist mit seiner eigenwillige Lage unbeschreiblich schön und von kulturhistorisch hervorragender Bedeutung. Beide Orte werden in meinem Buch eindrucksvoll beschrieben.


TSG:

Du bist Dialyse-Patient und wartest auf eine Nierentransplantation. Wie geht es Dir im Moment?

Edgar Stötzer:

Ich kann nicht sagen, dass es mir gut geht. Aber ich kenne aus einem Forum auch andere Leidensgenossen, denen es bedeutend schlechter geht. Also nicht klagen sondern vorwärts blicken und hoffen! Meine liebe Frau, eine Deutsche, mit der ich seit 2008 zusammen lebe, hat sich bereit erklärt, mir eine Niere zu spenden, was ich persönlich gar nicht hoch genug einschätzen kann. Es sieht so aus, als wenn auch alles soweit passt, jedoch ziehen sich die vorbereitenden Untersuchungen ungemein in die Länge. Da kommt natürlich bei Beiden von uns Ungeduld und oft auch Frust auf.


TSG:

Wann wirst Du wieder nach Bulgarien kommen können?

Edgar Stötzer

: Wie es gegenwärtig aussieht, kann ich darüber noch keine Angaben machen. Eines ist aber sicher: Lieber heute als Morgen! Ich war jetzt seit sieben Jahren nicht mehr in Bulgarien. Aber ich brenne darauf endlich wieder die rasanten Fortschritte zu erleben, welche das kleine, liebenswerte Land in den letzten Jahren gemacht hat. Ich möchte die Metro (U-Bahn) in Sofia sehen, den neuen Terminal des Flughafens und so viele Projekte im Land wie zum Beispiel auch neu erschlossene kulturhistorische Stätten. Dazu kommt aber auch, dass wir zu der Generation Rentner gehören, die sich kaum noch irgendeine Reise leisten können.

Das Buch:


Edgar Stötzer
“Zwischen Orpheus & Shopping Towers”
ISBN: 9783734788161
E-Book ISBN: 9783739256986
Lieferbar seit: 03.08.2015
Gesamtseitenzahl: 476
Anzahl Farbseiten: 54

Erhältlich versandkostenfrei im Online- und im lokalen Buchhandel in über 60 Ländern, oder z.B. bei Eurobuch
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