VfL Bochum: „Der VfL muss wieder für etwas stehen!“

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Martin Kree: einst ein dynamischer Abwehrspieler, heute ein erfolgreicher Geschäftsmann. Fotos: Andreas Molatta
 
Einst im Trikot des VfL, heute Aufsichtsratsmitglied des Clubs.

Der Mann mit dem härtesten Bums der Bundesliga. „Es hat mich zwischenzeitlich auch mal sehr genervt, darauf reduziert zu werden. Heute nehme ich das gerne als mein Markenzeichen.“

Bei keinem anderen Bundesligaspieler wurde jemals ein härterer Schuss gemessen. Martin Kree stellte hier mit seiner linken Klebe einen sagenhaften Bestwert auf: Mit 142,9 Stundenkilometern jagte er einst die Kugel durch die Messanlage, kein anderer Kollege aus Liga eins schaffte auch nur annähernd einen solchen Wert.
Am 27. Januar dieses Jahres feierte Kree seinen 50. Geburtstag. Hauptberuflich hat er mit dem Fußball nichts mehr zu tun. Der frühere Abwehrspieler ist Geschäftsführer eines Unternehmens, dass Computerschulungen durchführt. Am Ball ist er dennoch, als Aufsichtsrat des VfL Bochum.

Herr Kree, wie sieht es mit 50 aus in Sachen „linker Klebe“?
Kree (lachend): Wenn ich heute noch einen solchen Schuss hätte, dann wäre mit 27 Jahren irgendwas nicht richtig gelaufen! Zuletzt habe ich nicht oft gekickt. Mal so 20 Minuten im Trainingslager des VfL, im Rahmen eines kleinen Sponsoren-Spielchens.

Als Aufsichtsrat bestimmen Sie die Geschicke eines Traditionsvereins mit, der nun in der fünften Saison hintereinander nur noch Zweitligist ist. In der Bundesliga hat Bayer Leverkusen Gesellschaft erhalten von (VW) Wolfsburg und (SAP) Hoffenheim. (Audi) Ingolstadt und (Red Bull) Leipzig drängen nach oben. Gibt es für einen Verein wie den VfL überhaupt noch einen Platz in der Bundesliga?
Kree: Ja! Da muss ich gar nicht drüber nachdenken. Aber die Verhältnisse haben sich deutlich verändert. Das Thema Tradition ist schon wichtig, für uns und vor allem für die Fans. Aber es hilft dir allein nicht weiter. Ähnlich wie dem VfL geht es auch anderen Vereinen in der zweiten Liga wie Kaiserslautern, 1860 München oder Düsseldorf. Der HSV, Werder, der 1. FC Köln, VfB Stuttgart, Hertha – die haben noch mehr Bundesliga-Tradition als Bochum. Das schützt sie aber nicht davor, einst gewohnte Tabellenregionen zu verlassen. Oder auch mal abzusteigen. Es ist heute – gegen die finanzstarke Konkurrenz – deutlich schwerer, zu bestehen. Dass man mehr als 20 Jahre durchgehend Bundesliga spielt – wie das hier der Fall war – ist heute eine weit größere Aufgabe als in früheren Jahren. Dennoch gibt es für den VfL einen Platz in der Bundesliga. Freiburg und Mainz sind der Beleg, dass auch finanzschwächere Vereine über mehrere Jahre oben spielen können.

Ist aber die obere Tabellenhäfte der Bundesliga auf Dauer betoniert, wenn Ingolstadt und Leipzig erst aufgestiegen sind? Ist ein Deutscher Meister wie Aufsteiger Kaiserslautern 1998 noch möglich?
Kree: Das war damals eine große Sensation und diese wäre heute noch deutlich größer. Dafür müsste sich schon einiges ereignen, ich vermute, so was erleben wir nicht mehr. Aber die Liga braucht auf Dauer nicht nur finanzstarke Projekte, sondern auch die Traditionsclubs. Am Wochenende spielte der Tabellenzweite der Bundesliga, Wolfsburg, gegen den Tabellensiebten Hoffenheim. Vor vielen leeren Rängen. Ein Heimspiel nach dem 4:1 gegen die Bayern! Ingolstadt als klarer Tabellenführer der 2. Liga hat in Heimspielen nicht mal 10 000 Zuschauer. Stellen sie sich mal vor, wir ständen an Ingolstadts Stelle. Da wäre die Bude an der Castroper doch ganz anders gefüllt.

Am Freitag geht es im ersten Heimspiel 2015 gegen Eintracht Braunschweig...
Kree: ...das nenne ich doch mal ein Spiel zweier Traditionsvereine...

...wo der VfL gegen eine grausame Heimbilanz anspielt.
Kree: Ein Sieg aus zehn Heimspielen dieser Saison, ja da gibts viel Luft nach oben!

Was erwarten Sie nun von der Mannschaft und vom neuen Trainer Gertjan Verbeek?

Kree: Wir erleben mit Gertjan Verbeek einen Systemwechsel, das haben wir ja auch genau so gewollt. Bis dies vollends greift – auch bis sich die Situation mit den vielen verletzten Spielern wieder normalisiert – müssen alle noch etwas Geduld mitbringen. Aber klar: Wir brauchen Ergebnisse. Und wir wollen gleichzeitig auch einen anderen Fußball als in der Vergangenheit sehen. Dafür steht Verbeek, der früh attackieren lässt und offensive Akzente setzen will. Der VfL muss wieder für etwas stehen! In den 70er Jahren hieß es mal, dass in Bochum nur Klopper spielen würden. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass der VfL mit attraktiver, dynamischer Spielweise assoziiert wird.

Kampfstarke Bochumer in den 70er und 80er Jahren, dafür standen Leute wie Lothar Woelk, Michael Lameck oder Hermann Gerland. Gerland wurde unlängst beim Freundschaftsspiel gegen die Bayern fast wie ein Popstar von beiden Fanlagern gefeiert. Stimmt es, dass sie vor zwei Jahren versuchten, den „Tiger“ zurück in die Heimat zu lotsen?
Kree (schmunzelnd): Dazu verrate ich ihnen mal was. Hermann sagte unter anderem zu mir, als ich ihn in München besuchte: „Ich brauche noch ein bisschen Zeit, bis ich wirtschaftlich unabhängig bin“. Das lässt Raum für Spekulationen. Im Ernst: Ich habe zu ihm – wie auch andere im Verein – einen Superdraht. Ich habe sogar noch als junger Mann mit dem Spieler Gerland trainiert, später war er mein Co- und Cheftrainer. 2013 waren wir in einem Gespräch über sämtliche Möglichkeiten, wie er dem VfL helfen könnte. Dabei ging es nicht nur ums Traineramt, sondern auch um Dinge wie Tipps im Hinblick auf Spieler und anderes. Letztlich ist es wichtig, dass „alte Bochumer“ für den Club an einem Strang in eine Richtung ziehen. Hermann kann sicher auch in München etwas für seinen Lieblingsverein tun...

Krees Karriere:
VfL Bochum
1983 - 1989
164 Ligaspiele / 28 Tore

Bayer Leverkusen
1989 - 1994
156 Ligaspiele / 22 Tore

Borussia Dortmund
1994 - 1998
81 Ligaspiele / 1 Tor

Bundesliga gesamt
401 Spiele / 51 Tore
DFB-Pokal gesamt
42 Spiele / 5 Tore
Europapokal gesamt
33 Spiele / 1 Tor

Deutscher Meister
1995, 1996
DFB-Pokalsieger
1993
Champions League-Sieger
1997
0
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