Tag der Trinkhallen: Umme Ecke anne Bude

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Seit fast zehn Jahren steht sie jeden Tag zwischen "Klümpchen" und "Zaretten": Michaela Hornung ist der gute Geist des Kiosk am Wäldchen. Eigentlich kam sie aber aus einer anderen Branche - wie so oft im Ruhrgebiet. Foto: Kappi
 
Seit 57 Jahren gibt es die Bude an der Ecke Löns- und Böcklerstraße. Foto: Kappi
 
Simone Fafuro gehört zum freundlichen Team der Trinkhalle Schmidt am Scheideweg 100. An der Stadtgrenze zwischen Zweckel und Scholven decken sich viele Kunden täglich mit Presseprodukten, belegten Brötchen, frischem Kaffee und natürlich auch mit Süßigkeiten und Tabakwaren ein. Foto: Kariger

"Ma eben anne Bude Zaretten holen" - die kleinen Verkaufskioske an fast jeder Straßenecke gehören fest zur Ruhrgebietskultur. Zwischen 12000 und 15000 soll es noch zwischen Lippe und Ruhr geben, die zusammen ein Drittel aller Buden in Deutschland ausmachen. Am 20. August werden sie erstmals mit einem eigenen Aktionstag gefeiert.

Aus dem sozialen Leben der Arbeiterschicht des Ruhrgebiets sind Trinkhallen und Kioske kaum wegzudenken. Ihre Ursprünge finden sich im Schatten der Schornsteine und Fördertürme während der Hochzeit der Industrialisierung vor etwa 150 Jahren. Schwerste körperliche Arbeit und das triste Lebensumfeld trieb immer mehr Arbeiter in die Trunksucht, zumal nicht wenige Zechen einen Teil ihres Lohns in Alkohol auszahlten. Um dem grassierenden Problem Herr zu werden, entstanden die ersten Trinkhallen, an denen Wasser an die Arbeiter ausgegeben wurde. In Frankfurt heißen die kleinen Verkaufsstände daher heute noch "Wasserhäuschen". Im Ruhrgebiet wandelten sich diese kleinen Läden nach dem Krieg zu einem ganz eigenen Phänomen - Kiosk und Trinkhalle verschmolzen zu einer neuen Einheit, der "Bude".

Für ganze Generationen wurde sie zum Anlaufpunkt, wenn die anderen Geschäfte längst geschlossen hatten. Hier bekamen die Kinder für ein paar Pfennige "Negerkußbrötchen" oder "Klümpchen", also Süßigkeiten, während die Älteren "Zaretten" oder "eine Kanne Bier" über die Theke gereicht bekamen. Nach und nach erweiterte sich das Warenangebot, denn während sonst in der Innenstadt um halb sieben die Bürgersteige hochgeklappt wurden, bekam man "anne Bude" noch alles was man brauchte: Tabak, Getränke, Zeitungen, und ein offenes Ohr. Denn die Menschen vor und hinter dem Schiebefenster schweißte bald ein starkes soziales Band zusammen. Man teilte viele Sorgen, erlebte den Niedergang des Bergbaus und der Industrie gemeinsam, lachte und weinte gemeinsam, und tauschte sich über Sport und Alltagstratsch aus.

Kein Wunder, dass neben dem neutralen "anne Bude" oft der Name des Inhabers genannt wurde: "Tu ma eben bei Willi Bier holn" oder "Ich geh ma eben noch zu Käthe, Zaretten holn" drückten die Bedeutung der allgegenwärtigen Ladenbesitzer aus. Oft waren es die im Krieg invalid Geschossenen, die Kaputtmalochten, die ehemaligen Hausfrauen, die mit der Gründung von Büdchen ihre Chance suchten. Käufer und Verkäufer sahen sich oft täglich, und dabei wurden die neuesten Nachrichten aus der Straße ausgetauscht.

Die Konkurrenz erstickt die Trinkhalle


Heute gibt es immer noch Buden, aber ihre Zahl ist stark zusammengeschmolzen. Den Status als Nahversorger haben ihnen längst Discounter und Tankstellen abgerungen, und die Liberalisierung der Öffnungszeiten nahm den kleinen Betrieben eines ihrer wichtigsten Alleinstellungsmerkmale. Die einst starren Ladenschlusszeiten sind Geschichte, und überall im Ruhrgebiet tragen die mächtigen Mitbewerber mit ihren Discountern und Tankstellenshops dem Bedürfnis nach dem späten Einkauf Rechnung - mit ungleich mehr Auswahl und Personal.

Wie auch beim Untergang der Tante-Emma-Läden, stemmen sich die Budenbesitzer mit vielen Ideen und Engagement gegen die Krise. Viele bieten inzwischen auch warme Snacks, nehmen die Post an oder verkaufen Telefon- oder PrePaid-Karten. Verschwindet doch eine Bude für immer, ist das für die nächste Umgebung oft ein starker sozialer Einschnitt: Auf einmal fehlt der oft wichtigste soziale Kontaktpunkt, die Infobörse, ja der "schier unerschütterliche Felsen in unruhigen Zeiten", wie der Bonner Volkskundler Berthold Heizmann schreibt.

Erster Aktionstag für die Budenkultur


Um die Bedeutung der Buden für das Revier zu würdigen, hat die Ruhr Tourismus GmbH nun erstmals einen Aktionstag ins Leben gerufen. Am 20. August ist ganz offiziell der "Tag der Trinkhallen". 50 ausgesuchten Buden wurden zu Veranstaltungsorten erkoren, an denen ein breites Kulturprogramm stattfinden soll. Die Bandbreite reicht von allen möglichen Spielarten der Musik über Kabarett, Kleinkunst, Literaturlesungen, Theater bis hin zum gemeinsamen Singen oder Poetry Slams. Zusätzlich sind alle Buden eingeladen, sich mit einer eigenen Sonderaktion am Aktionstag zu beteiligen.

Aktionen in Bottrop und Gladbeck


Am 20. August kann man der heimischen Budenkultur beim Tag der Trinkhallen näherkommen.

In Bottrop ist neben der Trinkhalle Tesch und dem Kiosk Ladnar der Kiosk am Wäldchen dabei. Seit 57 Jahren gibt es die Bude, die immer mal wieder den Besitzer wechselte, bis vor neun Jahren Michaela Hornung die Regentschaft übernahm. Wie so viele vor ihr, ist sie der klassische Quereinsteiger: "Ich habe Maler und Lackierer gelernt, aber keine Arbeit gefunden. Dann habe ich es mit der Bude versucht." Ein Glücksgriff, wie sich herausstellte. "Man darf die Stunden nicht aufschreiben", meint sie, "aber ich möchte nichts anderes mehr machen." Jeden Tag von fünf Uhr morgens bis neun Uhr abends ist das Häuschen an der Ecke Löns- und Böcklerstraße besetzt. Vom Bauarbeiter bis zum Schulkind ist hier jeder willkommen. "Man ist hier immer mit den Menschen zusammen", sagt Michaela Hornung, "das ist ganz was anderes als an der Tankstelle."Beim "Kiosk am Wäldchen" an der Hermann-Löns-Straße 44 wird es ein DJ Programm mit "Senor 45" und viel Tanzmusik geben.

In Gladbeck ist die Trinkhalle Schmidt mit einem besonderen Kulturprogramm belohnt worden. Im Grenzgebiet zwischen Gladbeck und Gelsenkirchen werden jeden Tag normalerweise Brötchen belegt und schon ab 4.30 Uhr morgens Kaffee ausgeschenkt. Selbst die Hunde der Gäste gehen nicht leer aus, denn das freundliche Personal reicht gerne ein Stück Fleischwurst über die Theke. Am 20. August wird es dann ganz international an der Trinkhalle Schmidt. Die Bude am Scheideweg 100 verwandelt sich mit dem "Katakomben Rembetiko Ensemble" und der Gruppe "Kavpersaz" in einen Konzertort: Mediterrane, kurdische und türkische Musik sorgen für gute Laune. Wer möchte, kann am gleichen Tag auch am Kiosk Mirthula an der Vehrenbergstrasse 71a vorbeischauen, der aus einem richtigen Tante-Emma-Laden hervorgegangen ist.
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