Am Haus Kurl: Fichten für die Verkehrssicherheit gefällt // Doch kehren die Graureiher zurück?

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Ein Déjà-vu am Haus Kurl: Wie schon im Winter der letzten beiden Jahre sorgten Eigentümer Heribert Breuker und sein Baumdienst mit einer großangelegten Rodungsaktion entlang der Kurler und Greveler Straße, direkt an der Graureiher-Kolonie, diese Woche für reichlich Gesprächsstoff im Dorf Kurl und darüber hinaus. – Diesmal sei aber „in der Tat alles in Ordnung“ gewesen, gibt Werner Höing von der Unteren Landschaftsbehörde Entwarnung. (Foto: Detlef Koester)
 
Werner Höing von der Unteren Landschaftsbehörde beim Umweltamt der Stadt Dortmund. (Foto: Günther Schmitz)
 
Ein rund 15 Meter tief von der Straße ins Grundstück rund um die Ruine von Haus Kurl reichender Waldstreifen mit nicht mehr verkehrssicheren, weil alten, teils bereits abgestorbenen Fichten wurde Anfang der Woche gerodet. Gemäß einer Absprache mit dem Umweltamt aus dem Spätsommer 2014, bestätigt Werner Höing seitens der Stadt. - Zwischen den Bäumen, direkt hinter dem Traktor, ist übrigens die Brandruine von Haus Kurl zu erkennen, links das Torhaus. (Foto: Detlef Koester)
Dortmund: Haus Kurl |

Frühere Rodungen am Haus Kurl seien zwar ohne Information der Landschaftsbehörde erfolgt. Die Fällung des 15 Meter breiten Fichten-Streifens entlang der Kurler und Greveler Straße durch Heribert Breuker zu Beginn dieser Woche sei jedoch aus Gründen der Verkehrssicherung erfolgt. Gemäß einer schon im Spätsommer 2014 mit dem städtischen Umweltamt und dem zuständigen Forstamt Gelsenkirchen getroffenen Absprache, so Werner Höing von der Unteren Landschaftsbehörde im Umweltamt.

Rodungen schon im März 2013 und Januar 2014


Ein Déjà-vu. Schon im März 2013 und im Januar 2014 war die Aufregung in Kurl jeweils groß, nachdem der Neu-Eigentümer von Haus Kurl im dortigen Landschaftsschutzgebiet zuerst alte Park- und Gartenbäume auf 5000 m² Fläche rund um das bereits im Jahr 2008 abgebrannte Herrenhaus gerodet hatte, im Jahr darauf dann den gesamten Waldbestand südlich der Gräfte zur Werimboldstraße hin – ohne Abstimmung mit der Landschaftsbehörde (der Ost-Anzeiger und der Lokalkompass berichteten/siehe Links). Ordnungsrechtliche Verfahren wurden damals eingeleitet.

Bürger wie Dortmunder Natur- und Umweltschützer hatten protestiert und beklagt, Fledermäuse und Amphibien seien vom Kahlschlag betroffen, die nahe Graureiher-Kolonie bedroht. Auch Scharnhorsts damaliger Bezirksbürgermeister Rüdiger Schmidt und die Bezirksvertretung schalteten sich ein.

Umweltamt hat diesmal die Maßnahme abgesegnet


Diesmal sei jedoch „in der Tat alles in Ordnung gewesen, die Maßnahme abgesegnet, man musste aus Gründen der Verkehrssicherung entlang der Straße etwas tun“, so teilte Werner Höing vom städtischen Umweltamt dem Ost-Anzeiger und auch dem aufgeschreckten Scharnhorster Bezirksbürgermeister Heinz Pasterny am Donnerstag auf Nachfrage mit: „Der Artenschutz einerseits und die Sicherheit für Leib und Leben anderseits sind in Einklang zu bringen.“

Graureiher-Nester im verbliebenen Baumbestand liegen aber nunmehr offen am Waldrand. „Wir müssen beobachten, inwieweit die Reiher im Frühjahr wieder einfliegen und brüten“, ergänzte Höing deshalb.

Detlef Koester dokumentierte Bedrohung der Reiher-Kolonie


Stadt-Anzeiger-Mitarbeiterin Sabine Schwalbert wohnt mit ihrer Familie in Kurl. Als sie am Montagabend (5.1.) mit ihrem Wagen nach Hause fuhr, mochte sie wie manch anderer – selbst Scharnhorsts Bezirksbürgermeister Heinz Pasterny gehörte am Mittwoch ebenfalls dazu – ihren Augen kaum trauen. Sie alarmierte per Facebook gleich ihren Freundeskreis. Tenor: Wieder mal ein Kahlschlag am Haus Kurl – und das direkt an der Graureiher-Kolonie!

Detlef Koester war ein Freund, der schnell reagierte und noch am Morgen des Dreikönigstages (6.1.) – unter dem Protest von Heribert Breuker – eine Fotoserie von den letzten Aufräumarbeiten auf dem rund 15 Meter breiten gerodeten Waldstreifen entlang der Straße schoss, beim Umweltamt nachfragte und Dortmunder Umwelt- und Naturschützer sowie den Ost-Anzeiger informierte.

„Die Zahl der Brutpaare wird sich nach der jetzigen Aktion weiter drastisch reduzieren“, glaubt Koester, da einige Reiher-Nester nun von der Straße aus direkt einsehbar und dem Verkehrslärm ausgesetzt seien. Schon nach der letzten Rodung 2014 seien nicht alle Reiher in ihre Kolonie zurückgekehrt, sagt er. Zudem seien Beeinträchtigungen anderer Tiere wie Igel und Fledermäuse ebenfalls nicht auszuschließen.


Werner Höing: "Wald-Kernbestand muss stehen bleiben"


Werner Höing vom Umweltamt machte indes gegenüber dem Ost-Anzeiger deutlich, dass „die Maßnahme damit abgeschlossen“ sei. Der gesamte Komplex rund um die Ruine von Haus Kurl stehe unter Schutz. Nach forstrechtlichem Stand dürfe Breuker hier im Landschaftsschutzgebiet nichts anderes machen, auch der Wald-Kernbestand müsse stehen bleiben.

Ganz im Gegenteil. „Es muss neuer Wald wachsen, entweder aus den alten Wurzeln oder neu aufgeforstet“, ergänzte Höing: „Bei anderen Plänen für das Areal müsste gegebenenfalls das Planungsrecht geändert werden.“ Damit müsse auch Breuker leben, der sich ansonsten an die getroffenen Vereinbarungen gehalten habe.

Höing verwies jedoch auch darauf, dass der noch bestehende Baumbestand am Haus Kurl „völlig überaltert“ und „auf Dauer nicht nachhaltig zu bewirtschaften“ sei. Und selbst noch vitale Bäume in der Graureiher-Kolonie seien von einem Kranz von Vogelkot umgeben, der ihr Absterben beschleunige.

Scharnhorsts Bezirksbürgermeister: "Für Bürger völlig unverständlich"


Auch Scharnhorsts Bezirksbürgermeister Heinz Pasterny hatte sich etwa im Kurler „Haus Buchbinder“ schon den Fragen mancher Bürger stellen müssen. „Sie haben moniert, dass das Umweltamt so pingelig sei, wenn ein einzelner Baum gefällt wird, sich in solchen Fällen wie am Haus Kurl aber völlig unverständlich verhält“, berichtete Pasterny dem Ost-Anzeiger.

Der Scharnhorster kann die Hintergründe der jetzigen Fällaktion aber gut nachvollziehen: „Die Aktion war berechtigt. Schon im letzten Jahr ist ein großer dicker Baum nahe der Greveler Straße umgestürzt. Wenn der in der Nacht nur anders gefallen wäre...“, mag sich Pasterny die Folgen kaum vorstellen. Und hinsichtlich der betroffenen Graureiher hofft der Politiker auf die Standorttreue der Vögel.

Heinz Pasterny: "Kein Antrag auf Nutzungsänderung gestellt"


Und angesichts der Gerüchteküche um mögliche Pläne fürs Areal am Haus Kurl sagt Pasterny lapidar: „Ich weiß von nichts, es ist kein Antrag auf Nutzungsänderung gestellt worden. Und ich glaube nicht, dass Breuker so naiv ist und einfach die Bagger auffahren lässt.“

Und selbst wenn auf diesem geschichtsträchtigen Boden am Haus Kurl tatsächlich mal etwas passierte, würden sicher erst einmal die Untere Denkmalbehörde und die Archäologen Zugriff nehmen angesichts der hier vermuteten Bodendenkmäler aus fränkischer und sogar sächsischer Zeit, ist sich der Scharnhorster Heimathistoriker Pasterny sicher.


HINTERGRUND:

- Laut Angaben der Stadt zählte die Reiher-Kolonie im Wald am Haus Kurl 2014 40 bis 45 Brutpaare; Detlef Koester nannte für 2013 noch 64 Paare.

- Laut BUND Dortmund befindet sich im urwaldartigen Kerngebiet des nahegelegenen 198 Hektar großen Naturschutzgebietes Kurler Busch „die größte in Dortmund bekannte Graureiherkolonie“.
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