Von Düsseldorf in die Hölle: Edith Bader Devries überlebte das KZ Theresienstadt

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Die Bilker Buchhandlung BiBaBuZe bracht fast aus allen Nähten. Hier las kürzlich die Zeitzeugin Edith Bader-Devries aus ihrem Buch "Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da - eine jüdische Kindheit zwischen Niederrhein und Theresienstadt" und sprach über ihre Erlebnisse während der Nazi-Diktatur.
 
Seit mehr als dreißig Jahren hält Devries als Zeitzeugin Vorträge über ihre Kindheit und bemüht sich, ihre Botschaft von Toleranz und Nächstenliebe an künftige Generationen weiterzugeben.
Düsseldorf: BiBaBuZe |

Sie hat den Judenhass miterlebt, Menschen hungern, leiden und sterben sehen. Edith Bader-Devries überlebte als Kind mit ihren Eltern das Konzentrationslager Theresienstadt.

Sie ist eine der wenigen Menschen, die heute noch selbst über ihre Erlebnisse während der Diktatur der Nationalsozialisten berichten kann.
Kürzlich las Edith Bader-Devries aus ihrem 2008 veröffentlichten Buch „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da - eine jüdische Kindheit zwischen Niederrhein und Theresienstadt“ in der „BiBaBuZe“ in Düsseldorf. Die Buchhandlung im Stadtteil Bilk brach fast aus allen Nähten. Hier schilderte sie den Zuhörern eindrucksvoll ihre Erlebnisse aus der Kindheit, die „eigentlich gar keine richtige Kindheit war“. Dabei trug sie den Davidstern, der die ganzen Jahrzehnte überlebte. In ihrer Autobiografie, die in Zusammenarbeit mit ihrer Tochter Ruth entstand, vermittelt Edith Bader-Devries aus der Perspektive kindlicher Erinnerungen einen Einblick in das Schicksal einer bis zum heutigen Tag eng mit ihrem Heimatort verbundenen deutsch-jüdischen Familie.

Schlachthof: Sammelstelle für jüdische Menschen


Als sechsjähriges Mädchen wurde sie am 25. Juli 1942 mit ihren Eltern von Weeze über den Schlachthof in Düsseldorf-Derendorf in das Konzentrationslager Theresienstadt in der Nähe der Stadt Prag deportiert, das den Nazis als „Vorzeige-KZ“ in der NS-Propaganda und als „Alters-Ghetto“ diente. Edith Bader-Devries erklärt: „Viele Leute wissen nicht, was hier in Düsseldorf passierte, und dass der Schlachthof Sammelstelle für jüdische Menschen war.“ Jeweils von Sonntag auf Montag mussten die Menschen hier auf den Abtransport warten. An den Werktagen wurde wie gewohnt das Vieh geschlachtet. Die genaue Zahl aller Verschleppten ist unbekannt. Es waren rund 6.000 Juden aus dem gesamten Regierungsbezirk Düsseldorf.

Erinnerungsort eröffnet


Auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofes in Derendorf entsteht zurzeit der neue Campus der Hochschule Düsseldorf. In der ehemaligen Großviehmarkthalle wurde am 18. Februar 2016 der Erinnerungs- und Lernort „Alter Schlachthof“ eröffnet. Die Ausstellung ist ab 29. Februar der breiten Öffentlichkeit zugänglich.

„Als wir hier in die Waggons gedrängt wurden, stand ein Aufseher mit einer Peitsche da. Ich habe das als Kind alles nicht verstanden. Es war so eng – und auch heute leide ich noch unter Platzangst.“

Vor Ort in Theresienstadt konnte ihre Mutter einen Aufseher überzeugen, dass ihre Tochter bei ihr bleibe und nicht in ein Kinderheim komme. „Das wäre sicherlich mein Tod gewesen.“ Von 15.000 Kindern überlebte lediglich ein Prozent. Auf die Frage, was sie im Ghetto gemacht habe, antwortet sie: „Rumgelungert habe ich und Nahrung für die Familie organisiert – oft waren es nur Kartoffelschalen.“ Wirklich Kind sein – das konnte sie nicht. „Ich war im Lager immer unter Erwachsenen und habe lange Zeit nicht Lesen und Schreiben gelernt. Nicht einmal eine Puppe hatte ich.“

Nie den Mut verlieren


Sie habe furchtbare Dinge gesehen und miterlebt. Eingezwängt lebte sie mit vielen anderen in einer Baracke. Außen waren die Betten, in der Mitte lagen die Toten. Einmal entging sie nur knapp einer Vergewaltigung. „Irgendwann gewöhnt man sich an den Zustand.“ Die Kraft, immer neuen Mut zu fassen, habe sie von ihrem Vater, der – genau wie sie - seinen Humor nie verloren hat. „Meine Mutter war sehr weich und empfindlich, sie litt unter der Situation sehr. Mein Vater hingegen war stark.“ Er war ein jüdischer Kämpfer im Deutschen Reich. Im ersten Weltkrieg verlor er ein Bein, im KZ litt er mehrmals an Hungertyphus.
„Ich bin eine bewusste Jüdin und habe dies nie verleugnet“, berichtet die 1935 am Niederrhein geborene Zeitzeugin und fügt lächelnd hinzu: „Und nicht alle Juden sind steinreich und haben Schuhgeschäfte.“

Zurück in die Heimat


Im September 1945 kehrte das junge Mädchen mit ihren Eltern nach Weeze zurück. „Die Russen kamen nach Theresienstadt, um uns zu befreien – mit Panzern und Akkordeon“ erinnert sich Bader-Devries. „Ich liebe meine Heimat und fühlte mich hier willkommen und sicher.“ Zudem sei sie hier mit vielen Menschen vertraut und habe viel Menschlichkeit erlebt. Mittlerweile wohnt Edith Bader-Devries in einem so genannten Elternheim in Düsseldorf – einem Altenheim für Menschen jüdischen Glaubens.

Seit nunmehr 30 Jahren hält die heute 80-jährige ausgebildete Erzieherin Vorträge über ihre Kindheit während des Holocaust. Hierbei ist es ihr stets ein besonderes Anliegen, trotz aller traumatischen Erlebnisse die Botschaft von Toleranz und Nächstenliebe an künftige Generationen weiterzugeben. Viele aus ihrer Familie haben nicht überlebt, und auch sie habe lange nicht darüber sprechen können. „Vor jeder Veranstaltung kriege ich Herzbeklemmungen. Die furchtbaren Bilder kommen immer wieder hoch.“

Das Gute im Menschen sehen


„Böses sollte man nicht mit Bösem vergelten.“ Diese Einstellung habe sie auch an ihre drei Söhne und ihre Tochter weiter gegeben. „Ganz gleich aus welcher Nation ein Mensch kommt oder welche Hautfarbe er hat, man sollte alle lieben“, sagt Bader-Devries. Sie sei einfach dankbar, dass sie diesen Albtraum überlebt und vier tolle Kinder zur Welt gebracht habe. Aber Vergessen werde sie die schreckliche Zeit nie.
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