Metal pur und Morast viel - Metalheads aus dem Duisburger Westen beim Wacken Open Air

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Fotograf Norbert Linn (links) und Berichterstatter Ferdi Seidelt nehmen Dorothee Pesch in die Zange. Kein Problem, die Metal-Ikone kennt mittlerweile ihre Jungs.
 
Ob rain or shine, Schlamm muss schon sein. Der ist, kaum auf der Haut, auf der Kleidung oder am Schuh, ein ziemlich zäher und nasal leicht erkennbarer Wegbegleiter.

Es ist knapp vor drei. Genau 14.55 Uhr. Kurz vor dem Bühnenstart des Infields. Thomas Jensen steht am Überweg vom V.I.P.-Bereich zum Holy Wacken Land. „Nicht auf der Bühne?“, frage ich. Wohlwissend, dass der Macher des Heavy Metal Festivals in all den Jahren zuvor mit seiner Band „Skyline“ als Opener auf der Bühne stand und dabei die Saiten des Tieftöners zupfte. „Ist immer viel zu tun. Alles sehr vielschichtig.“

Dann ist er weg, muss was tun. Zusammen mit seinem ebenso kongenialen Freund Holger Hübner, rund 5.000 Leuten auf der Bühne und hinter den Kulissen wird er einmal mehr ein Event abliefern, das 75.000 Gäste und ungezählte Menschen an den Bildschirmen – live und auch später – begeistern wird. Der Wochen-Anzeiger war vor Ort, schaute exakt hin, hörte genau zu und blickte insbesondere auf die vielen Gäste aus Homberg, Rheinhausen, Rumeln-Kaldenhausen.

Eröffnung gelungen, wenig später im Pressezelt. Youtuber Alexander Prinz („Der Dunkle Parabelritter“), der online ein Millionen-Publikum hat, bringt Wacken auf den Punkt. „Aufgrund der Organisation, der Musik, der Menschen und der familiären Stimmung ist Wacken meine Nummer 1“, sagt uns der Festivalchecker. Widerworte wären hier richtiggehend doof, insbesondere wo es sogleich einen ganz besonderen Leckerbissen für uns gibt. Aufgrund guter Kontakte prangt kurzzeitig ein Triple-A-Bändchen für die Bereiche hinter und auf den Hauptbühnen am Handgelenk.

Das genannte Miteinander erlebt Ostern und Weihnachten zugleich, als Doro um die Ecke cruist. „Hallo Jungs“, ruft die Queen of Metal und erinnert an ihre jüngsten Auftritte beim Duisburger Stadtfest. „Nett, Euch wiederzusehen“, krächzt die Düsseldorferin, schlingt ein großes Tuch um den Hals. „Stimme schonen“ ist angesagt, denn wenig später legt sie beim Konzert von Amon Amarth einen atemberaubenden Gastauftritt hin. Ein international renommierter Star halt. Seit über 30 Jahren.


Metal-Queen Doro cruist um die Ecke

Mehr lokale Helden sind die Männer und Frauen des Bergheimer Forum-Teams. „Kaum sind wir entspannt und staufrei angereist, wurden uns die beiden in einem Wettbewerb gewonnenen Dixie-WC's hingestellt“, erzählt Anke Bohres. Eines für „ihn“, eines für „sie“. Klare Sache, dass die Zeltnachbarn vor Neid welk werden. „Warum bekommen die eigene Klos und wir müssen irgendwo pieseln?“ Schnell wird die Chose erklärt, ein Sixpack Dosenbier attackiert, alles wird gut.

Derweil haben die Freunde um die „Revenge“-Metal-Musiker Josch Olschowski und Ingo Widmer aus Rheinhausen ein Zelt aus dem Boden gestampft, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Wagenburg wird von Otto Burandt exakt justiert, Musikanlage und Kühlschrank aktiviert, hinsetzen, checken, wer wann und wo gehört wird. Dazu werden Cola, Limo und Wasser gereicht. Nur Hedi macht eine Ausnahme, aus einer unverdächtigen Gürteltrinkflasche schlürft sie eine „Mischung“.

Aus dem Duisburger Westen sind noch viel mehr Metalheads „auffen Platz“. Da sind die Rumeln-Kaldenhausener Granden Drazan Blagojevic und Carsten Schuparra, die ihren Ort durchaus würdig vertreten. Architekt Drazan reist mit dem Zug entspannt an und ab, auf der Rückfahrt trifft er einen südafrikanischen Musikfreund, kurzer Smalltalk, sogleich muss die Balkan-Spezialität von Opa Jupp dran glauben. Der Moonshine schmeckt auch den Schweizern. „Kollektives Teilen bis zum letzten Drink“, lacht der Baumeister.
Dann die Homberger Schwermetaller von Atze Schmitz. Diese kümmern sich liebevoll um die Zukunft der deutschen Brauer. Loddar Möbius, der Hühnerbauer, brilliert mit einem zentnerschweren Campingtisch: „Den haut kein Wind um.“

So gesehen dürften wieder etliche Musikfreunde aus dem "Wilden Westen" in den hohen Norden fahren (das erste Line-Up 2018 ist der Hammer). Alte und Junge, Männer und Frauen. Doch egal wie unterschiedlich jeder einzelne ist, viele Dinge einen.

Unglaubliche Gastgeber

Das klassenlose, familiäre und friedliche Miteinander. Die unglaublichen Gastgeber (auf 1.870 Wackener kommen in einer Woche 80.000 Festival-People und noch einmal 70.000 Tages-Metaller und Katastrophen-Touris des Parallel-Spektakels im Dorf). Das vielfältige und hochwertige Musikprogramm. Der unvermeidliche Schlamm. Wenn es den nicht geben würde, dann müsste er noch erfunden werden. Was natürlich Quatsch ist, denn die Orga hat im Vorfeld stets verlässlich dafür gesorgt, dass es fett regnet und der zuvor mit Mist und Mulch malträtierte Boden zu einem sehr typisch riechenden Morast wird. Mithin ein Gruppenerlebnis, was so unnatürlich normal ist, das es Woodstock oder einen Kirchentag um Längen schlägt. Watt mutt, datt mutt.

Text: Ferdi Seidelt / Fotos: Norbert Linn
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 11.08.2017 | 13:35  
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