Interview mit Herman van Veen: "Gott sah alles, auch die Bremsspuren in meiner Unterhose"

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Lokalkompass-Gastautorin Susanne Storck sprach mit Herman van Veen, der in Kürze in der Philharmonie Essen und in der Tonhalle Düsseldorf Konzerte gibt. (Foto: Casper van Aggelen)
 
Herman van Veen wird auf Tour unter anderem von Sängerin und Gitarristin Edith Leerkes begleitet. (Foto: Letja Verstijnen)
Essen: Philharmonie |

„Fallen oder Springen“ heißt das aktuelle Album von Herman van Veen. „Jede Minute hast du die Wahl…“ Wenn du’s siehst. Wenn du‘s willst. Endlich gastiert der niederländische Künstler wieder bei seinen Nachbarn. Mit einem Ensemble aus exzellenten Musikern ist der 71-Jährige in der kommenden Woche, am 29. Und 30. September, in der Essener Philharmonie zu erleben, sowie am 7. und 8. Oktober 2016 in die Tonhalle Düsseldorf.

Lokalkompass-Gastautorin Susanne Storck hatte Gelegenheit, mit Herman van Veen vorab zu sprechen. Sie erreichte ihn zuhause auf seinem alten Bauernhof bei Utrecht. Wo er gerade telefoniere? „Im Hauszimmer und jetzt watschle ich hin und her.“

"Die Philharmonie in Essen ist ein spannendes Haus"

Auch nach so vielen Gastspielen ist Essen immer noch etwas Besonderes für Herman van Veen. Einer seiner ersten Auftritte in Deutschland Anfang der 70er Jahre führte ihn nach Essen. „Ein spannendes Haus mit fantastischer Akustik.“ Nach dem Umbau kam er wieder, „auch jetzt ist das ein enormes Konzerthaus“, mit dem ihn „unvergessliche“ Erinnerungen verbinden.

Lokalkompass: Herr van Veen, Sie wirken rein äußerlich seit vielen Jahren so zeitlos, so, als ob Ihnen die Jahre überhaupt nichts anhaben könnten. Wie machen Sie das?
Herman van Veen: Wenn man nicht mit den Ohren guckt, haben Sie Recht. Ich hatte sehr früh wenig Haare und sah also viel früher älter aus als andere. Vielleicht ist es das. Es knarzt zwar links und rechts inzwischen und in den Knien… aber ich habe Glück: Ich bin genetisch in Ordnung.

Sie werden inzwischen oft zu Ereignissen und Erlebnissen befragt, die in der Vergangenheit liegen. Stört Sie das?
Ich habe vier Kinder und drei Enkel, da habe ich wenig Zeit, mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Tagsüber spielt das überhaupt keine Rolle und alte Stücke spiele ich selten. Das spielt nur in Interviews eine wichtige Rolle, und das ist ja unvermeidlich. Man kann nun über die Jahre hin vieles vergleichen, was sich verändert hat. Schauen Sie, früher musste ich um die Ecke zur Telefonzelle gehen, um zu telefonieren…

Nun auch noch eine Frage von mir zu diesem Thema: Was finden Sie richtig doof am Älter werden?
Man hat keinen Einfluss auf diesen Prozess. Man hat Familienmitglieder und Freunde verloren. Aber das ist so. Man hat das zu akzeptieren.

"In Deutschland ist 'Ich hab ein zärtliches Gefühl' Favorit"

Mein Lieblingswerk aus Ihrer Feder ist „Windekind- ein Märchen“ über Selma Meerbaum-Eisinger, eine junge jüdische Frau, die 1942 mit 18 Jahren in einem ukrainischen Arbeitslager starb. Haben Sie ein eigenes Lieblingsstück oder Lieblingslied?
Sehr gerne habe ich eine Fußballgeschichte über einen Mann im Stadion, der sich sehr über das Spiel ärgert. 20 Minuten lang stirbt der Saal vor Lachen. Das mache ich im Utrechter Dialekt, und das funktioniert auch nur hier. Die Leute hier kennen mich durch diesen Monolog, sie haben sich bepisst vor Lachen. Es ist interessant: Jedes Land hat seine Favoriten. In Deutschland ist es „Ich hab ein zärtliches Gefühl“, eines meiner ersten aufmerksamen Lieder. Das kennt man in Holland nicht. Oder auch „Ich lieb dich noch“.

Sie wirken sehr ruhig und ausgeglichen, außer natürlich, wenn Sie auf der Bühne wie ein Derwisch loslegen. Was macht sie richtig wütend?
Ich bin ein ruhiger Mann. Was ist nicht verstehe: Wie Kinderrechte weltweit mit Füßen getreten werden. Was in Syrien passiert – wir sind da Zeugen. Die Kinder dort haben keine Chance. Die Gesellschaft ist nicht in der Lage, Kinderrechte für alle Kinder durchzusetzen. Da kann ich sprachlos und mit weißen Lippen die Bilder im Fernsehen sehen. Das regt mich auf.

"Bitte gebt mir mal die E-Mailadresse von Gott"

Die aktuelle Tournee ist dem Pianisten Erik van der Wurff gewidmet, der am 22. September 2014 gestorben ist. Ist er in Gedanken mit auf der Bühne?
Er ist da. Präsent. Sehr anwesend. Wenn ich eine Harmonie nicht kapiere und ihn fragen will, denke ich: ‚Was, er ist nicht da?!‘“ Er war 52 Jahre bei uns, da habe ich echt einen Bruder verloren.

Ich erinnere mich gut an ein Programm, in dem sie sagten: „Als ich klein war, hatte ich schreckliche Angst vor Gott. Weil Gott immer alles sah, auch die Bremsspuren in meiner Unterhose. Das fand ich nicht schön, es war nämlich meine Spur.“ Wie ist es heute um ihr Verhältnis zu Gott bestellt?
Mein Opa war Prediger. Die Idee, dass da was hängt im Haus, das alles sieht, war unvorstellbar. Inzwischen habe ich die Metapher kapiert. Was ich schlimm finde: Menschen, die im Namen Gottes alles Mögliche tun. Die Ehefrau meiner Tochter Anne ist katholisch, die beiden Mädel hätten gerne in der Kirche geheiratet. Annes Frau hat ihre Liebe teilen wollen in ihrer Tradition. Aber das war absolut unbesprechbar. Es hieß, Gott wäre damit nicht einverstanden. Ich dachte schon manchmal: „Bitte gebt mir mal seine E-Mail-Adresse.“

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich auf der Stelle wünschen?
Frieden.

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2 Kommentare
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Dagmar Drexler aus Wesel | 25.09.2016 | 08:56  
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Norbert Opfermann aus Düsseldorf | 28.09.2016 | 10:13  
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