Fußballrudelgucken

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Törööö für Deutschland! So voll war’s beim WM-Finale 2014 unter der Brücke. Foto: Archiv

Wenn der Schweini losrennt - Public Viewing unter der Gustav-Heinemann-Brücke



Die Fußballer tragen ihre Europameisterschaft in Frankreich aus. Auch das Abteistädtchen Werden ist mit von der Partie, sitzt vorm Fernseher, allein, in kleinem Kreis oder im ganz großen Rahmen. Auf dem Treidelplatz hat Wiesn-Wirt Mali Sirin, selbst passionierter und höchst erfolgreicher Kicker, sein „Public Viewing“ aufgebaut.

Bange Blicke in den Himmel braucht er nicht zu senden, denn unter der Gustav-Heinemann-Brücke ist es immer trocken, im wetteranfälligen Deutschland durchaus ein gutes und schlagkräftiges Argument. Dennoch mit „Open Air“-Flair, nach und nach trudeln die Gäste ein, manche auf den letzten Drücker, denn die Vorberichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sind nüchtern kaum auszuhalten. Für jeden ist reichlich Platz, notfalls rückt man an den Tischen zusammen. Die emsigen Kellnerinnen im Deutschland-Outfit kümmern sich um die Bestellungen, sonst sind erstaunlich wenig Kostümierungen, Fahnen, Fanschminke zu sehen. Die Werdener lassen die EM ruhig angehen. Aber lustig geht’s schon zu, spätestens bei der Nennung des Schiedsrichters Atkinson blüht der Flachs: „Ach, den kenne ich. Rowan Atkinson, ist das nicht Mister Bean?“ Nein, ist er nicht. Jogis Burschen marschieren, die Stimmung ist prächtig, der letzte Unwissende wird über den historischen Bezug der Örtlichkeit belehrt: „Der Treidelplatz heißt so, weil früher die Pferde, die die Ruhraaken zogen, also treidelten, hier an genau dieser Stelle das Ufer wechselten, vom Leinpfad auf diese Seite.“ Aha, wer sagt da noch, Fußballrudelgucken würde nicht bilden?

„Hotte“ Mustafi

Der Reporter redet die Deutschen stark, Mustafi hält in bester Hotte-Hrubesch-Manier den Schädel hin, ganz Deutschland freut sich, nur der Gauland nicht. Übrigens ein heiß diskutiertes Thema unter den Fußballfans, die über den AfD-Vize und seine verqueren Aussagen nur spotten: Ob man so einen wie den Boateng als Nachbarn haben wolle? „Warum nicht, der ist bestimmt ein Ruhiger. Aber ob ich mir ein Häusken in dessen Nachbarschaft überhaupt leisten könnte?“
Nun ja, es sind halt Jungmillionäre in kurzen Hosen, die da mit ihren strammen Waden über den nordfranzösischen Rasen flitzen. Boateng kann es auch elegant, wie der den Ball artistisch im Rückwärtsfallen noch von der Linie kratzt: „Ich hätte mir da bestimmt alle Gräten gebrochen!“ Überhaupt, soo souverän ist der Weltmeister dann doch nicht, die Ukraine wehrt sich und wird von einem älteren Herrn in höchsten Tönen gelobt: „Die sind echt schnell da vorne und saugefährlich.“ Aber wir haben ja den Neuer. Welttorhüter 2013, 2014, 2015. Der versteht was von seinem Fach: „Den konnte man eigentlich gar nicht halten!“ Der Manu kann‘s doch. Pause, zur Toilette gehen, Freunde begrüßen: „Ach Du auch hier?“ „Jau, erste Reihe.“ Sofort der nächste Witz: „Und wie steht es bei Euch da vorn?“ Haha.

Ein UEFA-Skandal

Im zweiten Durchgang wird’s irgendwie langweilig. Deutschland dominiert, die Ukraine wirkt ein wenig ausgepowert. Dann die bange Frage des Vordermanns: „Wie spät isset bitte? Ich muss den letzten Bus erwischen, der fährt um 38.“ Tja, dann heißt es jetzt au revoir für den älteren Herrn, dem die ukrainischen Flügelflitzer so gut gefielen. „Ein Skandal“, dröhnt es vom Nebenmann, „was hat sich die UEFA bloß bei dieser späten Anstoßzeit gedacht? Wo doch der letzte Bus fährt?“ Ein unsicherer Seitenblick, ernst gemeint? Nee, natürlich nicht. Ebenso lustig finden alle Zuschauer die Einwechslung in der Schlussminute. Der Schweini kommt. „Poah, ist der grau geworden. Der verletzt sich bestimmt gleich wieder, pass mal auf.“ Von wegen. Özil flankt, wo war der eigentlich die ganzen 90 Minuten über? Auf dem Klo? Mann weisset nicht. Also, Özil flankt, Basti rauscht heran und nagelt das Spielgerät per Dropkick in die Maschen, spurtet weiter, klatscht die ganze Bank ab, hüpft dem Neuer in die Arme. Kann man sagen, was man will, doch der Fußball schreibt schon außergewöhnliche Geschichten. Auch die Werdener Fans sind aufgesprungen, eigentlich zum ersten Mal kommt so etwas wie Euphorie auf.

Wohin am Donnerstag?

Abpfiff, schnell nach Hause, denn die Analysen hinterher kann man ebenfalls nicht ertragen. Gut gelaunt zuhause angekommen, stellt sich die Frage: „Wohin am Donnerstag?“ Da gibt es große Auswahl, beim Tennisclub, im Sportpark Löwental, einfach mal auf der heimischen Couch bleiben? Diesmal wird wohl „kunstwerden“ an der Reihe sein, mit passender Ausstellung von originalen Fußball-Bildern des 2012 verstorbenen Grafikers Rüdiger Eschert, bekannt aus den ZDF-Sportstudios.
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