Flüchtlingskinder - neue Heimat Bockmühle

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Vor 42 Jahen öffneten sich die Bockmühle-Türen, die erste Gesamtschule Essens. Geändert hat sich seitdem alles: Schülerschaft, der Stadtteil. Vor immer neuen Herausforderungen steht die Schulleitung mit Kollegium. Wie jetzt die steigende Anzahl Flüchtlingskinder...Mit viel Engagement ist immer dabei Schulleiterin Julia Gajewski samt Lehrerschaft. Foto: Gohl
 
Kennerin mit viel Einsatz: Lehrerin Sonja Suermann in der Auffangklasse. Seit 15 Jahren hat sie mit Migranten zu tun, erst in der offenen Jugendarbeit, dann in der Schule. Spanisch spricht sie fliessend, da sie in Guatemala und Kolumbien gewohnt hat. Aber auch in Afrika war sie öfters unterwegs, betreute dort ein Projekt. Neben Spanisch spricht sie Englisch, macht derzeit einen Arabischkurs. Foto Gohl
 
Lehrerin Kristina Alborova unterrichtet Deutsch als Fremdsprache. Foto: Gohl
Ein Schul-Besuch: Über Schulpflichtverletzung, fehlende Zuschüsse, Personalmangel - mehr...!

Vor 42 Jahren öffneten sich die Bockmühle-Türen, die erste Gesamtschule Essens. Ein klasse Klotz! Ragt nicht in den Himmel, liegt geschützt im Altendorfer Grüngürtel. Geändert hat sich seitdem alles: Schülerschaft, der Stadtteil. Vor immer neuen Herausforderungen steht die Schulleitung mit dem Kollegium. Wie jetzt die steigende Anzahl Flüchtlingskinder, die nicht Deutsch sprechen. Wie packt die Schule das „sprachlose“ Problem?

Stichwort Seiteneinsteiger – für einige Schulen noch kein Thema. Für die big Bockmühle mit circa 1500 Schülern, 50 Nationalitäten, multi-Kulti, seit langem Alltag. Wir sprechen mit Schulleiterin Julia Gajewski; mit Lehrerin Sonja Suermann.
Gajewski ist ein „alter Hase“,sie unterrichtet an der Gesamtschule seit 15 Jahren.

Wie lange haben Sie Seiteneinsteiger?
„Ewig. Zurzeit zwei Klassen mit 40 Kindern. Vollbesetzt!“

Wie bekommen Sie Zugang zu den Kindern?
„Die kein Deutsch können, haben im Grunde ihre Heimat in der Teamklasse. Zunächst lernen sie mit den Augen - durch Abschauen – bei Sport, Kunst, Technik.Vormachen. Nachmachen. In den Schulstunden, wo andere Deutsch lernen, holen wir sie aus den Klassen. Sie kommen in Kleingruppen 3 bis 8 Schüler, 1 Pädagoge, der ihnen Deutsch beibringt.
Wir haben auch Lehrer mit Migrationsgeschichte, die neben Englisch andere Sprachen perfekt sprechen; aus Afrika, Arabien; einige sprechen russisch; andere türkisch, spanisch, persisch usw. Wir machen das schon seit über 20 Jahren. Das ist nicht neu.“

Was ist jetzt anders, neu?
„Für uns ist die hohe Anzahl neu – wie für die Stadt Essen. Es kommen nicht nur Flüchtlings-kinder sondern auch Zuwanderer aus unterschiedlicher Motivation. Aber alle haben ein Recht auf Bildung. Es gibt wenig Schulen, die 40 nicht Deutsch sprechende Kinder, beschulen.

Was bemängeln Sie?
„Das Problem kann nicht nur der Stadtteil Altendorf bewältigen sondern flächendeckend. Mein Wunsch für die Kinder: Alle Schulformen, auch Gymnasien, müssen sie beschulen.“

Was kritisieren Sie?
„Vor zwei Jahren hatten wir für 15 Zuwanderer, ohne Deutschkenntnisse, eine Lehrerstelle. Heute für 20 Kinder lediglich eine halbe Lehrerstelle. Wir werden jetzt beschnitten.

Was ärgert Sie?
„Das Land verteilt nur um, investiert nicht. Schulen, wie die Bockmühle Altendorf, ist nicht der Süden. Es ist hart, wenn man nur eine halbe Stelle bei einer insgesamt sehr zeitaufwändigen Arbeit mit den Kindern bekommt; sehr schwer zu schaffen.“

Was vermissen Sie?
Lehrer-Kapazitäten. Damit wir die Kinder mehr fördern können. Dass wir mehr Zeit für sie haben, die sie verdienen. Ich wünsche mir eine positivere Einstellung den Kindern gegenüber. Eine Art Willkommenskultur. Ein schöneres Ankommen in Essen, so dass die Menschen nicht das Gefühl haben, „eingesperrt“ zu werden. Menschenrechte müssen gewahrt werden.“

Der nächste starke Flüchtlingsschub wird im Februar erwartet.

Besuch in der Bockmühle-Auffangklasse
mit Null-Deutschkenntnissen


Fünf Schüler-/innen blicken ernst in ihr Schulbuch. Der schlanke, farbige Junge dreht sich um, er schaut mich freundlich an. Wie gefällt es ihm hier, seit wann besucht er diese Klasse? Sein fragender Blick richtet sich an Lehrerin Sonja Suermann. Sie übersetzt ihm meine Fragen. Er antwortet spanisch. Ich verstehe nichts…

Lehrerin Suermann ist auf Anhieb sympathisch, strahlt Wärme aus. Die 33-Jährige wird angehimmelt von ihren Newcomern. Sie nimmt den 14-jährigen Alan in den Arm. Keine aufgesetzte Herzlichkeit. Die Kinder vertrauen ihr – grenzenlos. Das Schicksal des 14-jährigen Alan ist unfassbar. Dazu später. Wie jedes – von 40 Kindern! Wie sieht der Schulalltag der 33-jährigen Lehrerin mit Kindern aus, die Unglaubliches durchlebt haben…?

„Derzeit bemühen wir uns darum, den Lernprozess noch zu optimieren, indem wir mit neuen Lehrwerken und noch abwechslungsreicheren Methoden und Medien arbeiten. Tests nach verschiedenen Kompetenzstufen A1, A2, B1 usw. sind angedacht. Vor allem, was die Medien angeht, könnten wir natürlich noch Zuschüsse gebrauchen.

Gerade für Anfänger, die teilweise 4-5 Stunden am Tag Deutschunterricht erhalten, wird es spätestens nach 2 Stunden langweilig, wenn sie immer nur mit dem Kursbuch arbeiten. So bereiten wir gerade mehrere Lernboxen vor. Auch Vokabelkärtchen und LÜK-Kästen haben wir endlich besorgt.

Mein Ziel ist es auch, individuelle Wochenpläne und Lerntagebücher einzuführen... das machen wir alles nach und nach... Es fehlt auch noch an Hörbüchern, einfachen Lektüren für Anfänger und speziellem Übungsmaterial für die Fortgeschrittenen, die vor allem das Fachvokabular erarbeiten müssen, um nach spätestens 2 Jahren am regulären Fachunterricht (Biologie, Gesellschaftslehre usw.) teilnehmen zu können. Das erfordert sicher noch viel Zeit, bis wir da ein umfassendes Konzept und geeignete Materialien zusammen gestellt haben...
Ein Problem ist sicher, dass wir personell zwar gut, aber je nach Anspruch nicht ausreichend ausgestattet sind. Eine durchgehende Doppelbesetzung wäre sicher-lich wünschenswert. Derzeit sind wir nur in wenigen Stunden zu zweit. In 3 Stunden pro Woche unterstützt uns eine Schülerin aus Klasse 11, die sehr engagiert ist.

Eine spezielle psycho-soziale Betreuung für traumatisierte Flüchtlingskinder gibt es nicht. Da fehlt es sicher noch an Vernetzung und vielleicht auch an Fachleuten, die mal zur Schule kämen.

Ich habe zumindest das Gefühl, dass die Schüler der Auffangklasse gerne kommen und sich uns anvertrauen, da wir doch deutlich mehr Zeit für die einzelnen Schüler haben (also wichtige Bezugspersonen sind) als in den regulären Klassen, wo es mindestens genauso viele Schüler gibt, die viel mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit benötigen. Eigentlich wünsche ich mir für alle unsere Schüler so einen Rahmen wie in der Auffangklasse.
Wenn noch mehr Flüchtlinge kommen, brauchen wir sicher noch einen zweiten Raum, dementsprechend mehr Personal.

Neulich erfuhr ich bei einer Veranstaltung, dass es noch viele Flüchtlingskinder in Essen geben soll, die trotz Schulpflicht seit Monaten nicht zur Schule gehen, weil nicht genügend Plätze vorhanden sind. Das darf nicht sein! Auch muttersprachlicher Unterricht wird noch in zu wenigen Sprachen angeboten. Die Zweisprachigkeit von diesen Kindern, Jugendlichen sollte noch positiver wahrgenommen und honoriert werden, auch was die spätere Eingliederung ins Berufsleben angeht.

Besonders berühren mich die Fälle, in denen Schüler so allein gelassen werden. Das Mädchen, das schon als kleines Kind beide Eltern verloren hat; ein Junge, der allein nach Deutschland geflohen ist, bis er zumindest seinen Vater wieder gefunden hat; ein Mädchen, das bewusst von ihrer Mutter im Heimatland getrennt wurde, um beim Vater und der Stiefmutter in Deutschland zu sein... diese Jugendlichen leiden am meisten. Aber in den letzten Jahren habe ich so viele Einzelfälle kennen gelernt und jeder ist besonders - tragisch!“

Der 14-jährige Alan - sein Schicksal
Vor drei Monaten kam Alan aus der Dominikanischen Republik nach Deutschland. Seit drei Monaten besucht der 14-Jährige die Auffangklasse Bockmühle. Er zählt zu den Anfängern, erhält 14 Stunden Unterricht in der Woche. Seine Mutter kannte er nicht. Nach der Geburt verließ sie ihn; sie schickte ihm nur immer Geld zu. Einmal sah er sie in der Dominikanischen Republik. Alan wuchs bei einer Bekannten auf. „Man spürt schon, dass es ein Schock für ihn ist, hier anzukommen. Auch wenn er hier hin wollte“, so seine Lehrerin.
Jetzt lebt er mit zwei Schwestern bei der Mutter. Die Beziehung ist noch schwierig, wobei Alan versucht, sich anzupassen. „Zuhause“ wird spanisch gesprochen.
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Hermann Schmidt aus Essen-West | 19.11.2014 | 16:25  
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