Höhenflug einer Flüchtlings-Patenschaft

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Vor dem ersten Besuch im Grillo-Theater machten sich die drei Flüchtlingskinder Kirti (aus Afghanistan), Nihad (Irak) und Kelvin (Nigeria) so richtig fein - vorher in der Bodelschwingschule. Fotos: privat
 
Kirti (rechts) bedankte sich bei unserem Treffen mit einer gebastelten Weihnachtskerze an ihre Patin Doris Eisenmenger: „Du machst für uns alles. Du bezahlst für uns alles. Deshalb wollte ich Dir auch mal was schenken.“
Bodelschwingh-Schülerin ist die Entdeckung: Stipendium an der Folkwang Musikschule!

Es gibt Menschen, die ziehen magisch an - wie Doris Eisenmenger. Die 2. stellvertretende Bezirksbürgermeisterin redet Klartext. „Ja, ich liebe Kinder. Schon lange habe ich überlegt, was ich machen kann.“ Elektrisiert war sie, als Hanne Herz-Höhnke, Bodelschwingh-Rektorin, mit ihr über Patenschaften sprach. „Zu viele Kinder unserer Schule (94% Migranten) können privat am Nachmittag oder am Wochenende an einer sinnvollen Bildung nicht teilnehmen.“ Beherzt packte Doris Eisenmenger zu. Ihr Glück heißt Kirti…

Kümmern – statt verkümmern. Danach richtet sich die Altendorfer Schulleiterin mit immer neuen Ideen. „Um Kinder, vor allem mit Zuwanderungshintergrund, zu stärken und ihnen Teilhabe-Chancen zu ermöglichen, müssen sie frühzeitig differenziert und kontinuierlich gefördert werden.“

Fakt ist: Lehrermangel. Obwohl Ministerin Silvia Löhrmann stets predigt, dass es nicht stimmt. „Studien wie PISA belegen für Deutschland, dass die Bildungschancen vor allem davon abhängen, wie gut Kinder und Jugendliche die deutsche Sprache beherrschen. Mangelt es am Leseverständnis, beeinträchtigt dies auch den Wissenserwerb in allen anderen Fächern. Doch je älter das Kind ist, desto schwieriger wird es, eine Sprache auf allen Ebenen gut zu beherrschen“, versichert die Rektorin.

Folglich ist das Patenschafts-Projekt an der Bodelschwingh-Schule eine sinnvolle und wichtige Ergänzung zu den Regelangeboten der Schule.
Zurück zur neun-jährigen Kirti aus Afghanistan. Vor vier Jahren sprach sie kaum Deutsch.

Seit September heißt ihre Patin Doris. Und die steckt voll Glück. „Es ist eine große Freude, wenn ich auf den Schulhof komme. Dann geht mir das Herz auf. Die Kinder laufen mir entgegen, sie freuen sich, umarmen mich, sind sehr offen, höflich, zuvorkommend, auch selbstbewusst. Mittwochs ist mein Tag! Ich nehme mir Zeit, um mit Kindern was Schönes zu machen. Mit Kirti und anderen. Im Winter gehen wir ins Theater oder Kino. Im Sommer - weil ich es gern als Kind machte – mal nach Wuppertal mit der Schwebebahn fahren, in den Zoo gehen, Bötchen fahren oder andere Aktivitäten.“

Kirti sowie Klassenkameradin Nihad (10) Irak und Kelvin, 10, Nigeria, besuchten am 1. Adventsonntag mit Doris das Grillo. Die Kinder amüsierten sich köstlich über Anton – ein Mäusemusical. Diese Woche zogen sie gemeinsam ins Kino, Premiere „Heidi“.

Wer denkt, dass die drei Schüler immer dicke Freunde waren, irrt. „Aber ich denke mir was dabei“, so die Schulleiterin. „Nihad war früher etwas „faul“. Hatte nie die Aufgaben gemacht. Ich wusste aber, da steckt mehr drin und sprach etwas scharf mit ihr. Bis der Tag der Begegnung mit Frau Eisenmenger kam. Da passierte was mit ihr. Vor allem durch die Zuwendung. Denn sie hat noch fünf Geschwister. Muss täglich auf sie aufpassen. Der Dritte im Bund ist Kelvin. Beschützer, Manager der zwei Mädels.

Doch welche Gedanken schossen Kirti beim Patin-Kennenlernen durch den Kopf? „Ich freute mich. Danach bekam ich aber noch ein bisschen Angst. Habe ein bisschen gezittert. Ich wusste ja gar nicht, wer das ist.“ Die Rektorin versichert: „Dadurch, dass wir mit den Eltern im Vorfeld über alles sprachen, sagte der Vater mir: Ich vertraue ihnen blind, Frau Herz-Höhnke.“

Doris Eisenmenger beschäftigt sich intensiv mit einigen Viertklässlern. Die Patin kommt jeden Mittwoch für einige Stunden in den Unterricht, hilft nicht nur in der Lernzeit aus. Sie hört sich auch die Probleme der Kinder an, liest mit einzelnen, singt im Musikunterricht mit. Für die Schüler gehört die Patin schon zum „Inventar“, zur Schul-Familie. Sie gewann schnell das Vertrauen der Kinder.

Sie schaffte mit Kirti den Glückgriff. Tja, die Stimme von Kirti entdeckte die Rektorin. „Die Stimme fiel mir voriges Jahr sofort auf; folglich wurde die Schülerin für den Gottesdienst „gebucht“. Sie sang vor.“ Lob prasselte von allen Lehrern auf ihr Haupt.

Singen gehört zu ihrem jungen Leben. „Ich singe und tanze gerne.“ Nicht nur. Sprachbegabt ist die Kleine. „Zuhause sprechen wir Hindi. Meine Muttersprache ist Kandari. Von Papa die Sprache ist Kabli. Englisch kann ich etwas. Am besten spreche ich Deutsch."

Kirtis Stimme darf jetzt also auf Höhenflüge gehen. Mit Unterstützung von Ratsfrau Jutta Pentoch, Doris Eisenmenger sowie der Schulleiterin bekam die Neunjährige einen Termin zum Vorsingen bei Dr. Witt und einer Musikpädagogin. „Nach vier Wochen das Ergebnis. Ein Stipendium für ein Jahr in der Folkwang Musikschule. Dort wird deine Stimme weitergeschult… freuten sich alle mit dem Jung-Talent.
Kirti bedankte sich bei unserem Treffen mit einer gebastelten Weihnachtskerze an Doris Eisenmenger: „Du machst für uns alles. Du bezahlst für uns alles. Deshalb wollte ich Dir auch mal was schenken.“ Tja, da muss sich keiner schämen, wenn die Augen feucht werden.

Wir hören garantiert noch großes von dem kleinen Flüchtlingskind Kirti.
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