Niers-Drama: "Ich hatte noch nie eine Leiche gesehen, das war das Schlimmste"

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Sarander Rasimi, Ibadete Vrella-Shala, Florije Rasimi und Mehmedali Rasimi stehen an der Nierswelle,wo sich am Sonntag Nachmittag ein schrecklicher Unfall ereignete.Foto: Steve
Goch: Nierswelle |

Nach dem tödlichen Bade-Drama an der Nierswelle vom Sonntag sprach das Gocher Wochenblatt mit Sarander Rasimi, die für die betroffene Familie vom albanischen ins Deutsche übersetzten half.

Von Franz Geib

Das tödliche Badedrama an der Gocher Nierswelle hat tausende Menschen bewegt. Auch drei Tage nach dem Unfall des zehnjährigen Erti Q. sind die Ereignisse noch bei etlichen Menschen im Bewusstsein. Vor allem bei Sarander Rasimi: Die junge Frau war unmittelbar nach Bekanntwerden im Lokalkompass zur Unglücksstelle und half den verzweifelten Eltern und Angehörigen, die erst vor kurzem aus Albanien nach Deutschland flüchteten.

"Es war nur schrecklich"


"Es war einfach nur schrecklich", erzählt die angehende Zahnarzthelferin exklusiv dem Gocher Wochenblatt vom Geschehen am Sonntag Nachmittag.
Eigentlich wollte die junge Auszubildende den schönen Sonnen-Sonntag genießen, als sie von ihrer Freundin Ibadete Vrella-Shala vom Unglück an den in Goch beliebten Treffpunkt erfuhr. Diese wurde von einem Bruder einer Freundin angerufen. Im mit den sozialen Medien verlinkten Lokalkompass, dem Internet-Portal des Gocher Wochenblatt, erfuhr sie dann mehr. "Als ich las, dass ein albanisches Kind betroffen sei, bin ich sofort zur Nierswelle, um vielleicht helfen zu können," berichtet die Jugendliche, deren Eltern ebenfalls albanischer Herkunft sind.
An der Nierswelle traf sie auf Gochs evangelische Pfarrerin Rahel Schaller, die bereits vor Ort war, um den Eltern und deren Angehörigen seelsorgerischen Beistand zu geben. "Da waren alle Albaner aus Goch, aber niemand der übersetzen konnte und die Eltern wussten bis zu diesem Zeitpunkt nicht, was mit dem Kind ist", so Sarander Rasimi. Die Situation war schon da ziemlich chaotisch mit Frauen, die immer wieder in Ohnmacht fielen, und Männern, die aufgelöst herumirrten: "Ich habe versucht, zu beruhigen, habe ohnmächtige Frauen in die stabile Seitenlage gebracht."

Mit den Eltern ins Krankenhaus


Von Rahel Schaller erfuhr Sarander Rasimi später, dass der Junge gefunden worden war und ins Krankenhaus gebracht werden soll: "Ich sollte den Eltern sagen, dass es dem Jungen soweit gut gehe. Die sind dann zusammen mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren."
Viele der Angehörigen seien mit dem Zug oder anderen Verkehrsmitteln ins Klever Hospital gefolgt, auch Sarander Rasimi kam nach einer kurzen Verschnaufpause im Warteraum an: "Hier war das Gleiche. Viele Menschen redeten auf die Ärzte und Pfleger ein, doch niemand konnte übersetzen." Bis dann die Nachricht kam, dass der Junge trotz sofort eingeleiteter Reanimationsversuche, den Unfall nicht überlebt hat. Diese Nachricht sollte die junge Gocherin nun den Eltern mitteilen. ...
"Das war für mich das Schlimmste!", erzählt sie während ihr die Tränen kommen. Die Reaktion der Eltern, als sie die schockierende Nachricht vernahmen, war für die junge Frau kaum in Worte zu fassen. "Der Vater (Genci Q.) schrie vor Schmerzen, die Mutter (Roza Q.) schlug immer wieder mit dem Kopf auf den Boden. Ganz schlimm!" Trotz verabreichter Medikamente ließen sich die Eltern nicht beruhigen, wollten unbedingt den Sohn sehen. "Ich hatte bis dahin noch nie eine Leiche gesehen", sagt die junge Frau. Die Eltern hätten den Sohn immer wieder geküsst, wollten mit "Steh auf! Steh auf!" das Unglück nicht akzeptieren. "Sie wollten in ihrer Trauer sogar auf die Leiche drauf, und sahen in ihrem Leben keinen Sinn mehr, wollte sich mit einem Messer das Leben nehmen", stammelte Sarander noch fassungslos. Die junge Gocherin versuchte zu beruhigen, wo sie nur konnte: "Ich habe versucht zuzureden, und daran appelliert, dass sie noch an ihre anderen Kinder denken müssten."

Nachher Angehörige ins Hospital gefahren


Gut eineinhalb Stunden lang verbrachte Sarander Rasimi im Krankenhaus, bis sie schließlich erschöpft nach Hause fuhr. Ihre Hilfe endete allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Immer wieder half sie mit einem "Taxi-Dienst", brachte weitere Angehörige mit dem Auto ins Krankenhaus, damit diese dort trauern konnten. "Am Ende war ich total fertig", erzählt sie weiter mit zittriger Stimme und blickt zu ihren Eltern, die ebenfalls beim Gespräch mit dieser Zeitung anwesend waren und ihre Tochter zur Hilfe ermunterten. Der Vater Mehmedali Rasimi: "Als wir die schreckliche Nachricht bekamen, haben wir ihr gesagt, fahr dahin, und versuche den Menschen zu helfen."
Natürlich kommt auch die Frage der Schuld auf, doch darauf wollte sich keiner der Anwesenden festlegen, wie Sarander Rasimi meint: "Man kann keinem die Schuld direkt geben. Aber ich denke, wenn ein solches Hochwasser ist, hätte man vorher absperren müssen." Und Freundin Ibadete Vrella-Shala ergänzt: "Man hätte vielleicht auch die Flüchtlinge darüber informieren müssen, was man darf und was nicht."
Zum Schluss des Gespräches erinnert sich Sarander an einen bemerkenswerten Satz, den ein Flüchtling aus dem engeren Familienkreis sagte: "Wir sind hierher gekommen, um ein besseres Leben zu führen. Und jetzt passiert uns so etwas."
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2 Kommentare
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Ewald Noy aus Goch | 08.06.2016 | 19:59  
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 08.06.2016 | 21:16  
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