Ruhr-Renaturierung: Auf Interview mit einem Gegner folgt positives Fazit vom NABU

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Gerd Walther ist Sprecher vom „Initiativkreis Winzer Ruhrbogen“.
Hattingen: Winzer Ruhrbogen |

Vor einer Woche war sie, die lang erwartete Umweltschutz-Ausschusssitzung. Lang erwartet deshalb, weil hier Verwaltung und Lokalpolitik zum ersten Mal, wie es hieß, offiziell über die Pläne der so genannten „Ruhr-Renaturierung“ durch die Bezirksregierungen Arnsberg und Düsseldorf informiert werden sollten.

Spannend ging es auch darum dabei zu, weil sich rund zehn Einwohner mit Fragen angemeldet hatten, die alle die geplanten Maßnahmen vor allem am „Winzer Ruhrbogen“ zum Thema hatten. Darüber hat der STADTSPIEGEL ja bereits in seiner letzten Samstag-Ausgabe berichtet.
Diese Fragesteller kamen aus beiden Lagern – also Gegnern und Befürwortern der aus der europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) resultierenden Pläne. Allein der Initiativkreis Winzer Ruhrbogen, der über 3.500 Unterschriften gegen die Pläne gesammelt hat, war mit einem Katalog von rund 60 Fragen präsent. Diese und die Fragen der anderen Fragesteller werden Stadtverwaltung, Bezirksregierungen und Planungsbüro gemeinsam abarbeiten und im Protokoll zur Sitzung veröffentlichen. Über die persönlichen Erkenntnisse aus der Sitzung, den geplanten Arbeitskreis und mehr sprach der STADTSPIEGEL jetzt mit Gerd Walther, dem Sprecher des Initiativkreises.

Herr Walther, welches ist Ihr Fazit nach der Sitzung vom Umweltausschuss?
Gerd Walther: Den gesamten Ablauf und die anlässlich der Veranstaltung gestellten Fragen kann man nur positiv bewerten. Man redet miteinander und sucht nach Kompromissen.
Die Informationen waren ausgiebig und auch für Laien nachvollziehbar.
Das Konzept zum Umbau der Ruhr, das die Bezirksregierung dem Ausschuss vorstellte, ist gegenüber den Planungen vom April dieses Jahres mehrfach modifiziert und aus unserer Sicht stark verbessert worden.

Halten Sie nach wie vor daran fest, dass der Winzer Ruhrbogen in seiner jetzigen Form zu erhalten ist?
Ein uneingeschränktes Ja . Unsere Aktionen und die Unterschriftslisten hatten den Slogan: „Initiative zum Erhalt des Ruhrbogens“. Daran halten wir fest.
Der Ruhrbogen gehört zu Hattingen wie die Altstadt und die Isenburg. Er muss erhalten bleiben, so wie er seit 250 Jahren unverkennbar das Landschaftsbild geprägt hat und somit – wie beantragt – unter Denkmalschutz gestellt werden muss.

Was sagen Sie dazu, dass zumindest einer der Unterzeichner Ihrer Liste mit 3.500 Unterschriften inzwischen gesagt hat, wenn er das über das Projekt gewusst hätte, was er heute weiß, dann hätte er nie unterschrieben?
Inwieweit die seit der Unterschriftenleistung vorgenommenen Änderungen am Umbaukonzept den einen oder anderen Hattinger Bürger veranlasst haben, seine Meinung ganz oder teilweise zu ändern, ist seine freie Entscheidung, die wir kommentarlos akzeptieren. Allerdings sind nach der Veranstaltung auch zahlreiche Unterschriften für unsere Aktion eingegangen.

Nachdenklich macht, dass von Ihrem einstigen „Front-Mann“ Martin Maschka zuletzt weder zu hören noch zu sehen war. Auch bei der Ausschuss-Sitzung saß er nur stumm auf der Zuhörer-Tribüne. Hat er sich inzwischen vom Initiativkreis distanziert, nachdem er ja bei der Veranstaltung in der Gebläsehalle Anfang November noch einer der Wortführer war?
Herr Maschka ist zur Zeit aus gesundheitlichen Gründen und wegen beruflicher Überlastung in seinem Aktionsradius stark eingeschränkt.
Es ist selbstverständlich, dass Herr Maschka nach wie vor unser sachkundiger „Frontmann“ ist und seine Themenschwerpunkte weiterhin aktiv vertritt. Da ich bisher schon die formellen und organisatorischen Abläufe bearbeitet habe, wurde mir die Sprecherrolle des Initiativkreises angetragen.

Wie sehen die nächsten Pläne Ihres Initiativkreises aus?
Dem Initiativkreis ist nun erfreulicherweise von der Bezirksregierung das lange gewünschte separate Info-Gespräch angeboten worden. Erst nach diesem avisierten Termin entscheiden wir über die weiteren Schritte.
Hierzu gehört auch, dass wir die kontaktierten Institutionen – unter anderen LWL, Denkmalschutzbehörde Arnsberg, Untere Landschaftsbehörde – informieren und die weitere Vorgehensweise abstimmen.
Die vorbereitete Petition wird aufgrund der neuen Sachlage zurückgestellt und erst bei Vorlage konkreter Pläne erneut überprüft und gegebenenfalls eingereicht.

Werden Sie dahin gehend konstruktiv im geplanten Arbeitskreis aus Bezirksregierung, Planungsbüro, Stadtverwaltung, Lokalpolitik sowie Gegnern und Befürworten des Projektes mitarbeiten, dass Sie auch bereit zu eventuellen Kompromissen wären?
Der Initiativkreis ist fachlich gut aufgestellt und wird an dem geplanten Arbeitskreis selbstverständlich teilnehmen. Eine gewisse Skepsis ist bei so vielen Beteiligten allerdings vorhanden.
Wir streben eine einvernehmliche Lösung an und haben für einen eventuellen Kompromiss auch schon alternative Vorschläge.

Würden Sie und Ihre Initiative gegebenenfalls auch den Klageweg beschreiten, um die Ruhr-Renaturierung zu verhindern?
Diese Möglichkeit haben wir noch nicht diskutiert. Im Planfeststellungsverfahren können nach Paragraf 31 Wasserhaushaltsgesetz nur Betroffene – also die Fischereirechtsinhaber – Einspruch einlegen. Wir werden aber die uns verbleibenden Möglichkeiten zur Verhinderung der Umgestaltung der Ruhr ausschöpfen, sofern es nicht zu einer Einigung kommt.


NABU zieht positives Fazit

Ein positives Fazit zieht der Naturschutzbund (NABU) aus der Auseinandersetzung um die Renaturierung des Ruhrbogens.

Die Lage, so die aktiven Naturschützer, habe sich merklich entspannt. „Viele Fragen sind beantwortet und viele Ängste in der Bevölkerung sind beruhigt. Jetzt kommt es darauf an, konstruktiv aufeinander zuzugehen“, so Sprecherin Isolde Füllbeck.
In den Einwohnerfragen während der Bau- und Umweltausschusssitzung habe der NABU mit vier konstruktiven Vorschlägen versucht, den Dialog auch mit den absoluten Gegnern aufzunehmen. „Auch wenn der Dialog nicht mit denen gelingen kann, die keinen Kompromiss wollen, sondern an ihrer Ablehnung festhalten, ohne Sachargumente zu haben, sind wir froh, dass einige nun erkennen, dass sie ihre Unterschrift gegen die Renaturierung unter falschen Vorzeichen gegeben haben.“
Kompromisse mit Anglern, Freizeitsportlern und auch manchen Heimatfreunden seien möglich und absehbar.
Die Stadt solle nun den Vorschlag aufgreifen mit der Bezirksregierung zusammen einen begleitenden Arbeitskreis einzurichten, in dem die Bürger sich einbringen können. Das sollte möglichst noch im Winter passieren, damit der erste Bauabschnitt bald beginnen kann. Denn dann könne man sowohl die Bürgerbeteiligung erproben, als auch erste Erfahrungen mit den Strömungsbedingungen sammeln.

Lage hat sich merklich entspannt

„Auch sollte man die Besichtigungsfahrt an die renaturierte Ruhr in Arnsberg im zeitigen Frühjahr angehen. Dann kann man sehen, wie attraktiv ein entfesselter Fluss mit Inseln und Kiesbänken auch für das menschliche Landschaftsempfinden ist.“
Schließlich gelte es frühzeitig zusammen mit dem Hattinger Stadtmarketing und der Ruhrgebiets-Touristik „die wilde Ruhr von Hattingen“ zu einem Markenzeichen und einer touristische Attraktion aufzubauen. „Hier bietet der NABU sein naturkundliches Fachwissen und seine Kooperation gerne an!“
Die breite Diskussion über das Für und Wider von mehr Naturschutz an der Ruhr habe nicht nur die Mitgliederzahl des NABU wachsen lassen, sondern dazu geführt, dass manchen jetzt Begriffe wie Wasseramsel, Gebirgstelze, Strömungsrinne oder Fischfauna leichter über die Lippen gehen.
„Ich glaube, wir haben alle dazu gelernt in diesem Prozess!“, freut sich Isolde Füllbeck.
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1 Kommentar
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Torsten Richter-Arnoldi aus Hattingen | 05.12.2014 | 21:02  
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