Das Ehepaar in der rosa Wolke

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Zwei knorrige, alte Bäume, ihres Blattwerks entkleidet, und krumm und schief vom Alter, neigten sich einander zu. Die Zweige verschlungen, die Rinde morsch und faltig und die Wurzeln von dem sich neigenden Gewicht schon teilweise aus dem Boden gezogen, gaben sie einander Halt.
So standen sie, noch nicht ganz gefällt, inmitten frischen Grüns.
Wie zwei Wesen aus einer anderen Zeit.
Sie konnten nicht mehr Schritt halten mit dem neuen Grün. konnten keine Blüten mehr hervorbringen, und wussten, das ihre Zeit fast um war. Die vielen Jahre hatten sie miteinander verwoben, und man ahnte, das sie gemeinsam fallen würden. Bald!

Das Bild, von einer Künstlerin aus der Region, erinnerte sie an ein Ehepaar das sie einmal kennenlernen durfte.
Sie sah sie jeden Tag, auf dem Weg zum Lebensmittelladen.
Ein altes Ehepaar. Grauhaarig und leicht wacklig auf den Beinen.
Sie hielten sich immer an den Händen, und ab und an wandten sie sich die Gesichter zu, und lächelten.
Die alten Augen strahlten dann, wie man es bei frisch Verliebten sieht, und manchmal glaubte sie, eine kleine rosafarbene Wolke um ihre Köpfe herum zu sehen.
Sie ertappte sich, das sie nach Ihnen Ausschau hielt, kamen sie mal später, oder „oh Schreck“, garnicht.
Mit der Zeit grüssten sie sich freundlich, und das Paar schien ebenso wie sie, mit ihrem Erscheinen zu rechnen.
Eines Tages wollte sie mehr von ihnen wissen, und sprach die beiden an.
Sie sagte ihnen, das auch sie immer davon geträumt habe, im Alter noch eine solche Liebe zu haben.
Jemanden der wusste, was sie wollte, noch bevor sie es selber wusste.
Der nie fragen musste, um zu wissen, was sie dachte.
Jemanden dessen Liebe so gross und selbstverständlich ist, wie man sie als Backfisch erträumt, noch bevor man die Welt erfahren muss.
Und sie wollte wissen, wie das alles gekommen war.
Bald, sagten sie, hätten sie diamantene Hochzeit.
Sie erzählten davon, wie sie sich kennenlernten, damals im Krieg. Wie er, kaum 18 jahre alt, im Herbst 1943 eingezogen wurde, und sie dann eine „Stahlhelmtrauung“ hatten.
Sie wollten nach dem Kriegsende heiraten. Wenn Ruhe war, und genug Geld gespart worden ist. Aber jeden Tag kamen mehr Briefe mit schwarzen Rändern an, die sie austragen musste als Postbotin.
Und beiden wurde entsetzlich klar, das sie sich vielleicht nie wiedersehen würden.
Nein! So hatten sie sich ihre Liebe nicht vorgestellt. So nicht!
Und sie beantragten eine Fern- oder Nottrauung, die auch Stahlhelmtrauung genannt wurde, weil statt des strahlenden Bräutigams, ein Stahlhelm seinen Platz einnahm.
Sie sahen sich wirklich nicht bald wieder. Viele Jahre nicht!
1947 kam ein Mann auf sie zu, am Bahnhof. Er kam schnurstracks zu ihr, während sie ihren Liebsten in der Menge suchte. Sie wollte an ihm vorbei, aber er hielt ihren Arm fest.
Als sie ihn erkannte, war sie erschüttert.
Das sollte ihr Ehemann sein? Ein grade 23 Jahre alter Mann? Aber seine Stimme sagte ihr das er es war. Und die Stimme in ihrem Herzen sagte das auch.
Das kleine Zimmer in der Wohnung ihrer Eltern wurde ihr Heim, und als sich dann ein Kind ankündigte, bekamen sie eine winzige Wohnung, und alte Möbel.
Es kamen noch 2 Kinder, und ihr Glück war vollkommen. Sie hatten nicht viel, aber was sie hatten, war eine liebevolle Familie.
Heute war sie um 2 Schwiegersöhne, 5 Enkel und 2 Urenkel grösser. Sie lebten in anderen Städten, kamen aber oft zu Besuch.
Doch die meiste Zeit waren sie alleine. Das war ihnen aber recht.
Alles machten sie gemeinsam. Kochen, waschen, spülen, spazieren, Arztbesuche, lachen und weinen...
Nie traf man einen alleine.
So erzählten sie ihr.
Jeden Tag erzählten sie ein bisschen mehr.
Jeden Tag liessen sie ein bisschen mehr in ihr Leben.
Wie der einzige Sohn bei einem furchtbaren Unglück starb, als er einen Kollegen vertrat, der abends gefeiert hatte, und nicht in die Höhe konnte, um den Hochofen zu reinigen.
Und wie ihr Sohn dann abrutschte, und in die Glut fiel.
Wie es war, als sie mal in Lotto gewannen. Grade soviel, das sie zum erstenmal in den Urlaub fliegen konnten, in einer Zeit als alle nach Italien fuhren mit Zelt und VW.
Nur sie flogen nach Mallorca. Und wie ihre Kinder noch monatelang ihren Freunden erzählen mussten, wie fliegen sich anfühlt.
Das einer der Enkel nun Pilot war, weil die Mutter immer so schön erzählt hatte., und ein anderer Feuerwehrmann, weil er mal als Teenager einen kleinen Küchenbrand gelöscht hatte. Das Fett in der Pfanne war in Brand geraten, und er hatte kein Wasser genommen, sondern einen Deckel. Alle hatten ihn gelobt, und er war so stolz, das er nun Brandmeister war.
Sie erzählten von den verschlungenen Wegen, die ihr Leben ging, von den schönen und den traurigen Dingen, und beim Reden ergänzte der eine den Satz des anderen.
Immer wieder schauten sie sich in die Augen, drückten sie sich die Hände, und schienen so ihre Kraft dem anderen zu schenken.
Sie wohnten immer noch in der Postwohnung, in die sie 1960 gezogen waren, als das dritte Kind kam. Auch die Möbel waren noch aus der Zeit. Es hingen soviel Erinnerungen daran. Die konnte man doch nicht einfach auf den Müll werfen.
Der Brandfleck von der Zigarrette des Sohnes, und der Rand vom Schnapsglas des Mannes, als sie den Lottogewinn feierten. Die Vase mit den Sprüngen vom Fussball des Enkels, und das Bild mit dem gesprungenen Glas, das runtergefallen war, als der Mann sie genommen und durch die Luft gewirbelt hatte, weil sie schwanger war.
Das war doch ein Teil ihres Lebens, ihres Glücks, das sie so vor dem Vergessen bewahrten.
Jeden Tag an dem sie das alte Paar traf, nahm sie mehr wahr, das sie so in sich ruhten, das sie niemanden brauchten. Das sie sich selbst genügten, und dabei solch eine Zufriedenheit, solch ein Glück ausstrahlten, das man selber fast berauscht war, von dem Frieden dieser beiden Seelen.
Sie dachte immer noch lange an die beiden Alten, und überlegte, ob sie schon einmal solch ein glückliches Paar gesehen hatte. Ihr fiel keines ein!
Ja! Sicher hatten sie auch mal gestritten, aber spätestens am Abend hatten sie sich wieder versöhnt. Sie sagten, sonst hätten sie nicht schlafen können, und nicht gewusst, wie sie den nächsten Tag überstehen würden.
Eines Tages kamen sie nicht mehr. Sie machte sich Sorgen. Sie hatte nie erfahren, wie sie hiessen, oder wo sie wohnten. So konnte sie auch niemanden nach ihnen fragen.
Nach 2 Wochen fand sie eine Todesanzeige in der Zeitung.
Da stand ein Ehepaar drin. Der Mann war gestorben. Seine Frau folgte ihm einen Tag später. Es gab einen kleinen Text dazu. Da stand, das das Herz der Frau einfach aufgehört hatte zu schlagen, weil es ohne das andere Herz keine Kraft mehr hatte.

Und sie wusste, das war ihr Ehepaar in der rosa Wolke!

In dem Bild sah sie beide... und die rosa Wolke.
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2 Kommentare
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Claudia Jacobs aus Mülheim an der Ruhr | 19.05.2015 | 14:01  
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Beate Haack aus Emmerich am Rhein | 10.12.2015 | 09:27  
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