Buch der Woche: Der Zauberkünstler und die Liebe

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„Was wir Liebe nennen, ist anfangs nur ein Durcheinander“, heißt es durchaus programmatisch im vierten Roman von Jo Lendle, der am 1. Januar als Nachfolger von Michael Krüger die Leitung des renommierten Carl Hanser Verlags übernimmt.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der leidlich erfolgreiche Zauberkünstler Lambert, der sich nach der Beerdigung seines Vaters auf den Weg zu einem Magier- und Zauberertreffen in Kanada macht. Schon die Anreise (mit einer nicht geplanten Zwischenlandung in Dublin) verläuft chaotisch, dann wird er jenseits des Atlantiks vom Auto einer jungen Frau angefahren, in die er sich auf der Stelle verliebt.
Für Lambert ist dieses „abenteuerliche“ Kennenlernen eine Art Deja-Vu-Erlebnis, denn seiner in Osnabrück zurück gebliebenen Freundin Andrea begegnete er einst, als er vor einem heftigen Regenguss in einer Kirche Zuflucht suchte, wo die als Restauratorin tätige Andrea ihrer Arbeit nachging.
Jo Lendles männlicher Protagonist ist ein seltsamer Zeitgenosse, der sich seiner eigenen Gefühle nicht bewusst ist, der innerlich zwiegespalten daherkommt und in einem Zustand des emotionalen Remis zu leben scheint. „Wohin mit dieser anderen Möglichkeit seines Lebens“, fragt sich Lambert, nachdem er der Biologin Fe in Kanada begegnet ist - einer Spezialistin für Przewalskipferde, eine in den späten 1960er Jahren in freier Wildbahn ausgerotteten Rasse.
Der 45-jährige Jo Lendle klappert hier ganz gewaltig mit dem symbolischen Geschirr, denn selbstverständlich verkörpert die Wildpferde-Expertin Fe eine starke Naturverbundenheit und großen Freiheitsdrang. Das mag anziehend auf Lambert wirken und allerlei Turbulenzen in seinem Innenleben auslösen, aber war es wirklich zwingend erforderlich, dass uns Lendle erzählerisch in die Geheimnisse der Biochemie einweiht und uns seitenlang mit Dopaminen und Endorphinen quält? Dabei steckt dahinter kaum mehr als die Erkenntnis, dass sogenannte glückliche Zufälle gewaltige Zäsuren auslösen können.
Das Ausbruch-und Ortswechselmotiv ist durchaus typisch für Lendles bisherigen Romane, doch diesmal treibt er seine Hauptfigur richtig in die Enge. Lambert begegnet eines Morgens seinem Doppelgänger, und diese faustische Ich-Verdoppelung erklärt apodiktisch: „Du hättest dich niemals entschieden, da musste ich es in die Hand nehmen.“
Ein bisschen weniger Biochemie, eine etwas geringere Dosis Symbolik und hier und da ein aufmerksameres Lektor-Auge hätte man sich ungeniert für Jo Lendles vierten, thematisch höchst interessanten Roman um den wenig entschlussfreudigen Lambert gewünscht. „Man konnte nicht auf jedes Pferd aufspringen, das vorbeigeritten kam.“ Einem „reitenden Pferd“ kann tatsächlich nur ein Zauberkünstler begegnen.

Jo Lendle: Was wir Liebe nennen. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013, 248 Seiten, 19,99 Euro
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