BUCH DER WOCHE: Suche nach dem eigenen Ich

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Der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein hatte zuletzt vor drei Jahren mit seiner nur mäßig verschleierten, gegen Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz gerichteten Roman-Persiflage „Die ganze Wahrheit“ für reichlich Aufsehen gesorgt. Nun hat sich der 52-jährige Autor wieder auf seine wahren Stärken besonnen und ein gleichermaßen rätselhaftes wie reizvolles Erzählwerk vorgelegt.

Im Mittelpunkt des neuen Romans stehen der Lehrer Anton und sein einstiger Schüler Daniel, denen wir auf verschiedenen Erzählebenen begegnen und deren Biografien (bei aller Unterschiedlichkeit) etliche Parallelen aufweisen. Beide Lebenswege sind von harten Zäsuren geprägt. Über Antons Familie hat Autor Norbert Gstrein einen dramatischen Schleier des Todes ausgebreitet: der Bruder, den er einst mit Lesestoff versorgte, hat sich in jungen Jahren erschossen, ein Onkel suchte den Freitod im Fluss, der Großvater starb bei einem Verkehrsunfall, und Antons Mutter wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs als Achtjährige Zeuge des Absturzes eines amerikanischen Bombers. Anton nahm sich zwischenzeitlich eine „Selbstfindungs-Auszeit“ und lebte für zwei Jahre in Istanbul.

Israel-Reise als Zäsur
Und auch Daniels Leben wurde offensichtlich durch mehrere Ereignisse ganz entscheidend verändert. Zunächst waren es die Bücher, die ihm sein Lehrer ans Herz legte (von Camus bis Handke), und später kam ein zweiwöchiger Israel-Aufenthalt, also auch ein Ortswechsel, als prägendes Erlebnis hinzu.
Das alles fungiert als historischer Prolog in Gstreins verschachteltem Roman. In der Handlungsgegenwart, von der aus sich der Autor kreisend immer wieder in die Vergangenheit begibt, wird auf dem Bahnhof einer österreichischen Provinzstadt eine Tasche gefunden, in deren Innern sich ein Kabel-Wirrwarr befindet. Auf einem angebrachten Zettel heißt es: „Kehret um! Erste und letzte Warnung. Beim nächsten Mal wird es ernst.“
Ein Terroranschlag mit ernstgemeinter Drohung? Eine harmlose Attrappe eines hirnlosen Wichtigtuers? Gerüchte, Vermutungen und Spekulationen schießen wie Pilze aus dem Boden, als ein unscharfes Foto des potenziellen Täters in Umlauf gebracht wird.
Anton glaubt, seinen ehemaligen Schüler Daniel zu erkennen und rekonstruiert in Gedanken ihre außerschulischen Berührungspunkte. Und da kommen ihm gleich die Begegnungen in der alten Ruine am Fluss in den Sinn, wohin sich Anton in den Ferien gern zurück zog, in sein sogenanntes „Refugium“. Irgendwann taucht Daniel dort mit seinem Freund Christoph auf, und nach anfänglicher Distanz, helfen sie dem Lehrer bei stümperhaften Renovierungsversuchen, trinken, lesen und diskutieren abends miteinander.
In der Kleinstadt machen schnell Tuscheleien die Runde. Ein Mann mittleren Alters mit zwei Teenagern, man weiß ja nie: von Homosexualität bis zu militanten Übungen reichen die Hirngespinste.
Daniel kehrt aus Israel total verändert zurück, schreibt einen naiv-idealistischen Artikel über den Nahost-Konflikt, der von simplifizierender Schwarz-Weiß-Malerei geprägt ist. Niemand weiß in dieser Phase so recht, wie mit dem „Abtrünnigen“ umzugehen ist. „Kaum geht es um Israel, haben alle die Hosen voll und sagen aus Angst, etwas Falsches zu sagen, auch nichts Richtiges mehr“, lässt Gstrein eine Nebenfigur den politisch-moralischen „Eiertanz“ in Daniels Umgebung zutreffend resümieren.

Selbstzweifel
Norbert Gstrein hat dem Lehrer Anton ein dickes Päckchen an existenziellen Fragen auf die Schultern geschnürt. Hat er als Pädagoge und (oder) als väterlicher Freund, der er auch war, irgendwann versagt? Mittels der Daniel-Figur durchlebt Anton zudem noch einmal seine Jugend, wird mit vergangenen und gegenwärtigen Sinnfragen während der Pubertät konfrontiert. „Eine Ahnung vom Anfang“ liest sich ein wenig wie die Rückkehr zu Gstreins Erstling „Einer“ (1988). Hier wie dort geht es um die zentrale Frage, wie und wann wird jemand zum Außenseiter, und was bewirkt dies im Innern eines Menschen? Latent verbirgt sich zwischen den Zeilen auch die Frage (zumindest als gedankliche Backgroundmelodie): Wie und wodurch kann ein begabter junger Mensch zum Terroristen werden?

Zweifel werden gesät
Ein wenig verklärend und idyllisierend fällt Antons Lebensrückblick schon aus, trotz der impliziten, durchaus schmerzhaften Selbstbefragung. So sitzen wir am Ende als Leser aufgewühlt, aber doch einigermaßen ratlos vor den Scherben von zwei gescheiterten Lebensläufen, die durch diverse Berührungspunkte miteinander verknüpft sind, die sich aber nicht mehr stringent zusammenfügen lassen. Zweifel werden geschickt gesät: Macht Lesen lebensfremd? Kann das bedingungslose Verschmelzen mit der Literatur gar zur Radikalisierung beitragen?
Norbert Gstrein wird nicht müde, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Energie gegen den Strom des seichten literarischen Mainstreams anzuschwimmen. Sein neuer Roman ist ein faszinierendes Spiel um biografische Möglichkeiten und Wendepunkte, und Gstrein entpuppt sich immer mehr als Virtuose des konjunktivischen Denkens und Erzählens.

Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom Anfang. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2013, 350 Seiten, 21,90 Euro
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