Ich will nur Ruhe

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Zum 70. Geburtstag der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek

„Das Schreiben ist bei mir ein leidenschaftlicher Akt, eine Art Rage. Ich bin nicht jemand, der wie Thomas Mann an jedem Satz feilt, sondern ich fetz halt herum. Das geht zwei, drei Stunden, dann falle ich zusam­men wie ein Soufflé, in das man mit einer Nadel sticht“, hat Elfriede Jelinek in einem Interview mit der Züricher „Weltwoche“ erklärt.

An Leidenschaft, Elan, Bissigkeit und künstlerischem Furor hat es in Jelineks Werken nie gemangelt. Als ihr 2004 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, war dies eine faustdicke Überraschung. Einen „Skandal“ nannten viele Kommentatoren die Preisvergabe, von einer „mutigen Entscheidung“ sprachen wohlmeinen­dere Stimmen.
„Das ist eine Ehre, die für mich zu groß ist im Mo­ment. Es ist doch unvorstellbar, dass ich mich jetzt neben Leuten wie Beckett und Hemingway wiederfin­de“, kommentierte die öffentlichkeitsscheue Autorin, die auch prompt der Preisverleihung in Stockholm fernblieb und ihre Dankesrede in ihrer Wiener Woh­nung auf Video aufzeichnen ließ.
Elfriede Jelinek ist mit ihren Bühnen- und Erzählwer­ken immer eine verbale Kämpferin, eine Autorin, die dem österreichischen Establishment – ähnlich wie Thomas Bernhard – mit schneidenden Worten zu Lei­be rückt.
Die mangelnde Bereitschaft, sich mit der ös­terreichischen Nazi-Vergangenheit auseinanderzuset­zen, lastete sie ihren Landsleuten wiederholt an, und sie attackierte öffentlich die Politiker Kurt Waldheim und Jörg Haider. Ihr ambivalentes Verhältnis zu ihrem Heimatland gipfelte darin, dass sie 1996 ein (kurzzeiti­ges) Aufführungsverbot für ihre Stücke in Österreich aussprach. Zwei Jahre später feierte sie am Wiener Burgtheater mit dem von Einar Schleef inszenierten „Sportstück" jedoch einen grandiosen Erfolg.
Dabei hat die literarische Provokateurin Elfriede Jeli­nek, die am 20. Oktober 1946 als Tochter eines Che­mikers in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren wurde und heute abwechselnd in Wien und München lebt, künstlerisch eher leise begonnen. Als Teenager lernte sie am Wiener Konservatorium Blockflöte, Orgel und Komposition, und Mitte der 1960er-Jahre schrieb sie erste Gedichte, die 1969 mit dem Lyrikpreis der österreichischen Jugendkulturwoche ausgezeichnet wurden. Ein Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte brach sie wegen einer psychischen Krise ab, in deren Folge sie sich für ein Jahr in ihrem Elternhaus verschanzte.

Vom Hörspiel zum Theater
Ihre ersten künstlerischen Erfolge feierte Jelinek An­fang der 1970er-Jahre mit Hörspielen, erst 1979 kam in Graz ihr erstes Theaterstück „Was geschah, nach­dem Nora ihren Mann verlassen hatte" auf die Bühne. Ihr Durchbruch in Deutschland ist ganz eng mit dem Namen Hans Hollmann und dem Bonner Theater ver­knüpft, das zwischen 1982 und 1988 vier Jelinek-Stücke uraufführte.
Erfolg ist der Autorin eigentlich immer suspekt, weil sie fürchtet, sich den Konventionen anzupassen, den Publikumsgeschmack zu treffen und selbst irgend­wann im verhassten Kultur-Establishment zu landen. Elfriede Jelinek schlägt sich immer auf die Seite der Schwachen und Entrechteten. Sie kämpft als Radikal­feministin mit ästhetisch teils fragwürdigen Mitteln ge­gen die Unterdrückung der Frauen (1989 erschien ihr Skandal-Roman „Lust“), sie schreibt gegen das Ver­gessen der Nazi-Vergangenheit an (1995 im Roman „Die Kinder der Toten“), wehrt sich gegen tradierte Machtstrukturen (u.a. im autobiografisch fundierten Roman „Die Klavierspielerin“, 1983) und wünschte sich einst für Österreich sehnlichst eine „links-sozialis­tische Partei“.
„Einen musikalischen Fluss“, den die Nobelpreis-Jury rühmte, wird man bei Elfriede Jelinek nur schwerlich finden. Stattdessen stößt man immer wieder auf einen zornigen, mittlerweile auch leicht larmoyanten Grund­tenor. Als ihr 1998 der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde, bekannte Elfriede Jelinek schon: „Ja, ich bin resigniert.“

Heimat in den Kammerspielen in München
Ihre künstlerische Produktivität hat unter der vermeint­lichen Resignation allerdings nicht gelitten. Mit ihrem RAF-Drama „Ulrike Maria Stuart" (2006), der Aufarbei­tung des Massakers in „Rechnitz" (2008) und der Wirt­schaftskomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns" (2009) wurden weitere schlagzeilenträchtige Theater­stücke uraufgeführt. In der Gunst der Theaterwelt ran­giert die Nobelpreisträgerin immer noch ganz oben. Ihr 2011 an den Münchner Kammerspielen uraufge­führtes Stück „Winterreise" wurde im gleichen Jahr mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet und von der Zeitschrift „Theater heute“ zum „deutschspra­chigen Stück des Jahres“ gewählt. An den Münchener Kammerspielen wurden auch ihre beiden letzten Stücke uraufgeführt, die nicht mehr so viel Staub auf­wirbelten: „Das schweigende Mädchen" (2014) und „Wut" (2016). Trotz der gigantischen Erfolge klingt El­friede Jelineks dringlichster Wunsch ziemlich beschei­den: „Das einzige, was ich mir wirklich wünsche, ist, zurückgezogen zu leben. Ich will nur in Ruhe gelas­sen werden.“
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